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Hochwohlgeborner Freiherr, Hochzuverehrender Herr!

In der Vorrede des mir kürzlich zu Gesicht gekommenen Liedersaals📖 haben Euer Hochwohlgeboren eine Galerie von Minnesängern des ThurgausWIKIDATA Icon und der benachbarten Gegend aufgestellt, welche für mich um so anziehender war, als ich selbst mit mehreren dieser alten Dichter mich näher beschäftigt habe. Dieses Zusammentreffen in demselben Ideenkreise wird mich entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, mich als Unbekannter mit gegenwärtiger Zuſchrift an Sie zu wenden. Es wird von mir eine Schrift im Druck erscheinen, worin ich den Meister Walther von der VogelweideGND Icon hauptsächlich aus seinen eigenen Liedern darzustellen versucht habe. Dabei mußte mir daran gelegen seyn, dem Ursprunge dieses Dichters auf die Spur zu kommen. Gewöhnlich wird angenommen, daß er aus dem ThurgauWIKIDATA Icon entsprossen sey. Diese Meinung erschien mir bei näherer Prüfung nicht zureichend erwiesen, wie ich solches im ersten Abschnitte meiner Schrift, wovon ein Auszug hier anliegt, ausgeführt habe. Nun finde ich in der Vorrede des Liedersaals📖 bemerkt, daß zwar nicht mehr bekannt sey, wo Herr WaltherGND Icon in oder bei Sankt GallenWIKIDATA Icon gehaust habe, wohl aber, daß er oft und lang dort gesungen. Diese Stelle hat mir von neuem die Hoffnung belebt, über die Heimath des Dichters etwas Bestimmteres zu erfahren. Bei meiner Arbeit konnte ich, ausser der Manessischen Sammlung📖, die Weingartner Handschrift der Minnesänger📖, welche jezt hier befindlich ist, sodann die Heidelberger Handschrift Nr. 350📖 benützen. Die bedeutendere Heidelb. Handschrift Nr. 357📖 ist mir noch zugesagt. Sollten nun Euer Hochwohlgeboren nähere Belege über den Ursprung Walthers von der VogelweideGND Icon besizen, oder Gedichte desselben, sowie des Truchsessen von SingenbergGND Icon 2c. 2c., welche nicht in den vorbemerkten Sammlungen vorkommen, so würde mich deren gütige Mittheilung zu dem lebhaftesten Danke verbinden. Auch verschiedene Lesarten würden für mich von vielem Interesse seyn, sowie eine Nachweisung darüber, daß mit dem im Renner📖 vorkommenden Abte von Sankt GallenGND Icon der Abt Berthold von FalkensteinGND Icon gemeint sey.

Ich fürchte jedoch, beschwerlich zu seyn, und schliesse mit der Versicherung der vollkommensten Verehrung, womit ich verharre Euer Hochwohlgeboren

unterthäniger Diener D. Ludwig UhlandGND Icon.

NS. Daß der Truchseß von SingenbergGND Icon WalthernGND Icon:,, mein Meister ", nennt, ist mir bekannt, aber dieser damals öfters vorkommende Ausdruck scheint mehr einen Titel, als ein persönliches Verhältniß zu bezeichnen.

Normalisierter Text

Stuttgart, den 8. April 1820. Hochwohlgeborener Freiherr, hochzuverehrender Herr! In der Vorrede des mir kürzlich zu Gesicht gekommenen Liedersaals haben Euer Hochwohlgeboren eine Galerie von Minnesängern des Thurgaus und der benachbarten Gegend aufgestellt, welche für mich umso anziehender war, als ich mich selbst mit mehreren dieser alten Dichter näher beschäftigt habe. Dieses Zusammentreffen im selben Ideenkreis wird mich entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, mich als Unbekannter mit gegenwärtigem Schreiben an Sie zu wenden. Es wird von mir eine Schrift im Druck erscheinen, worin ich den Meister Walther von der Vogelweide hauptsächlich aus seinen eigenen Liedern darzustellen versucht habe. Dabei musste mir daran gelegen sein, dem Ursprung dieses Dichters auf die Spur zu kommen. Gewöhnlich wird angenommen, dass er aus dem Thurgau entsprossen sei. Diese Meinung erschien mir bei näherer Prüfung nicht ausreichend erwiesen, wie ich es im ersten Abschnitt meiner Schrift, wovon ein Auszug hier beiliegt, ausgeführt habe. Nun finde ich in der Vorrede des Liedersaals bemerkt, dass zwar nicht mehr bekannt sei, wo Herr Walther in oder bei St. Gallen gehaust habe, wohl aber, dass er oft und lange dort gesungen habe. Diese Stelle hat mir von neuem die Hoffnung belebt, über die Heimat des Dichters etwas Genaueres zu erfahren. Bei meiner Arbeit konnte ich außer der Manessischen Sammlung die Weingartner Handschrift der Minnesänger, die jetzt hier befindlich ist, sowie die Heidelberger Handschrift Nr. 350 benutzen. Die bedeutendere Heidelberger Handschrift Nr. 357 ist mir noch zugesagt. Sollten Euer Hochwohlgeboren nähere Belege über den Ursprung Walthers von der Vogelweide besitzen, oder Gedichte von ihm, sowie vom Truchsess von Singenberg usw., die nicht in den erwähnten Sammlungen vorkommen, so würde mich deren gütige Mitteilung zu größtem Dank verpflichten. Auch verschiedene Lesarten wären für mich von großem Interesse, ebenso ein Nachweis darüber, dass mit dem im Renner vorkommenden Abt von St. Gallen der Abt Berthold von Falkenstein gemeint ist. Ich fürchte jedoch, beschwerlich zu sein, und schließe mit der Versicherung der vollkommensten Verehrung, mit der ich verbleibe Euer Hochwohlgeboren untertänigster Diener D. Ludwig Uhland. NS. Dass der Truchsess von Singenberg Walther „mein Meister" nennt, ist mir bekannt, aber dieser damals öfter vorkommende Ausdruck scheint eher einen Titel als ein persönliches Verhältnis zu bezeichnen.

Translation

Stuttgart, 8 April 1820. Most noble Baron, most esteemed Sir! In the preface to your Liedersaal, which recently came to my attention, you have assembled a gallery of Minnesingers from the Thurgau and the neighbouring region, which was all the more appealing to me as I myself have studied several of these old poets. This meeting of minds will excuse my taking the liberty of addressing you, though a stranger, with the present letter. A work of mine will shortly appear in print, in which I have attempted to portray the master Walther von der Vogelweide chiefly from his own songs. In doing so, I was concerned to trace this poet's origin. It is commonly assumed that he sprang from the Thurgau. On closer examination this opinion did not seem to me sufficiently proven, as I have argued in the first section of my work, an excerpt of which I enclose here. I now find it noted in the preface to the Liedersaal that, while it is no longer known whether Walther resided in or near St. Gallen, it is known that he sang there often and for a long time. This passage has revived my hope of learning something more definite about the poet's homeland. In my work I was able to use, besides the Manesse collection, the Weingarten manuscript of the Minnesingers, which is presently here, as well as Heidelberg manuscript no. 350. The more important Heidelberg manuscript no. 357 has been promised to me but not yet delivered. Should you possess further evidence concerning the origin of Walther von der Vogelweide, or poems by him or by the Seneschal of Singenberg, etc., not found in the aforementioned collections, I would be most grateful for their kind communication. Various readings would also be of great interest to me, as would evidence that the Abbot of St. Gallen mentioned in the Renner is meant to be Abbot Berthold von Falkenstein. I fear, however, to be troublesome, and close with the assurance of my most complete reverence, remaining Your Highborn's most humble servant, D. Ludwig Uhland. P.S. That the Seneschal of Singenberg calls Walther "my master" is known to me, but this expression, common at the time, seems to denote a title rather than a personal relationship.