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Wolgeborner, hochzuverehrender Herr!
Der Zeitraum zwischen Abgang und Ankunft der Post ist hier so kurz, daß ich Eu.
Wolgeboren nur mit wenig Worten den Empfang Dero Schreibens vom 8. dieses
anzeigen und Ihnen sagen kann, daß die Erfüllung eines lang genährten Wunsches
mit Denselben in nähere Bekanntschaft zu kommen, ein für mich sehr erfreuliches
Ereigniß war. Die Notizen und Auskunft über die in Dero Schreiben enthaltenen
Gegenstände werden, so weit ich im Stande bin solche genügend zu ertheilen,
nachfolgen. Die Stelle in Stumpf
Chronik📖: „ Sonst ist Vogelweid ein alt Schloß gewesst im obern Thurgow "
2c. 2c. bitte ich mir näher zu bezeichnen, ich habe sie diesen ganzen Morgen
vergebens in meiner Ausgabe von Stumpf Chr.
1548. Zürch, Froschauer📖 gesucht. In Wirtemberg ist
mir zu Reutlingen
ein
Vogelweider zur Krone bekannt, hat dieser keine Familien- Nachrichten? Walters
Wappen, im Manesischen
Kodex📖, von welchem ich eine flüchtige Abschrift beilege, ist freilich von
jenem in Stumpf📖
sehr abweichend; doch könnten beide ächt sein, wenn angenommen wird, daß Walter
, welcher Ritter war, von den Hohenstauffen
ein neues Wappen erhielt. Auf die etymolog. Untersuchungen
meines mir sonst so lieben Freundes von Arx
verlasse ich mich nicht immer, er ist hierin nicht immer glücklich. Von einer
Würde eines Vogelweiders bei den Äbten zu St. Gallen
kommt in Urkunden eben so wenig etwas vor, als dies Prädikat irgendwo anders
wird gefunden werden, denn mit dem Amte des Falkenmeisters ( Falconarius )
wird er es doch nicht identisiren wollen. Durch 3 ganze Jahre kriegten wir mit
einander um den Abt von St.
Gallen
, der einen Hof voll Sänger hatte, welches er mir ganz und gar
absprechen wollte, endlich mußte er mir beiſtimmen. Daß Ew. Wolgeboren den Codex palatinus Nr. 357📖 noch nicht haben, wundert mich; es sind schon
über 2 Monate, daß ich ihn zurückgegeben habe. Ich habe ihn abgeschrieben,
aber nicht viel Trost darinnen gefunden. Alles was ich an Handschriften,
Abschriften oder Urkunden besize, steht Ihnen mit herzlicher Bereitwilligkeit
zu Diensten. Vor wenig Tagen erhielt ich eine Handschrift des Gedichtes: Herzog Friedrich von Schwaben📖, welches Wolfram von
Eschilbach
zu geschrieben wird. Befindet sich in Wirtemberg
kein Codex hievon? Ich sollte es eher für das Werk eines schwäbischen Dichters
halten und würde, wenn ich einen Aparat von Handschriften dazu bekommen
könnte, es in meinem Liedersaal📖 herausgeben. Ich wollte keine Galerie der Minnesänger dieser
Gegend aufstellen; sonst hätte ich mehrere genannt und mehr von ihnen gesagt:
aber ich sammle an Materialien hiezu, und wäre sehr geneigt in der Folge es zu
tun. Ich bitte in Ihrer Schrift, wenn Sie von Sankt Gallen
sprechen, Ekehard I.
von Ionswil
nicht zu vergessen, von welchem wir das herrliche Gedicht: de Walthario manuforti📖 haben, welches in den Kreis des Nibelungen -
Liedes📖 gehört, von welchem ich die älteste
bekannte Handschrift📖 besitze, die eben jetzt in Zürich
abgedrukt wird.
Nehmen Sie das inliegende Exemplar des Liedersaals📖 als ein Zeichen der aufrichtigsten Hochachtung an von Euer Wolgeboren!
Normalisierter Text
Wohlgeborener, hochzuverehrender Herr! Der Zeitraum zwischen Abgang und Ankunft der Post ist hier so kurz, dass ich Euer Wohlgeboren nur mit wenigen Worten den Empfang Ihres Schreibens vom 8. dieses Monats anzeigen und Ihnen sagen kann, dass die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches, mit Ihnen näher bekannt zu werden, für mich ein sehr erfreuliches Ereignis war. Die Auskünfte zu den in Ihrem Schreiben genannten Gegenständen werde ich, soweit ich dazu imstande bin, nachreichen. Die Stelle in Stumpfs Chronik: „Sonst ist Vogelweid ein altes Schloss gewesen im oberen Thurgau" usw. bitte ich mir näher zu bezeichnen; ich habe sie diesen ganzen Morgen vergeblich in meiner Ausgabe von Stumpfs Chronik (1548, Zürich, Froschauer) gesucht. In Württemberg ist mir zu Reutlingen ein Vogelweider „zur Krone" bekannt; hat dieser keine Familiennachrichten? Walthers Wappen im Manesseschen Kodex, von dem ich eine flüchtige Abschrift beilege, weicht von jenem bei Stumpf stark ab; doch könnten beide echt sein, wenn man annimmt, dass Walther, der Ritter war, von den Hohenstaufen ein neues Wappen erhielt. Auf die etymologischen Untersuchungen meines sonst so lieben Freundes von Arx verlasse ich mich nicht immer, er ist darin nicht immer glücklich. Von einer Würde eines „Vogelweiders" bei den Äbten zu St. Gallen findet sich in Urkunden ebenso wenig etwas, wie dieses Prädikat sonst irgendwo zu finden sein wird, denn mit dem Amt des Falkenmeisters (Falconarius) wird er es doch nicht gleichsetzen wollen. Drei ganze Jahre stritten wir miteinander um den Abt von St. Gallen, der einen Hof voller Sänger hatte, was er mir gänzlich absprechen wollte; endlich musste er mir beistimmen. Dass Euer Wohlgeboren den Codex Palatinus Nr. 357 noch nicht erhalten haben, wundert mich; es sind schon über zwei Monate her, seit ich ihn zurückgegeben habe. Ich habe ihn abgeschrieben, aber nicht viel Erfreuliches darin gefunden. Alles, was ich an Handschriften, Abschriften oder Urkunden besitze, steht Ihnen mit herzlicher Bereitwilligkeit zu Diensten. Vor wenigen Tagen erhielt ich eine Handschrift des Gedichts „Herzog Friedrich von Schwaben", das Wolfram von Eschenbach zugeschrieben wird. Befindet sich in Württemberg kein Codex davon? Ich würde es eher für das Werk eines schwäbischen Dichters halten und würde es, wenn ich einen Apparat von Handschriften dazu bekommen könnte, in meinem Liedersaal herausgeben. Ich wollte keine Galerie der Minnesänger dieser Gegend aufstellen; sonst hätte ich mehrere genannt und mehr von ihnen berichtet; aber ich sammle Material dazu und wäre sehr geneigt, dies künftig zu tun. Ich bitte, in Ihrer Schrift, wenn Sie von St. Gallen sprechen, Ekkehard I. von Jonswil nicht zu vergessen, von dem wir das herrliche Gedicht „De Walthario manu forti" haben, das in den Umkreis des Nibelungenlieds gehört, von dem ich die älteste bekannte Handschrift besitze, die eben jetzt in Zürich gedruckt wird. Nehmen Sie das beiliegende Exemplar des Liedersaals als Zeichen der aufrichtigsten Hochachtung von Euer Wohlgeboren an! Eppishausen, am 12. April 1820. Gehorsamer Diener Jos. v. Laßberg, Freiherr.
Translation
Noble and most esteemed Sir! The interval between the dispatch and arrival of the post here is so short that I can only, in a few words, acknowledge receipt of your letter of the 8th of this month and tell you that the fulfilment of a long-cherished wish to become better acquainted with you was a very pleasing event for me. The information concerning the matters raised in your letter will follow, as far as I am able to provide it satisfactorily. I would ask you to indicate more precisely the passage in Stumpf's Chronicle: "Vogelweid was formerly an old castle in the upper Thurgau" etc.; I searched for it in vain all this morning in my copy of Stumpf's Chronicle (1548, Zurich, Froschauer). In Württemberg I know of a Vogelweider "at the Crown" in Reutlingen; does he have no family records? Walther's coat of arms in the Manesse Codex, of which I enclose a rough copy, differs considerably from the one in Stumpf; yet both could be genuine, if one assumes that Walther, who was a knight, received a new coat of arms from the Hohenstaufens. I do not always rely on the etymological investigations of my otherwise dear friend von Arx; he is not always fortunate in this regard. Of a dignity of "Vogelweider" among the abbots of St. Gallen, just as little appears in charters as this title is likely to be found anywhere else, for he surely does not mean to equate it with the office of Falconer (Falconarius). For three whole years we quarrelled over the Abbot of St. Gallen who kept a court full of singers, which he wished to deny me entirely; in the end he had to concede the point to me. That Your Lordship has not yet received the Codex Palatinus no. 357 surprises me; it has been over two months since I returned it. I copied it out, but found little of comfort in it. Everything I possess in the way of manuscripts, copies, or charters is entirely at your service. A few days ago I received a manuscript of the poem "Duke Friedrich von Schwaben," attributed to Wolfram von Eschenbach. Is there no copy of it in Württemberg? I would sooner take it for the work of a Swabian poet, and would, if I could obtain an apparatus of manuscripts for it, publish it in my Liedersaal. I did not wish to set up a gallery of the Minnesingers of this region; otherwise I would have named several and said more about them; but I am gathering material toward this and would be quite inclined to do so in future. I ask that in your work, when you speak of St. Gallen, you not forget Ekkehard I of Jonswil, from whom we have the splendid poem "De Walthario manu forti," which belongs to the circle of the Nibelungenlied, of which I own the oldest known manuscript, presently being printed in Zurich. Accept the enclosed copy of the Liedersaal as a token of my sincerest regard. Eppishausen, 12 April 1820. Obedient servant, Jos. v. Laßberg, Baron.