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Verehrtester Herr und Freund! Für das Geschenk, das Sie mir mit dem zweiten Bande des Liedersaals gemacht, sage ich erst jetzt meinen innigen Dank, nachdem es mir auf abermalige lange Unterbrechung wieder vergönnt ist, zu den altdeutschen Studien zurückzukehren und dabei auch dieser schönen Gabe mich zu erfreuen. Besonders wichtig ist mir auch das reichhaltige Vorwort. Möge das Buch, das sich über Heinrich v. Klingenberg schreiben liesse, nicht ungeschrieben bleiben! Aber die Zueignung dieses zweiten Bandes erweckt wehmüthige Erinnerung an den Biedermann, von dem es nun erst recht heißt: mich mvet harte sere das ir so verre sint! Im vorigen Spätjahr hatte ich mich viel mit Wolfram von Eschenbach beschäftigt, auch Einiges niedergeschrieben, aber statt der erwarteten altfranzösischen Handschriften von Bern, welche mir zu gründlicher Behandlung dieses Dichters unentbehrlich schienen, kam die Antwort, daß solche nicht abgegeben werden. Dieses nöthigte mich, den ganzen Abschnitt zurückzulegen, und ich habe mich jest zu der deutschen Heldensage gewendet. Eine neue Ausgabe der Maness. Handschrift zu bearbeiten, möchte, wenn auch kein andres Hinderniß obwaltete, mein grammatisches Ta lent kaum ausreichen. Mich freut es, wenn nun endlich das ganze Material dieser reichen Liedersammlung zu Tage kömmt. Davon aber hat mich die Vergleichung der hiesigen, Weingartner, Handschrift überzeugt, daß man die älteren Minnesänger aus dem Maness. Codex nicht in ächter Gestalt kennen lernt. Lachmanns Bekanntschaft habe ich hier gemacht. Von ihm ist gewiß Bedeutendes für Sprache, Prosodie, Kritik, zu Terwarten. Ein andrer eifriger Freund des deutschen Alterthums, Maßmann, war an Ostern hier, als ich mich gerade in Tübingen befand. Er ließ mir die Anzeige seiner beabsichtigten Ausgabe der Kaiserchronik zurück, die ich, für den Fall, daß sie Ihnen noch nicht bekannt wäre, hier beilege. Er reist dieses verdienstlichen Unternehmens wegen noch nach München und Straßburg und wird auf dem Rückweg wieder hier eintreffen. Eine weitere Ankündigung altsassischer Sprachdenkmale, von Scheller, erregt große Erwartungen. Zu verwundern ist nur, daß mit einer späten Uebersetzung der Anfang gemacht wird. Der Frühling, für den Sie uns einen Besuch hoffen ließen, ist nun angebrochen. Ich darf nicht erst versichern, wie ungemein es mich erfreuen würde, Sie recht bald unter meinem Dache zu begrüßen. Auch Conz, den ich vor wenigen Tagen gesprochen, ist zu treffen und freut sich auf Ihre Ankunft. Mit der aufrichtigsten Verehrung Stuttgart den 16. April 1825. L. Uhland.