Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Hochwohlgeborner Herr!
Schon zum dritten Male suchte ich Sie umsonst auf Ihrem
Musensitze zu Eppishausen in
den drei letzten Wochen auf; und immer umsonst, so daß ich nun fast die Hoffnung
aufgeben muß, Sie vor Anbruch des Winters noch sehen zu können; denn rauh weht
schon der Wind über die Berge her, nicht geeignet, Sie lange in Eppishausen
zu
fesseln. Ich nehme daher die Freiheit, Ihnen schriftlich mitzutheilen, was ich
lieber mündlich gesagt hätte. Allervorderst sage ich Ihnen herzlichen Dank für
die gütige Mittheilung der Notitia
imperii📖; ich habe das ganze Werk durchblättert, vieles gelesen, einiges
excerpirt, und mich überzeugt, daß die Combination in diesem Werke noch vieles
auffinden möchte, was der bloß das einzelne auffassende Blick so leicht
übersieht. Wenn ich mich recht erinnere, glaube ich einmal von Ihnen vernommen
zu haben, dass Herr Uhland
den Dichter Hartmann von
Owe
auf ähnliche Weise wie den Walter von
der Vogelweide
zum Gegenstand einer Abhandlung machen wolle, aber die
Heimath desselben nicht kenne, und auf Reichenau
rathe.
Nun finde ich im Jahr 1610 einen Pfarrer zu Kefsweil
und 1611 zu Scherzingen
des
Geschlechts von Owe. Es möchte dieses eine Spur sein, dem Wohnsitze dieses
Geschlechtes näher zu kommen, und ich werde nicht unterlassen, in Zürich
über die Lebensverhältnisse jenes Mannes Nachfrage zu halten. Je
mehr ich Grimms
deutsche Grammatik📖 lese, desto weniger kann ich mich in seine Ansichten
finden. Ich kann nicht recht begreifen, wie im Laufe der Zeiten die gothischen
Vokale und Konsonanten in andere Töne übergegangen seien, und sich somit die
Dialekte der verschiedenen Jahrhunderte auseinander entwickelt haben. Ich glaube
bisher im Gegentheil, dafs bald der baierisch, bald der schwäbische, bald der
fränkische Dialekt sich in der Schriftsprache geltend gemacht, und über andere
Dialekte erhoben habe, je nachdem in diesem oder jenem Lande mehr Liebe zur
Literatur herrschte. So lässt sich ja in Bodmers
Sammlung der Minnesänger📖 bei gleichzeitigen Verfassern Verschiedenheit des
Dialektcs nachweisen, und in Bayern
ertönen
jetzt noch die gothischen Laute. Sollte ich in meiner Ansicht irren, so
unterziehe ich mich gerne Ihrem hierin kompetenten Urtheile; möchte indess, weil
mich die Sache interessirt, doch etwas weiter nachforschen, als ich bisher
gethan, und zu diesem Ende hin die Denkmäler der altdeutschen Sprache bei meinen
Forschungen über die Landesgeschichte, zum Gegenstand meiner Nebenstudien
machen. Aus diesem Grunde bitte ich Sie um Mittheilung von Müllers
Sammlung📖 und des Gottfried von
Strassburg Werke📖, oder um anderes, was noch förderlicher für meinen Zweck
oder für Sie entbehrlicher ist. Wenn ich dieser Bitte noch diejenige um den
dritten Band des Liedersaales📖 und das Nibelungenlied Ihrer Ausgabe beifüge, so thue ich das nur in der
Erwartung, dafs Sie mir den Preis derselben ansetzen; denn ich wüsste nicht, wie
ich Sie auf andere Weise entschädigen könnte. Auch nehme ich Ihre Güte sonst so
sehr in Anspruch, dass ich schon lange der Unbescheidenheit mich anzuklagen
Ursache hätte. Ein Recensent der Kirchenzeitung, die in Darmstadt
herauskommt, hat die Predigten des
Franciskaners Berthold📖 ganz verlästert: Der Inhalt derselben sei werthlos,
die Sprache abscheulich. Ich hätte wohl Lust etwas zu entgegnen, wenn ich denken
könnte, dadurch etwas zu nützen, und vielleicht thue ich's dennoch. Uebrigens
bin ich bei nochmaligem Durchlesen jener Predigten auf eine Stelle aufmerksam
gemacht geworden, aus welcher sich das Zeitalter des Verfassers ziemlich genau
bestimmen lässt. Er sagt p. 391 „Sie werden sich am Ende der Welt so
untereinander schlagen, dass ihr Blut untereinander fliesst. Das hat nun
angehoben, da der König von Ungarn und der von Böhen stritten und der König von
Frankreich, der auch einen grossen Streit jenseits des Meeres hat, und der Graf
Peter von Savoyen, und Graf Rudolf von
Habsburg
und Graf Hermann von Heimberg
und der Bischof von Würzberg und König Prinz mit deutschem Volke." Ob
der letztere nicht selbst Konradin
gewesen sein möchte? Sollte ich Sie, Hochwohlgeborner, hochverehrter Herr, nicht
mehr in diesem Herbste in Eppishausen
zu
sehen das Vergnügen haben, so wünsche ich Ihnen von Herzen einen recht
angenehmen Winteraufenthalt und reiche Fundgruben für Ihre verdienstlichen
Forschungen. Möge der Lenz Sie denn wieder mit den Schwalben herführen und Ihre
Gewogenheit mir ferner Aufmunteruug und Stärkung geben.
Normalisierter Text
Hochwohlgeborener Herr! Schon zum dritten Male suchte ich Sie umsonst auf Ihrem Musensitz zu Eppishausen in den drei letzten Wochen auf; und immer umsonst, so dass ich nun fast die Hoffnung aufgeben muss, Sie vor Anbruch des Winters noch sehen zu können; denn rauh weht schon der Wind über die Berge her, nicht geeignet, Sie lange in Eppishausen zu fesseln. Ich nehme daher die Freiheit, Ihnen schriftlich mitzuteilen, was ich lieber mündlich gesagt hätte. Allervorderst sage ich Ihnen herzlichen Dank für die gütige Mitteilung der Notitia imperii; ich habe das ganze Werk durchgeblättert, vieles gelesen, einiges exzerpiert, und mich überzeugt, dass die Kombination in diesem Werk noch vieles auffinden möchte, was der bloß das einzelne auffassende Blick so leicht übersieht. Wenn ich mich recht erinnere, glaube ich einmal von Ihnen vernommen zu haben, dass Herr Uhland den Dichter Hartmann von Owe auf ähnliche Weise wie den Walter von der Vogelweide zum Gegenstand einer Abhandlung machen wolle, aber die Heimat desselben nicht kenne, und auf Reichenau rate. Nun finde ich im Jahr 1610 einen Pfarrer zu Kefsweil und 1611 zu Scherzingen des Geschlechts von Owe. Es könnte dies eine Spur sein, dem Wohnsitz dieses Geschlechtes näher zu kommen, und ich werde nicht unterlassen, in Zürich über die Lebensverhältnisse jenes Mannes Nachfrage zu halten. Je mehr ich Grimms deutsche Grammatik lese, desto weniger kann ich mich in seine Ansichten finden. Ich kann nicht recht begreifen, wie im Laufe der Zeiten die gotischen Vokale und Konsonanten in andere Töne übergegangen sind, und sich somit die Dialekte der verschiedenen Jahrhunderte auseinander entwickelt haben. Ich glaube bisher im Gegenteil, dass bald der bayerisch, bald der schwäbische, bald der fränkische Dialekt sich in der Schriftsprache geltend gemacht, und über andere Dialekte erhoben hat, je nachdem in diesem oder jenem Lande mehr Liebe zur Literatur herrschte. So lässt sich ja in Bodmers Sammlung der Minnesänger bei gleichzeitigen Verfassern Verschiedenheit des Dialekts nachweisen, und in Bayern erklingen jetzt noch die gotischen Laute. Sollte ich in meiner Ansicht irren, so unterziehe ich mich gerne Ihrem hierin kompetenten Urteil; möchte indes, weil mich die Sache interessiert, doch etwas weiter nachforschen, als ich bisher getan, und zu diesem Ende hin die Denkmäler der altdeutschen Sprache bei meinen Forschungen über die Landesgeschichte, zum Gegenstand meiner Nebenstudien machen. Aus diesem Grund bitte ich Sie um Mitteilung von Müllers Sammlung und des Gottfried von Strassburg Werke, oder um anderes, was noch förderlicher für meinen Zweck oder für Sie entbehrlicher ist. Wenn ich dieser Bitte noch diejenige um den dritten Band des Liedersaales und das Nibelungenlied Ihrer Ausgabe beifüge, so tue ich das nur in der Erwartung, dass Sie mir den Preis derselben ansetzen; denn ich wüsste nicht, wie ich Sie auf andere Weise entschädigen könnte. Auch nehme ich Ihre Güte sonst so sehr in Anspruch, dass ich schon lange der Unbescheidenheit mich anzuklagen Ursache hätte. Ein Rezensent der Kirchenzeitung, die in Darmstadt herauskommt, hat die Predigten des Franziskaners Berthold ganz verlästert: Der Inhalt derselben sei wertlos, die Sprache abscheulich. Ich hätte wohl Lust etwas zu entgegnen, wenn ich denken könnte, dadurch etwas zu nützen, und vielleicht tue ich es dennoch. Überdies bin ich bei nochmaligem Durchlesen jener Predigten auf eine Stelle aufmerksam gemacht worden, aus welcher sich das Zeitalter des Verfassers ziemlich genau bestimmen lässt. Er sagt S. 391: "Sie werden sich am Ende der Welt so untereinander schlagen, dass ihr Blut untereinander fließt. Das hat nun angehoben, da der von Ungarn und der von Böhmen stritten und der König von Frankreich, der auch einen großen Streit jenseits des Meeres hat, und der Graf Peter von Savoyen, und Graf Rudolf von Habsburg und Graf Hermann von Heimberg und der Bischof von Würzburg und König Prinz mit deutschem Volke." Ob der letztere nicht selbst Konradin gewesen sein möchte? Sollte ich Sie, Hochwohlgeborener, hochverehrter Herr, nicht mehr in diesem Herbst in Eppishausen zu sehen das Vergnügen haben, so wünsche ich Ihnen von Herzen einen recht angenehmen Winteraufenthalt und reiche Fundgruben für Ihre verdienstlichen Forschungen. Möge der Frühling Sie dann wieder mit den Schwalben herführen und Ihre Gewogenheit mir weiterhin Aufmunterung und Stärkung geben. Genehmigen Sie die Versicherung, dass ich mit unbeschränkter Hochachtung und Freundschaftlichkeit verbleibe Ihr ergebenster Diac. Pupikofer. Bischofzell, den 29. Weinmonat 1825.
Translation
Highly Born Sir! For the third time in the last three weeks, I have sought you in vain at your Muse's seat in Eppishausen; always in vain, so that I must now almost give up hope of seeing you before the onset of winter; for the wind blows harshly over the mountains, not conducive to keeping you long in Eppishausen. Therefore, I take the liberty of writing to you what I would have preferred to say in person. First and foremost, I thank you heartily for the kind communication of the Notitia imperii; I have browsed through the entire work, read much, excerpted some, and am convinced that the combination in this work might still uncover much that the eye that only grasps the individual so easily overlooks. If I remember correctly, I believe I once heard from you that Mr. Uhland intends to make the poet Hartmann von Owe the subject of a treatise in a similar way as Walter von der Vogelweide, but does not know his homeland and guesses Reichenau. Now I find a priest in Kefsweil in the year 1610 and in Scherzingen in 1611 of the von Owe family. This could be a clue to get closer to the residence of this family, and I will not fail to inquire in Zurich about the life circumstances of that man. The more I read Grimm's German grammar, the less I can agree with his views. I cannot quite understand how, over time, the Gothic vowels and consonants have changed into other tones, and thus the dialects of the different centuries have developed. On the contrary, I believe that at times the Bavarian, at times the Swabian, at times the Franconian dialect has made itself felt in the written language, and risen above other dialects, depending on which country had more love for literature. This can be demonstrated in Bodmer's collection of the Minnesingers, where different dialects can be proven among contemporary authors, and in Bavaria, the Gothic sounds still resonate. If I am mistaken in my view, I gladly submit myself to your competent judgment in this matter; however, since the matter interests me, I would like to investigate further than I have done so far, and for this purpose make the monuments of the Old German language the subject of my secondary studies in my research on local history. For this reason, I ask you to communicate Müller's collection and the works of Gottfried von Strassburg, or anything else that might be more conducive to my purpose or more dispensable for you. If I add to this request the third volume of the Liedersaal and the Nibelungenlied of your edition, I do so only in the expectation that you will set the price for them; for I do not know how else I could compensate you. I have already taken advantage of your kindness so much that I would have had reason to accuse myself of impertinence long ago. A reviewer of the Church Newspaper, which comes out in Darmstadt, has completely vilified the sermons of the Franciscan Berthold: The content is worthless, the language abominable. I would be tempted to respond if I thought it would be of any use, and perhaps I will do so anyway. Moreover, upon re-reading those sermons, I have been made aware of a passage from which the age of the author can be fairly accurately determined. He says on page 391: "They will strike each other at the end of the world so that their blood flows among each other. This has now begun, as the one from Hungary and the one from Bohemia fought, and the King of France, who also has a great quarrel across the sea, and Count Peter of Savoy, and Count Rudolf of Habsburg and Count Hermann of Heimberg and the Bishop of Würzburg and King Prince with German people." Could the latter not have been Conradin himself? Should I, Highly Born and Most Esteemed Sir, not have the pleasure of seeing you this autumn in Eppishausen, I wish you from my heart a very pleasant winter residence and rich mines for your meritorious research. May spring bring you back with the swallows and continue to give me encouragement and strength through your favor. Please accept the assurance that I remain with unlimited respect and friendliness, Your most devoted Diac. Pupikofer. Bischofszell, the 29th of Wine Month 1825.