Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Ir erst heute
erhaltenes Schreiben vom 29. Weinmonat hat mir viele Freude gemacht: es tut
einem alten Manne immer wol, wenn man an jn denkt; noch mer, wenn man seiner mit
Liebe gedenkt. Ich bitte Sie zu glauben, daß ich einen nicht kleinen Wert auf Ir
freundschaftliches Wolwollen seze und selbes auf alle Weise zu erwiedern und zu
verdienen streben werde. Ich sende Inen hier nach Irem Verlangen die Myller'sche Sammlung📖; es ist auch ein dritter Teil vorhanden der nie in
den Buchhandel gekommen ist und den ich nicht besize; er enthält den Krieg von Troja des Wolfram von Eschilbach📖. Es freut mich ungemein, daß
sie sich mit der teutchen Literatur des Mittelalters näher bekannt machen
wollen; die Sache kann nicht anderst als dabei gewinnen, und mich würde es ganz
glüklich machen, so nahe bei mir einen Mitarbeiter zu gewinnen. Als Introduktion
zu diesem Studium würde ich raten, den Grundriß
der altdeutschen poët. Literatur von v. Dr Hagen und Büsching📖 zu lesen. So
unvollkommen das Buch ist, so unentbehrlich ist es, da wir kein anderes dieser
Art besizen. Sie finden es bei mir. Den Tristan des
Gottfried von Straßburg📖 würde ich später zu lesen raten. Jede, auch die
dunkelste und entfernteste Spur zu Auffindung des Vaterlandes von Hartmann v. Au ist höchst wichtig, da man über seine Herkunft gar nichts
weiss: allein der Name fürt uns zu nichts! es gibt noch Edelleute des Namens von
Owe in Schwaben
, sie
sind aber mit dem Sänger Hartmann
auf keine Weise verwandt, welcher, wie ich gute Spur habe, einen Hasen in dem
Schilde oder doch wenigstens auf dem Helme fürte. Das schlimmste ist, dass wir
seinen Geschlechtsnamen nicht einmal kennen; denn er selbst sagt blos im armen Heinrich📖, daß er ein Dienstmann (:Ministerialis:) zu Owe sei. Es ist
also bei Verfolgung irer Spur hauptsächlich das Wappen oder Siegel des Pfarrers
von Scherzingen
zu entdeken, ob es mit jenem des Hartmann von
Owe
Aenlichkeit hat. Was Sie über Grimms
Grammatik📖 sagen, habe ich zum Teile oft schon selbst gefunden; aber dieser
Mann hat eine große Auctorität im nördlichen Deutschland
; wir
sind ser gute Bekannte und Freunde, aber füren oft abweichende Meinungen in
unserm epistolarischen Verkere. Was Sie aber von Umwandlung der Selbstlaute in
unserer Sprache sagen, ist nicht ganz begründet; denn das Gegentheil ist viel
mer factisch erwiesen; wol aber bin ich darin Irer Meinung, daß diese Mundarten
(:Dialecte:) nicht erst aus dieser Umwandlung entsprungen seien. Es kömmt bei
diesen Dingen viel, ja das Meiste auf Zeit, Volk und Land an, von denen gerade
die Rede ist. Meine alte sich immer mer bevestigende Meinung ist, daß schon vor
Ulfilas
Zeit, ja bei der Einwanderung aus Asien
, bei den
germanischen Stämmen zwei Hauptdialecte gewesen, sowie sie noch sind; der
ober-(deutsche) und niederdeutsche. Darüber sprechen wir beßer einmal in der Villa
Epponis
. Sie sollen sowohl von meinem Nibelungenliede, als von dem III.
Bande des Liedersaals📖 haben; allein erstes muß ich erst herauspaken und von lezterem
sind die Exemplare in Constanz
. Von
Bezalung kann hier keine Rede sein und können glauben, daß jeder Anlaß Inen
einen Dienst zu erweisen, mir allezeit ser willkommen ist. Es tut mir leid, daß
ich bei meinem lezten Abgang die Dauer meiner Abwesenheit von hier nicht wußte,
sonst hätte ich Inen den Episcopatus
Constanc. des Neugart📖 geschickt, um jn meiner Abwesenheit jn zu benuzen.
Ich schreibe wirklich das Breviarium dieser
Handschrift ab, welche wol so bald noch nicht im Druk erscheinen wird. Es
ist ein sehr wichtiges Werk für Schwaben
und Schweiz
: aber wer will jezt gerne latein lesen? Laßen Sie sich ja nicht
abhalten die Antirecension der Predigten des
Bruders Berthold📖 zu schreiben; es ist eine verdienstliche Sache und alle
Freunde der altteutschen Literatur werden es jnen Dank wissen. Der Recensent
kannte und verstand wahrscheinlich diese Sprache nicht. Über Berthold
selbst und seine Zeit finden Sie gute Nachricht bei dem Johann von
Winterthur
in ab Ekhardts
Corp. histor: med: aevi. Tom: I.📖 Der Mönch von Winterthur
kannte
noch Leute, die den Bruder Berthold
predigen gehört hatten. Könnten Sie mir wohl eine Abschrift der Urkunde verschaffen, in welcher so viele Minnesänger
oder doch deren Verwandte als Zeugen vorkommen? ich glaube, Sie haben sie im Kantons Archiv gefunden. Gerne würde ich die Gebür
bezalen; aber die Copia müsste collationirt sein. Die Villa und Urbs sind so
nahe beisammen, daß sie wol dieser Tage einen Spaziergang herüber machen und bei
mir nachtlagern könnten, der Abend ist im Winter vortrefflich zu
wissenschaftlicher Unterhaltung, und am Morgen sind Sie ja so früh Sie wollen
wieder zu Hause. Es tut mir leide, daß Sie diesen Herbst so oft fortgegangen
sind; aber ich hatte unverschiebliche Geschäfte in Heiligenberg
,
unter andern die Pflanzung von 8000 jungen Eichen um den Schloßberg herum. In
hundert Jaren wird das ein schöner Wald sein und niemand mehr wissen durch wen
sie hergekommen sind. Ich sende Inen das einzige Exemplar vom III. Bande des Liedersaales📖 das ich bei Handen habe, denn es ist beßer, daß es jre
Lesebegierde befriedige als unbenuzt bei mir liege.
Normalisierter Text
Eppishausen am 4. Nov. 1825. Mein verehrtester Herr! Ihr erst heute erhaltenes Schreiben vom 29. Weinmonat hat mir viele Freude gemacht: es tut einem alten Manne immer wohl, wenn man an ihn denkt; noch mehr, wenn man seiner mit Liebe gedenkt. Ich bitte Sie zu glauben, dass ich einen nicht kleinen Wert auf Ihr freundschaftliches Wohlwollen setze und selbiges auf alle Weise zu erwidern und zu verdienen streben werde. Ich sende Ihnen hier nach Ihrem Verlangen die Myller'sche Sammlung; es ist auch ein dritter Teil vorhanden, der nie in den Buchhandel gekommen ist und den ich nicht besitze; er enthält den Krieg von Troja des Wolfram von Eschilbach. Es freut mich ungemein, dass Sie sich mit der deutschen Literatur des Mittelalters näher bekannt machen wollen; die Sache kann nicht anders als dabei gewinnen, und mich würde es ganz glücklich machen, so nahe bei mir einen Mitarbeiter zu gewinnen. Als Einführung zu diesem Studium würde ich raten, den Grundriss der alten deutschen poetischen Literatur von von Dr Hagen und Büsching zu lesen. So unvollkommen das Buch ist, so unentbehrlich ist es, da wir kein anderes dieser Art besitzen. Sie finden es bei mir. Den Tristan des Gottfried von Straßburg würde ich später zu lesen raten. Jede, auch die dunkelste und entfernteste Spur zur Auffindung des Vaterlandes von Hartmann von Aue ist höchst wichtig, da man über seine Herkunft gar nichts weiß: allein der Name führt uns zu nichts! Es gibt noch Edelleute des Namens von Ow in Schwaben, sie sind aber mit dem Sänger Hartmann auf keine Weise verwandt, welcher, wie ich gute Spur habe, einen Hasen im Wappen oder doch zumindest auf dem Helm führte. Das Schlimmste ist, dass wir seinen Geschlechtsnamen nicht einmal kennen; denn er selbst sagt bloß im "armen Heinrich", dass er ein Dienstmann (Ministerialis) zu Ow sei. Es ist also bei der Verfolgung ihrer Spur hauptsächlich das Wappen oder Siegel des Pfarrers von Scherzingen zu entdecken, ob es mit jenem des Hartmann von Ow Ähnlichkeit hat. Was Sie über Grimms Grammatik sagen, habe ich zum Teil schon selbst gefunden; aber dieser Mann hat eine große Autorität im nördlichen Deutschland; wir sind sehr gute Bekannte und Freunde, aber führen oft abweichende Meinungen in unserem epistolarischen Verkehr. Was Sie aber von Umwandlung der Selbstlaute in unserer Sprache sagen, ist nicht ganz begründet; denn das Gegenteil ist viel mehr faktisch erwiesen; wohl aber bin ich darin Ihrer Meinung, dass diese Mundarten (Dialekte) nicht erst aus dieser Umwandlung entsprungen sind. Es kommt bei diesen Dingen viel, ja das Meiste auf Zeit, Volk und Land an, von denen gerade die Rede ist. Meine alte, sich immer mehr befestigende Meinung ist, dass schon vor Ulfilas Zeit, ja bei der Einwanderung aus Asien, bei den germanischen Stämmen zwei Hauptdialekte gewesen sind, sowie sie noch sind; der ober- (deutsche) und niederdeutsche. Darüber sprechen wir besser einmal in der Villa Epponis. Sie sollen sowohl von meinem Nibelungenlied, als auch von dem III. Band des Liedersaals haben; allerdings muss ich erstes erst heraussuchen und von letzterem sind die Exemplare in Konstanz. Von Bezahlung kann hier keine Rede sein und [Sie] können glauben, dass jeder Anlass Ihnen einen Dienst zu erweisen, mir jederzeit sehr willkommen ist. Es tut mir leid, dass ich bei meinem letzten Abgang die Dauer meiner Abwesenheit von hier nicht wusste, sonst hätte ich Ihnen den "Episcopatus Constanc. des Neugart" geschickt, um ihn meiner Abwesenheit zu nutzen. Ich schreibe wirklich das Breviarium dieser Handschrift ab, welche wohl so bald noch nicht im Druck erscheinen wird. Es ist ein sehr wichtiges Werk für Schwaben und Schweiz: aber wer will jetzt gerne Latein lesen? Lassen Sie sich ja nicht abhalten, die Antirezension der Predigten des Bruders Berthold zu schreiben; es ist eine verdienstliche Sache und alle Freunde der altdeutschen Literatur werden es Ihnen danken. Der Rezensent kannte und verstand wahrscheinlich diese Sprache nicht. Über Berthold selbst und seine Zeit finden Sie gute Nachrichten bei dem Johann von Winterthur in ab Ekhardts Corp. histor: med: aevi. Tom: I. Der Mönch von Winterthur kannte noch Leute, die den Bruder Berthold predigen gehört hatten. Könnten Sie mir wohl eine Abschrift der Urkunde verschaffen, in welcher so viele Minnesänger oder doch deren Verwandte als Zeugen vorkommen? Ich glaube, Sie haben sie im Kantonsarchiv gefunden. Gerne würde ich die Gebühr bezahlen; aber die Kopie müsste kollationiert sein. Die Villa und Stadt sind so nahe beieinander, dass Sie wohl dieser Tage einen Spaziergang herüber machen und bei mir übernachten könnten, der Abend ist im Winter vorzüglich zu wissenschaftlicher Unterhaltung, und am Morgen sind Sie ja so früh Sie wollen wieder zu Hause. Es tut mir leid, dass Sie diesen Herbst so oft fortgegangen sind; aber ich hatte unverschiebbare Geschäfte in Heiligenberg, unter anderem die Pflanzung von 8000 jungen Eichen um den Schlossberg herum. In hundert Jahren wird das ein schöner Wald sein und niemand mehr wissen, durch wen sie hergekommen sind. Ich sende Ihnen das einzige Exemplar vom III. Bande des Liedersaales, das ich bei Händen habe, denn es ist besser, dass es Ihre Lesebegierde befriedigt, als unbenutzt bei mir liegt. Behalten Sie es als Andenken an Ihren ergebensten J. v. Laßberg
Translation
Eppishausen, November 4, 1825. My Most Esteemed Sir, Your letter from the 29th of Wine Month, which I received only today, has brought me great joy. It is always heartening for an old man when he is remembered, even more so when it is with affection. Please believe that I place great value on your friendly goodwill and will strive to reciprocate and deserve it in every way. As per your request, I am sending you Müller's collection. There is also a third part, which has never been in the book trade, and which I do not possess; it contains the War of Troy by Wolfram von Eschenbach. I am extremely pleased that you want to become more familiar with German medieval literature; the subject can only benefit from this, and it would make me very happy to gain a collaborator so close by. As an introduction to this study, I would recommend reading the outline of old German poetic literature by Dr. Hagen and Büsching. As imperfect as the book is, it is indispensable, as we have no other of its kind. You can find it with me. I would advise reading Gottfried von Strassburg's Tristan later. Every, even the darkest and most distant, trace to find the homeland of Hartmann von Aue is extremely important, as nothing is known about his origin: but the name leads us to nothing! There are still nobles of the name of Ow in Swabia, but they are in no way related to the singer Hartmann, who, as I have good reason to believe, carried a hare in his coat of arms, or at least on his helmet. The worst thing is that we do not even know his family name; for he himself says only in the "poor Heinrich" that he is a ministerialis (vassal) of Ow. So, in pursuing your lead, it is primarily important to discover the coat of arms or seal of the priest of Scherzingen, to see if it resembles that of Hartmann von Ow. What you say about Grimm's grammar, I have partly found myself; but this man has great authority in northern Germany; we are very good acquaintances and friends, but often have diverging opinions in our epistolary communication. However, what you say about the transformation of vowels in our language is not entirely founded; for the opposite is much more factually proven; but I do agree with you that these dialects did not originate from this transformation. Much, indeed most, depends on the time, people, and land being discussed. My old, ever more solidifying opinion is that even before Ulfilas' time, indeed, at the time of the migration from Asia, there were two main dialects among the Germanic tribes, as there still are; the Upper (German) and Lower German. We will better discuss this at Villa Epponis. You shall have both my Nibelungenlied and the third volume of the Liedersaal; of course, I have to search for the former first, and the copies of the latter are in Constance. There can be no question of payment here and [you] can believe that any opportunity to render you a service is always very welcome to me. I am sorry that I did not know the duration of my absence from here on my last departure, otherwise, I would have sent you Neugart's "Episcopatus Constanc." to make use of it during my absence. I am actually copying the breviary of this manuscript, which will probably not be printed anytime soon. It is a very important work for Swabia and Switzerland: but who wants to read Latin now? Do not let yourself be dissuaded from writing the anti-review of Brother Berthold's sermons; it is a meritorious thing, and all friends of old German literature will thank you for it. The reviewer probably did not know or understand this language. You will find good information about Berthold himself and his time with Johann von Winterthur in ab Ekhardt's Corp. histor: med: aevi. Tom: I. The monk of Winterthur knew people who had heard Brother Berthold preach. Could you possibly provide me with a copy of the document in which so many minnesingers or their relatives appear as witnesses? I believe you found it in the cantonal archive. I would gladly pay the fee; but the copy would have to be collated. The villa and the town are so close together that you could take a walk over here these days and stay overnight with me; the evening is especially good for scientific conversation in winter, and in the morning you are at home as early as you like. I am sorry that you have been away so often this fall; but I had unavoidable business in Heiligenberg, among other things, the planting of 8000 young oaks around the Schlossberg. In a hundred years, this will be a beautiful forest, and no one will know anymore who brought them here. I am sending you the only copy of the third volume of the Liedersaal that I have at hand, for it is better that it satisfies your reading desire than lies unused with me. Keep it as a memento of your most devoted J. v. Laßberg.