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Ex villa feria prima post purificationem. 1827. Ich schreibe Inen mit einen lamen Arme, mein verertester Freund! in den sich die böse ἀρθρίτις eingenistet hat: allein, das Vergnügen über Ire letzten Zeilen, läßt mich mit meiner Antwort nicht länger zögeren. Ich habe seit meiner Abreise aus Irem gastfreundlichen Hause doch zuweilen durch H. Prof. Schwab, Nachricht von Irem und der Irigen Befinden erhalten und sogar Grüße, was mich immer getröstet hat: seit einem Vierteljare aber ist auch H. Prof. Schwab verstummt und so war ich denn wirklich um Sie besorgt und wollte eben die Feder ergreifen; als die gewöhnliche Krankheit alter Jäger mich besuchte und seit mereren Wochen ein Interdikt auf alle Correspondenz legte; urteilen Sie also, ob Ir Brief vom 19. Jan. willkommen war? An den Trauerfällen in Irer Familie neme ich herzlichen Anteil; auch mich traf vor wenigen Tagen das Los, meine gute alte Schwiegermutter in Kempten zu verlieren, die freilich mit 77 Jaren nimmer viele Ansprüche an das Leben machen konnte. Für die mir stets interessanten Nachrichten, die Theotisca oder Diutiska betrefend, sage ich Inen vielen Dank. Auch an mich hat v. der Hagen geschrieben und seinen Gottfrid v. Straßburg zugeschikt, den ich schon beinahe 4 Jare lang aus dem Buchladen besize!!! Er versichert mich daß ich im meinen Liedersaal geschenkt habe; worüber mir freilich mein Gedächtniß keine Kunde gibt; dann hat er die Güte mir ein Blättchen Correcturen zu dem Littower zu senden, von denen auch nicht eine einzige Stich haltet und endlich verlangt er ich solle im die Aushängebogen von dem Weingartner Codex, sobald der Druk begonnen hat, posttäglich zusenden; dabei nennt er mich seinen verertesten Freund; so daß ich vor lauter Dank und Ere nicht weiß, was ich antworten soll. Ich bin von Natur nicht boshaft; aber ich muß gestehen, daß mir unwillkürlich hiebei das Horaziſche „ ibam forte via sacra etc. " einfiel. Was Sie für Lachmann z. Beförderung seiner Ausgabe des Walters v. der Vogelweide getan haben, dafür danke ich Inen, denn ich halte in allerdings für einen ser tüchtigen Mann in der Diutiska. Vor seinem W. von der Vogelweide wünschte ich die Beendigung des Ywains zu sehen: aber diese Nordteutschen laufen uns doch in allem guten zuvor! Maßmann hat mir auch aus München geschrieben; aber kein Wort v. einer Abschrift des Frauendienstes erwänt. Ich fragte in, wer denselben herausgeben werde? ( denn ich hatte vernommen, daß es in M. beabsichtet werde ) allein ich blieb 6 * one Antwort. Daß der geh. Hofrat v. Kohler etwas geschmeidiger und gefälliger geworden freut mich: ich habe auf meinen Brief, den ich bei Inen wegen seinem Ansinnen an mich schrieb, keine Antwort erhalten; ein Zeichen, daß er mit seinem Nibelungen Codex noch geheim tut und tun will. Von dem Fierabras hat man merere gedruckte Ausgaben: Geneve 1478, Lyon 1484 und 1486. Diese Sachen kann man nur in Paris bekommen, wohin ich schon längst gegangen wäre, wenn keine Franzosen da wären. Allerdings ist Graffs Diutiska ein trokenes Ding, aber doch ein verdienstliches; es soll ja vorzüglich der Sprachkunde gewidmet sein: aber das wünschte ich, daß er über die Quellen, aus denen er schöpft, etwas ausfürlicher spräche. Wo ist er nun wol? Das 2. Hefte erhielt ich im December mit einer Zeile von seiner Hand; hat denn die Reise nach Italien nicht stattgefunden? Sie sagen: ich habe mit H. Prof. Schwab fortwärend in Correspondenz gestanden; das ist das Wort; ich schrieb im am 5. Nov. das lezte Mal, erhielt aber keine Antwort; er hatte mir zerschiedenes seinen Bodensee betrefend zur Einsicht und Vernemlassung z. senden angekündiget, unter andern auch die Charte: allein ich erhielt nie etwas; einige 20 Druckbogen hatte ich mit aller Treue und Liebe corrigirt und redigirt: allein, ich muß unwillkürlich ( das weiß Gott ) in irgendwo verwundet haben: das tut mir leid, denn mein Wille konnte es nie sein Liebe mit Leid zu erwiedern. Dergleichen habe ich in 57 Jaren schon oft erlebt und stelle das dann immer den Göttern anheim, und oft entwikelt es sich wieder freundlich. Das muß man kommen lassen! indessen grüßen Sie diesen Mann hurtigen Geistes von mir, dem ich alles erfreuliche wünsche. Über Spervogel habe ich nun keinen Zweifel mer, daß er ein Schwizer war; seine Lieder haben unverkennbare Criterien der Mundart des Zürchersee's. Seine Gedichte ge hören ganz anz dem Meistersange an, er war ein Spruchtichter und hat warscheinlich um das Iar 1330-1335, da die soge nannte Maneß. Sammlung geschrieben wurde, noch gelebt. Die Strophe bei Bodmer II. 226. „ es zimt wol helden, das fro nach leide sin etc. " scheint mir eine Anspielung auf die ( 1315 ) verlorne Schlacht von Morgarten zu sein. Johann v. Schwanden, Abt zu Einsiedlen, eingedenk der im vorigen Jar von den Schwizeren begangenen Plünderung seines Klosters, war auf Seite Herzogs Leopold v. Österreich: die Spervögel waren Amtleute des Klosters E. zu Hurden; er konnte also wol singen: „ Dorumbe son wir nit verzagen. „ Es wirt noch bas versuochet. " Daß er arm und warscheinl. ein farender Sänger war, erscheint aus der Strophe, pag. 227: Ich sage iu lieben süne min etc., aber seine Voreltern waren doch im Wolstande; denn sie machten beträchtliche geistl. Stiftungen zu Hurden und Ufnan. Wer der Fruote von Tenemarken war ist nicht wol 3. entziffern, ein Mann der mit wenig anfieng und viel gewan. Von Husen Walther scheint blos des Reimes wegen da zu stehen, da der Sänger bekanntlich Friederich hieß vielleicht hieß er: Friederich Walter? Heinrich v. Gibichenstein iſt ganz unbekannt. „ Vnd von Stoufen we ir noch ein " deutet vielleicht auf die uneheliche Nachkommenschaft, die König Enzius von der Lucia Viadagola in Bologna verließ. Wernhart v. Steinsberg oder Steinberg ist mir nicht bekannt; aber da die Graven v. Dettingen in erbten, muß er wol mit diesem Hause verwandt gewesen sein; niemand sollte hierüber bessere Auskunft geben können als H. geh. Hofrat Kohler. Ich werde darüber Langs Regesta nachschlagen, von welchen er mir kürzlich den IV. Bd. zugeschikt hat. Pag. 227 „ man seit ze hove mere etc. scheint zu beweisen, daß er an dem Hofe, warscheinl. des Herzogs Leopold, bekannt und folgl. ein farender Sänger war, der Gransprunge man eben da ist mir unverständlich, warscheinlich ist der Text verdorben. pag. 228. „ Ein wolf und ein witzig man, saszen Schachzabel an " beziehet sich auf d. Fabel Nr. CLXI. im II. Bd. des Liedersaales Seite 605, welche also älter sein muß als Spervogels Getichte. Die Strophe pag. 230 „ mich wundert dike, das ein wolgeraten man „ vnder sinen friunden niht erben kan " etc. spielt vielleicht auf sein Verhältniß, mit seinen Verwandten zu Hurden an, welche so vieles den Kirchen vermachten. Auch ebenda: „ das ich vngelüke han, das tuot mir we, „ des muos ich ungetrunken gan, von einem see " mag sich wol auf keinen andern als den Züricher See bezie hen, an welchem Hurden, die Heimat des Tichters, liegt. Nemen wir noch dazu die Nachbarschaft v. Ratpertswil, gerade jenseits der Brüke, wo um diese Zeit und zuvor mer als ein Sänger war; so möchte es uns nicht schwer fallen, den Sänger Spervogel bei Bodmer zu den Spervögeln zu zählen, welche um diese Zeit zu Hurden wonten. Über Albrecht von Kemenaten ( Rud. v. Ems in der Alexandreis ) und seine Familie habe ich eine ganze Genealogie und an Urkunden von 1282-1285 wolerhaltene Siegel aufgefunden. Sie besaßen Arbon am Bodensee ( sagen Sie dieses dem H. Prof. Schwab ), waren Camerarii ducis Sueviae und König Conrad der Junge wonte 1266 den ganzen Sommer bei seinem Vater Volkmar von Kemenaten. Albrecht scheint mit Conradin nach Apulien gezogen zu sein; denn da seine Brüder 1282 Arbon an d. Bischof Rud. v. Constanz verkauften, war er nicht gegenwärtig und ist in der Urkunde nur in dem Ausdrucke: fratres mei begriffen; vermutlich lag er noch in dem Kerker des K. Karl v. Anjou, in dem viele schwäb. Ritter liegen blieben. In Langs Regesta fommen sie öfters vor. Der Vater Volkmar hat da in Urkunden den Beinamen: Sapiens. Wir finden bei Bodmer M. S. II. 19 einen Sänger unter dem Namen: der Diuring. Einige Worte und mundartliche Ausdrüke in seinen Liedern erlaubten mir nie zu glauben, daß dieser Sänger aus Thüringen seie. Unter vielen Urkunden die mir diesen Winter zu Gesicht kamen, war auch ein Compromißspruch, worin Wernher Türing Altlandammann zu Schwiz, Conrad ab Iberg Landammann daselbst, mit Jacob von Warte und Rudolf Müller Ritter einen Span zwischen dem Kloster Einsiedlen und denen von Schwiz vergleichen. actum VIII. kal. Jul. 1311. In einer Urkunde des lezten Graven v. Naperswil Rudolf, de anno 1261 dem Kloster Einsideln gegeben, finde ich unter den Zeugen einen: Heinricus miles de Owe der kein Schwabe, sondern ein Dienstmann des Graven gewesen zu sein scheint. Nun will ich Inen noch ein ganz Nest vol alte Tichter ausschütteln, von denen Inen gewiß mancher zum ersten male unter die Augen kommt. Johannes Müller in seiner handschriftl. Chronik und Geschichte der Freiherren von Zimbern, Blat. 1488a. sagt nachfolgendes: „ Ich hab von disem herren Konrad von Bickenbach in ainet „ gar alten geschribenen buoch ain lied gefunden das im wirt nam- „ lichen zuegeschrieben, und seitmals ouch anderer fürnemer leuten „ lieder, die sie selbs geticht vnd gemacht, daby gestanden, wie her- „ nach folgen wirt, so glaub ich genzlich her Conrat she dies orts „ ouch der author, und dem verborgenen sinn nach zu nemen; so „ mag das lied vff die obgehörte hystoria gedeutet werden. Ich kan „ ouch sunderlichen nit vmbgehen, die zu vermelden, die vermög des Vgl. v. d. Hagens Minnesinger IV, 883 und III, 408. „ gar vralten buochs mit iren namen sint vffgeschriben worden vnd „ die Gedechtnuß bey iren getichten der lieder, den nach komen ha- „ bend bekannt gemacht, als: Her Hadamar v. Laber ain Bayer vnd „ Her Wolfram v. Eschenbach, baid Fryherren, Grav Peter v. Ar- „ burg, Her Rainhart v. Brennenberg vnd Her Hainrich v. Morun- „ gen, baid ritter, Her Conrat Fryherr v. Bickenbach vnd dann „ nachfolgende von adell, Walther v. Gachnang ( in Thurgau ) der „ v. Pawenberg, der von Sonneckh, vnd dann der Schenk von Land- „ egkh, item maister Frawenlob, maister Volzan, Maister Conrat „ von Würzburg, Maister Klingsor vnd maister Sueßkind v. Trim- „ berg, Desgleichen der Marner ( von Constanz ) der Muetinger „ ( warscheinlich ein Diener der Graven v. Dettingen, Moettingen „ liegt im Öttingschen ) der Öttinger ( von diesem besize ich einige „ handschriftliche Gedichte ) der Ellentrich, der Wild v. Veltkürch, „ der Nupftdenmann, vnd dann ein Schweitzer genannt der Hayne „ Zelky, der was ain großer Delky, auch hat der zeit Bischof Niklas „ ( aus dem Sängergeschlechte v. Kiunzingen genannt Hofmeister von „ Franwenfeld ) von Costanntz einen Schriber gehapt, Her Hainrich, „ der ist gleichfalls mit den tütschen lieder vnd geruempten getichten „ vmbgangen, zue vermueten sy haben dazumal nit groesser oder mer „ geschafft gehapt; sonder nur de faire bon temps, aber das Bicken- „ bachisch Lied, das laut von Wort zu Wort wie hernach folgt: „ 1. Stilswigen vnd gedagt „ daz ist nu der beste sitt „ dann wer sich vil ruempt vnd sagt „ zwar der laydet sich dar mit „ sicherlich er wurt zu swach „ er sy ritter oder knecht „ wer ez tut der tut nit recht „ der vil sagt daz nie beschach „ wer sich well lieben rainen wiben „ der hab sy in steter hut „ beschicht aim Mann dann icht ze gut „ daz kan im layd vertriben, „ 2. Mancher spricht er sy gelegen „ by herzlieb dikh vnd dikh „ vnnd heb ouch liebe phlegen „ mund an mund blikh an blikh „ layder das entpfannd ich nie „ ez geschicht do ez geschehen sol „ mir ist am denckhen wol „ kuß von liebe ich nie entphie „ wer sich well lieben rainen wiben „ der hab sy in steter hut „ beschicht aim Mann dann icht ze gut „ daz kan im layd vertriben. „ 3. Swig ich zu der liebe gut „ hey so wer ich gar ain heldt „ sy kumpt mir selten vz dem mut " " „ die ich ze trost hab vzerwelt „ sy ist by rainen wiben clug „ die ich mit ganzen trewin [ minn? Pf. ] „ minß herzen trut ain Kayserin „ wer sy mir holt ich hett genug „ wer sich well lieben rainen wiben „ der hab sy in steter hut „ beschicht aim Mann dann icht ze gut „ daz kan im layd vertriben. " Sie wissen wol lieber Freund! wo dies Lied sonst noch stehet; aber das sehen wir doch hieraus, daß es um die Mitte des XVI. Jarhunderts dem Schenken Conrad von Bikenbach namlichen zugeschrieben worden. Sie fragen mich, was ich mache? ich bin hier in der Villa Epponis eingeschneit und habe eine so gute warme Stube, daß es mich gar nicht gelustet in die Stadt zu gehen. Der Codex Weingartensis hat mich einige Zeit beschäftiget: aber eine Menge interessanter Urkunden, die mir über einmal zukamen und die ich bald wieder zurükstellen muß, haben mich fürs erste von dieser Arbeit abgezogen, so daß ich vor einigen Wochen nicht wider daran kommen kann. Tausend herzliche Grüße an Ire liebe eheliche Wirtinne, ich habe drei Tage an diesem Briefe geschrieben und meine steife Hand will ausruhen. Leben Sie wol aufrichtig geliebt ond vereret von Frem Laßberg. Das Buch des H. Prof. Diez von der Poesie der Troubadours habe ich sogleich verschrieben, und danke für die Notiz. Explicit 5ta Februarij MDCCCXXVII.