Original Text Transcribed from the manuscript (Transkribus)
Eppishausen am 2. April 1827. Das sind keine erfreuliche nachrichten mein
vererter Freund! die Sie mir von Irem befinden geben und ich hoffe, daß Sie mir
bald bessere zusenden werden. Glauben Sie mir, das predigen taugt nicht für ihre
Brust und es wird bei Inen bald, aus pflicht der selbsterhaltung, der cathegor.
Imperativ eintretten, kürzer und weniger oft zu predigen. Möchten Sie sich doch
noch zur rechten zeit von der wahrheit dieser ansicht, die ich nicht anmassend
auch voraussicht nennen will, überzeugen! Ich sende Inen mit vielem und grossem
Danke die canisischen
lektionen📖 zurük; manches habe ich daraus gelernt und einiges, besonders aus
des monachi S.
Gallens., historia Caroli📖 mir auch abgeschrieben. Ich wäre wol versucht,
diese vita Caroli mit den Editoren der Lectiones
antiquae📖 für ein Werk des Notker
Balb
. zu halten; wenn mir nicht eine chronolog. Schwierigkeit in den Weg
träte. Der verfasser schrieb nämlich für Karl den
Diken
; also nicht früher als 880. Notker
starb in dem iar 912. beinahe 100 jare nach Karl d.
großen
. wie konnte er bei seiner hageren und schwächlichen Leibesgestalt so
alt sein, daß er noch leute kannte, die am hofe Karls d.
gr.
gelebt und im hofanecdoten als augenzeugen erzählt haben; u. doch muß
dies leztere der Fall gewesen sein, wie solches aus den klaren worten des
verfassers hervorgehet. Ich sende Inen auch noch den Diviko
zurük, welchen ich nicht weiter als bis zum darin befindlichen zeichenschnürchen
bringen konnte. In langer zeit hat mir kein Buch so viel anstrengung und
selbstüberwindung gekostet, wie dieses. Warlich herr
Henne
ist kein albae gallinae filius; und an diesem kindischen und
läppischen ding hat der arme mann, wie er selbst sagt, zehen ganze jahre
gearbeitet! gegen das horazische: nonum prematur in annum hat er sich zwar damit
gerechtfertiget; aber auf der anderen seite auch gezeigt, wie lange eine fixe
idee, wenn sie auch noch so albern ist, und wie tyrannisch sie einen schwachen
Menschen beherrschen kann. Das Sprichwort sagt zwar, daß eine blinde Henne
zuweilen auch eine erbse findet: hier war es aber nicht der fall. Empfangen Sie
meinen besten Dank für die abschrift der urkunde von 1222. Nach der ecclesia
Crawalininsis oder Erwalininsis
habe ich schon im Muratori
mer als einen band durchgegangen, aber nichts entdeckt; dagegen gebe ich Inen
eine andere urkunde von 880 zum besten, welche vielleicht einen für Ire Turgauer geschichte📖 brauchbaren beitrag zur alten gränzbeschreibung dieses
gaues liefert. Den Grav Atto
oder Hatto findet man auch anderwärts als gr. v. Thurgau
; ob aber
gerade bei diesem iare? Auffallend war mir im Canisius📖
Tom. II, Part. III. Pag. 230 die anmerkung a) zu der inschrift des von abt Burkhard
ingenitus geschenkten elfenbeinernen Reliquienhornes, wo Burkhard
ein son des graven Ulrich von
Linzgau, Buchhorn und Montfort
genannt wird. Ich war also nicht der erste,
der diese abstammung der Montforte
für geschichtlich hielt und das freut mich; weil es meine idee
bevestigen hilft. Wenn der Verf: der note nur auch seine quelle angefürt hätte.
Daß unsere Klingenberge
vom Mayn
her
eingewandert seien, ist mir nicht warscheinlich. Es sind wol manche schwäb.
geschlechter in andere teutsche länder ausgewandert, aber nur ser wenige zu uns
herein; von diesen sind mir die Höwen
, ein zweig
der graven von Ziegenhain
, aus Hessen
, welche
der namen verändert, aber das wappen behalten haben; die von
Hornstein
aus Sachsen
und noch
die Gradler
aus Osterreich
nach
Eglisau
bekannt. Der schwäb. adel war z. zahlreich um den fremden viel
plaz zu laßen, d. Kaiser seines Zuzuges in den Kriegen zu ser bedürftig, um
durch häufige verleihung eröfnter lehen schon an fremde, in mißmutig zu machen:
dann haben die beiderseitigen Klingenbergischer Wappen weder in zeichnung noch
in den farben die allergeringste änlichkeit. Es gab ja und gibt noch in Teutschland
merere geschlechter, welche einerlei Namen füren und einander
von haus aus nichts angehen. Ritter von
Lang
sagt in seinem Briefe an mich: die fränkischen Klingenberge
seien dapiferi imperii gewesen, one die quelle
seiner behauptung anzugeben. Die eine hälfte des wappens deutet allerdings auf
ein Schenkenamt, so wie es die schenken von Limpurg
fürten, und zwar mit denselben farben. Zellweger
schreibt mir, daß nächstens in Zürich
ein
historisches journal erscheinen werde; ich freue mich darauf; denn dort sind
noch viele alte, gute und nicht benuzte quellen. Wenn Sie auch nicht zu mir
kommen können, so bitte ich wenigstens mir auch zuweilen nachricht von Irem
Befinden zugeben, an dem ich mer anteil neme, als Sie vielleicht glauben.
Verzeihen Sie doch, daß ich Ir Mscrpt. von
der Thurgauer geschichte📖 erst jezt übermache; es war verschoben und ich
glaubte, Sie hätten es lezthin selbst mitgenommen. Wäre das abscheuliche Wetter
nicht, so hätte ich Sie schon besucht; aber es ist doch gar zu arg, daß der
früling noch nicht kommen will. Vale et fave Laßbergio
.
Normalisierter Text
Eppishausen am 2. April 1827. Das sind keine erfreulichen Nachrichten, mein verehrter Freund! die Sie mir von Ihrem Befinden geben und ich hoffe, dass Sie mir bald bessere zusenden werden. Glauben Sie mir, das Predigen taugt nicht für Ihre Brust und es wird bei Ihnen bald, aus Pflicht der Selbsterhaltung, der Kategorie Imperativ eintreten, kürzer und weniger oft zu predigen. Möchten Sie sich doch noch zur rechten Zeit von der Wahrheit dieser Ansicht, die ich nicht anmaßend auch voraussicht nennen will, überzeugen! Ich sende Ihnen mit vielem und großem Dank die canisischen Lektionen zurück; manches habe ich daraus gelernt und einiges, besonders aus des Monachi S. Gallens. historia Caroli mir auch abgeschrieben. Ich wäre wohl versucht, diese Vita Caroli mit den Editoren der Lectiones antiquae für ein Werk des Notker Balb. zu halten; wenn mir nicht eine chronologische Schwierigkeit in den Weg träte. Der Verfasser schrieb nämlich für Karl den Dicken; also nicht früher als 880. Notker starb in dem Jahr 912, beinahe 100 Jahre nach Karl dem Großen. Wie konnte er bei seiner hageren und schwächlichen Leibesgestalt so alt sein, dass er noch Leute kannte, die am Hofe Karls d. gr. gelebt und im Hofanekdoten als Augenzeugen erzählt haben; und doch muss dies letztere der Fall gewesen sein, wie solches aus den klaren Worten des Verfassers hervorgeht. Ich sende Ihnen auch noch den Diviko zurück, welchen ich nicht weiter als bis zum darin befindlichen Zeichenschnürchen bringen konnte. In langer Zeit hat mir kein Buch so viel Anstrengung und Selbstüberwindung gekostet wie dieses. Warlich herr Henne ist kein Albtraum filius; und an diesem kindischen und läppischen Ding hat der arme Mann, wie er selbst sagt, zehn ganze Jahre gearbeitet! Gegen das Horazische: nonum prematur in annum hat er sich zwar damit gerechtfertiget; aber auf der anderen Seite auch gezeigt, wie lange eine fixe Idee, wenn sie auch noch so albern ist, und wie tyrannisch sie einen schwachen Menschen beherrschen kann. Das Sprichwort sagt zwar, dass eine blinde Henne zuweilen auch eine Erbse findet: hier war es aber nicht der Fall. Empfangen Sie meinen besten Dank für die Abschrift der Urkunde von 1222. Nach der Ecclesia Crawalininsis oder Erwálininsis habe ich schon im Muratori mehr als einen Band durchgegangen, aber nichts entdeckt: dafür gebe ich Ihnen eine andere Urkunde von 880 zum besten, welche vielleicht einen für Ihre Turgauer Geschichte brauchbaren Beitrag zur alten Grenzbeschreibung dieses Gaues liefert. Den Graf Atto oder Hatto findet man auch anderswo als Graf v. Thurgau; ob aber gerade bei diesem Jahr? Auffallend war mir im Canisius Tom. II, Part. III. Pag. 230 die Anmerkung a) zu der Inschrift des von Abt Burkhard ingenitus geschenkten elfenbeinernen Reliquienhornes, wo Burkhard ein Sohn des Grafen Ulrich von Linzgau, Buchhorn und Montfort genannt wird. Ich war also nicht der Erste, der diese Abstammung der Montforte für geschichtlich hielt und das freut mich; weil es meine Idee bestätigen hilft. Wenn der Verfasser der Note nur auch seine Quelle angeführt hätte. Dass unsere Klingenberg von Main her eingewandert seien, ist mir nicht wahrscheinlich. Es sind wohl manche schwäbischen Geschlechter in andere deutsche Länder ausgewandert, aber nur sehr wenige zu uns herein; von diesen sind mir die Howen, ein Zweig der Grafen von Ziegenhain, aus Hessen, welche den Namen verändert, aber das Wappen behalten haben; die von Hornstein aus Sachsen und noch die Gradler aus Österreich nach Eglisau bekannt. Der schwäbische Adel war zu zahlreich um den Fremden viel Platz zu lassen, d. Kaiser seines Zuzuges in den Kriegen zu sehr bedürftig, um durch häufige Verleihung eröffnter Lehen schon an Fremde, in missmutig zu machen: dann haben die beiderseitigen Klingenbergischer Wappen weder in Zeichnung noch in den Farben die allergeringste Ähnlichkeit. Es gab ja und gibt noch in Deutschland mehrere Geschlechter, welche einerlei Namen führen und einander von Haus aus nichts angehen. Ritter von Lang sagt in seinem Briefe an mich: die fränkischen Klingenberg seien dapiferi imperii gewesen, ohne die Quelle seiner Behauptung anzugeben. Die eine Hälfte des Wappens deutet allerdings auf ein Schenkenamt, so wie es die Schenken von Limpurg führten, und zwar mit denselben Farben. Zellweger schreibt mir, dass nächstens in Zürich ein historisches Journal erscheinen wird; ich freue mich darauf; denn dort sind noch viele alte, gute und nicht benutzte Quellen. Wenn Sie auch nicht zu mir kommen können, so bitte ich wenigstens mir auch zuweilen Nachricht von Ihrem Befinden zuzugeben, an dem ich mehr Anteil nehme, als Sie vielleicht glauben. Verzeihen Sie doch, dass ich Ihr Manuskript von der Thurgauer Geschichte erst jetzt übermache; es war verschoben und ich glaubte, Sie hatten es letztlich selbst mitgenommen. Wäre das abscheuliche Wetter nicht, so hätte ich Sie schon besucht; aber es ist doch gar zu arg, dass der Frühling noch nicht kommen will. Vale et fave Laßbergio.