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Hochwohlgeborner, hoch verehrtester Herr!
Diese ganze Woche hieß es: Du sollst dich nicht gelüsten lassen deines Nächsten Hauses;
denn die Wege waren so schlecht, daß eine so zarte Natur, wie ich bin, nie aus den
Stadtmauern, geschweige denn in die villa Epponis zu gehen wagte. Daß Sie dessen ungeachtet an mich dachten, bewies mir letzten Donnerstag
eine stumme Sendung von litterarischen Neuigkeiten, die mir sehr angenehm sind. In
den wieder in ihre Standquartiere zurückkehrenden 2. und 3. Bande von Anton
fand ich zwar wenige neue Nachrichten, aber manches, was ich schon wußte, wurde dadurch
geordnet. T. III auf Seite 439 und 440 kommt ein C. von Trymberg
vor, etwa ein Verwandter des Dichters? Seite 313. Der Ausdruck brigeln kommt der
baigle in der Ermatinger Offnung im Tone und in der Bedeutung nahe. S. 345 wäre für
Herrn Zellweger
in seiner Abhandlung über Wun und Weid wohl auch zu beachten gewesen. An Hennes urkundlicher
Darstellung der Schweizergeschichte werden Sie wenig Freude finden: im ganzen Buche
ist ja keine Urkunde unmittelbar benutzt. Sollte man nicht einem solchen Archivar
den Staubbesen geben? Meine Frau läßt Ihnen für die Clauriaden sehr danken. Sie hat
sich müde daran gelesen; ich auch, aber in einem andern Sinne. Morgen hoffe ich endlich
die Beilagen zur Thurgauischen Geschichte zu erhalten und Ihnen ein Exemplar für das
verlorene senden zu können. Soll ich dasjenige an Herrn von Müllinen
nicht mit einem Schreiben von Ihnen begleiten lassen? Wenn ich nicht übermorgen selbst
zu Ihnen komme, so erwarte ich, was Sie an Herrn von Müllinen
mitsenden wollen, bis Dienstags Morgen. Ich habe diese Woche das Weinfeldensche Neujahrblatt
ausgearbeitet und mich dabei selbst auf den Pegasus gewagt. Sagen Sie mir, ob der Versuch ein Mißgriff war und gestrichen werden soll.
Auf des langen Berges Rücken
Wohnte einst der Herren Pracht;
Gräben, Mauern, Thürme, Brücken,
Schild und Speer und Schwert und Schlacht
Schützte Ihrer Herrschaft Macht.
Und der Landmann, tief im Thale,
Sieht mit Graun zur Burg hinan;
Denn ihm droht aus hohem Saale,
Geht er nicht die Sklavenbahn,
Mit der Geißel der Castlan.
Feige in der morschen Hütte
Kennt er weder Pflicht noch Recht;
Ohne Einsicht, roh von Sitte,
Ist, an Leib und Seel geschwächt,
Er an Seel und Leib ein Knecht.
Jetzo liegt die Burg in Trümmern.
Und der Freiheit Feuer glühn;
Seht wie nun die Dörfer schimmern,
Seht wie Furcht und Trägheit fliehn,
Und die Fluren schöner blühn!
Daß ich auf beiden Seiten die Farben etwas zu stark auftrug, fühle ich wohl; aber
die Dichterbrille färbt ja alle Gestalten etwas anders, als sie in der Natur sind.
Ihre Frau Doctor ist sie noch immer krank? Ich bin nun schon zwei Male in Eppishausen
gewesen, und habe sie nicht gesehen, das dritte Mal hoffe ich sie nun ganz gesund
anzutreffen. Wenn ich auf Morgen vorbereitet sein werde, nehme ich wieder ihre Bücher
zur Hand, und so wird wenigstens in Gedanken Ihnen nahe sein Pupikofer.
Bischofzell
, den 15. Nov. 1828.
Normalisierter Text
Hochwohlgeborener, hochverehrter Herr!
Diese ganze Woche hieß es: Du sollst dich nicht gelüsten lassen deines Nächsten Hauses;
denn die Wege waren so schlecht, dass eine so zarte Natur, wie ich bin, nie aus den
Stadtmauern, geschweige denn in die Villa Epponis zu gehen wagte. Dass Sie dessen ungeachtet an mich dachten, bewies mir letzten Donnerstag
eine stumme Sendung von literarischen Neuigkeiten, die mir sehr angenehm sind. In
den wieder in ihre Standquartiere zurückkehrenden 2. und 3. Bände von Anton
fand ich zwar wenige neue Nachrichten, aber manches, was ich schon wusste, wurde
dadurch geordnet. T. III auf Seite 439 und 440 kommt ein C. von Trymberg
vor, etwa ein Verwandter des Dichters? Seite 313. Der Ausdruck "brigeln" kommt dem
"baigle" in der Ermatinger Öffnung im Ton und in der Bedeutung nahe. S. 345 wäre für Herrn
Zellweger
in seiner Abhandlung über Wun und Weid wohl auch zu beachten gewesen. An Hennes urkundlicher
Darstellung der Schweizergeschichte werden Sie wenig Freude finden: im ganzen Buche
ist ja keine Urkunde unmittelbar benutzt. Sollte man nicht einem solchen Archivar
den Staubbesen geben? Meine Frau lässt Ihnen für die Clauriaden sehr danken. Sie hat
sich müde daran gelesen; ich auch, aber in einem anderen Sinne. Morgen hoffe ich endlich
die Beilagen zur Thurgauischen Geschichte zu erhalten und Ihnen ein Exemplar für das
verlorene senden zu können. Soll ich dasjenige an Herrn von Müllinen
nicht mit einem Schreiben von Ihnen begleiten lassen? Wenn ich nicht übermorgen selbst
zu Ihnen komme, so erwarte ich, was Sie an Herrn von Müllinen
mitsenden wollen, bis Dienstags Morgen. Ich habe diese Woche das Weinfeldensche Neujahrsblatt
ausgearbeitet und mich dabei selbst auf den Pegasus gewagt. Sagen Sie mir, ob der Versuch ein Missgriff war und gestrichen werden soll.
Auf des langen Berges Rücken
Wohnte einst der Herren Pracht;
Gräben, Mauern, Türme, Brücken,
Schild und Speer und Schwert und Schlacht
Schützte ihrer Herrschaft Macht.
Und der Landmann, tief im Tal,
Sieht mit Grauen zur Burg hinan;
Denn ihm droht aus hohem Saal,
Geht er nicht die Sklavenbahn,
Mit der Geißel der Castlan.
Feige in der morschen Hütte
Kennt er weder Pflicht noch Recht;
Ohne Einsicht, roh von Sitte,
Ist, an Leib und Seele geschwächt,
Er an Seele und Leib ein Knecht.
Jetzt liegt die Burg in Trümmern.
Und der Freiheit Feuer glüh'n;
Seht wie nun die Dörfer schimmern,
Seht wie Furcht und Trägheit flieh'n,
Und die Fluren schöner blühn!
Dass ich auf beiden Seiten die Farben etwas zu stark auftrug, fühle ich wohl; aber
die Dichterbrille färbt ja alle Gestalten etwas anders, als sie in der Natur sind.
Ihre Frau Doctor ist sie noch immer krank? Ich bin nun schon zwei Male in Eppishausen
gewesen, und habe sie nicht gesehen, das dritte Mal hoffe ich sie nun ganz gesund
anzutreffen. Wenn ich auf Morgen vorbereitet sein werde, nehme ich wieder ihre Bücher
zur Hand, und so wird wenigstens in Gedanken Ihnen nahe sein Pupikofer.
Bischofzell
, den 15. Nov. 1828.