Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Hochverehrtester Herr Baron!
Letzten Samstag wurde es mir nicht zu gute, zu den Ihnen übersandten Büchern auch
nur ein Wort außer flüchtigen Notizen zu Grimm beifügen zu können. Ich hoffte, Sie bald zu sehen und Ihnen mündlich zu sagen, wie
viel Freude die deutschen Rechts Alterthümer mir gemacht haben: allein ich wurde am
Sonntage aufgefordert, für zwei Tage in häuslichen Angelegenheiten mich zu entfernen,
und Morgen soll dieß nun geschehen; ich kann also am Freitag keine Schwabenknöpfle
und Baierische Knödel mit Ihnen essen. Letzten Montag war ich in St. Gallen
, um seit drei Jahren zum ersten Male wieder der naturforschenden Gesellschaft, deren
unwürdiges Mitglied ich bin, ein Zeichen meines Lebens zu geben. Ich habe aus der
Vadianischen Bucherei Schinzens
Beiträge, die Sie einst zu sehen wünschten mitgenommen. Es scheint mir, es sei manches
lesenswürdige darin; das aber, was Sie erwarteten, wohl nicht; denn dieser Schinz
ist nicht der J. Heinrich
, der über die Geschichte der Welfen, Toggenburger, Regensberger geforscht hat. Ich
weiß nicht, ist es mir im Traume oder im Wachen eingefallen, daß die Anelago, Andilag etc. worüber Grimm
sich den Kopf zerstößt, nichts anders, als die investitura sei; wir sagen ja jetzt
noch statt ankleiden nur anlegen; Ankleidung würde also bei uns Anlage heißen und
dadurch gar wohl jene gerichtliche Formel bezeichnet werden können. Ich erinnere mich
nicht, ob Grimm
von der Investur besonders handle. Den Haltaus und Ducange
habe ich leider nur einmal gesehen in meinem Leben. Mörikofer
wird Ihnen die deutsche Marschalken Urkunde nächstens senden. Ihren freundlichen
Hausgenossen, die bei der kalten Witterung ohne Zweifel alles Reisen vergessen, wünsche
ich einen recht warmen Ofen, und Sie bitte ich um die Fortsetzung Ihrer gütigen Gesinnungen
gegen
Ihren Pupikofer.
Bischofzell
, den 4. Dec. 1828.
Normalisierter Text
Hochverehrtester Herr Baron!
Letzten Samstag wurde es mir nicht zu gute, zu den Ihnen übersandten Büchern auch
nur ein Wort außer flüchtigen Notizen zu Grimm beifügen zu können. Ich hoffte, Sie bald zu sehen und Ihnen mündlich zu sagen, wie
viel Freude die deutschen Rechts Altertümer mir gemacht haben: allein ich wurde am
Sonntag aufgefordert, für zwei Tage in häuslichen Angelegenheiten mich zu entfernen,
und Morgen soll dies nun geschehen; ich kann also am Freitag keine Schwabenknöpfle
und Bayerische Knödel mit Ihnen essen. Letzten Montag war ich in St. Gallen
, um seit drei Jahren zum ersten Mal wieder der naturforschenden Gesellschaft, deren
unwürdiges Mitglied ich bin, ein Zeichen meines Lebens zu geben. Ich habe aus der
Vadianischen Bucherei Schinzens
Beiträge, die Sie einst zu sehen wünschten, mitgenommen. Es scheint mir, es sei manches
lesenswürdige darin; das aber, was Sie erwarteten, wohl nicht; denn dieser Schinz
ist nicht der J. Heinrich
, der über die Geschichte der Welfen, Toggenburger, Regensberger geforscht hat. Ich
weiß nicht, ist es mir im Traume oder im Wachen eingefallen, dass die Anelago, Andilag etc. worüber Grimm
sich den Kopf zerstößt, nichts anderes als die Investitur sei; wir sagen ja jetzt
noch statt ankleiden nur anlegen; Ankleidung würde also bei uns Anlage heißen und
dadurch gar wohl jene gerichtliche Formel bezeichnet werden können. Ich erinnere mich
nicht, ob Grimm
von der Investur besonders handle. Den Haltaus
und Ducange
habe ich leider nur einmal gesehen in meinem Leben. Mörikofer
wird Ihnen die deutsche Marschalken Urkunde nächstens senden. Ihren freundlichen
Hausgenossen, die bei der kalten Witterung ohne Zweifel alles Reisen vergessen, wünsche
ich einen recht warmen Ofen, und Sie bitte ich um die Fortsetzung Ihrer gütigen Gesinnungen
gegen Ihren Pupikofer.
Bischofzell
, den 4. Dez. 1828.