Original Text Transcribed from the manuscript (Transkribus)
Seiner Wolerwürden Dem Herrn Diaconus
Pupikofer samt 2 päken Bücher franco. Bischofszelle. E.
am 14. April 1829. O dies infausta, nigro notanda
capillo! - warum mußte ich meinen schon so lange verschobenen besuch in canpo
vitifero gerade auf gestern gestellt haben? warum habe ich den tag bei weinenden
leuten zugebracht, da ich jn so angenem unter lachenden hatte zubringen können?
o fortunati nimium sua si bona norint; aber es gehet alles verkert zu in der
welt! Mit dem schlag 8 ur als ich in meine haustüre trat; verkündigte mir meine
haushälterin, daß die juridische und medizinische und auch die theologische
fakultät ex episcopali cella in 2 und respective 4 personen, den armen alten
Einsiedler, der zu gar keiner fakultät gehört, in seinem tugurium haben besuchen
wollen. Ich hatte mir gar keine hofnung gemacht Sie mein verertester freund! vor
Ostern noch einmal zu sehen, und kam diesmal so hässlich um dieses unerwartete
vergnügen!! - auch den herrn Oberamtmann
und die 2 liebenswürdigen frauen hätte ich mit vergnügen
gesehen; aber mir ist kein glük bescheret. Ich sende mit vielem Danke Inen die
geliehenen bücher zurük; sollte ich noch etwas dergleichen von Inen in meiner
gewarsame haben; so bitte ich mich daran zu erinnern; denn es ist billig, daß
jeder gute christ vor oder in der österlichen zeit sein gewissen rein mache. Ich
habe lezte woche über 1500 verse für Berlin
abgeschrieben, welche noch auf die ostermesse kommen sollen. Der böse Hagen
wird noch machen, daß mir die finger von den händen abfallen. Die 3
quartbände Minnesänger sind laut schreibens des verlegers Barth
in
Leipzig
schon in den lezten tagen des Märzen an mich abgegangen und können
also täglich eintreffen, ich bin ser begierig darauf. v.d.
hagen
giebt mir nachricht von einer neu entdekten Liedersammlung des XIV.
Jahrhunderts; die mehr als 100 stüke verschiedener art enthaltet, und wovon er
mir eine abschrift anbietet, in dem schwäb.
merkur hat Herr Pfarrer
Jäger
, ohne mein wissen, einen trompetenstoß ins publikum getan, worin er
von unsern projekten zu herausgabe histor. quellen spricht. Das siehet so wie
eine art von Notzwang aus, die ich mir nicht gern antun lasse, und dies könnte
beinahe machen daß ich wieder zurükgienge, denn ich lasse mich nicht gerne von
fremden beherrschen. Ueberhaupt ist mir die fraubaserey zuwieder, die alles
ausposaunet und so gern von dem spricht, was getan werden will und noch nicht
gethan ist. Sonst giebts nichts neues. Schiken Sie mir auch wieder morgenblätter📖, man schläft so sanft dabei ein, wenn man sie im bette
lieset. Viele Grüße an Sie und die Irigen Von Irem ergebensten J.
Laßberg
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Normalisierter Text
Seiner Wohlwürden dem Herrn Diakon Pupikofer samt zwei gepackten Büchern franko zu Bischofszell. E am 14. April 1829. O diese unglückselige, mit schwarzem Haar zu kennzeichnende Sache! Warum musste ich meinen bereits so lange aufgeschobenen Besuch im Weingarten gerade gestern vereinbaren? Warum habe ich den Tag bei weinenden Menschen verbracht, obwohl ich ihn fröhlich mit Ihnen verbringen könnte? O die glücklichen Menschen, wenn sie nur ihre eigenen Güter kennen würden! Aber die Welt kommt völlig durcheinander! Um Punkt 8 Uhr, als ich in meine Haustür trat, verkündigte mir meine Haushälterin, dass die juristische, medizinische und theologische Fakultät aus der Bischofzelle in zwei bzw. vier Personen den armen alten Einsiedler, der keiner Fakultät angehört, in seiner Hütte besuchen wollte. Ich hatte mir gar keine Hoffnung gemacht, Sie, mein verehrtester Freund, vor Ostern noch einmal zu sehen, und verliere diesmal so hässlich dieses unerwartete Vergnügen! Ich schicke Ihnen mit vielen Dank zurückgeliehene Bücher; sollten Sie noch etwas Derartiges von Ihnen in meinem Gewahrsam haben, bitte ich Sie, mich daran zu erinnern, denn es ist angebracht, dass jeder gute Christ vor oder während der österlichen Zeit sein Gewissen reinigt. Letzte Woche habe ich über 1500 Verse für Berlin abgeschrieben, die noch zur Ostermesse kommen sollen. Der böse Hagen wird noch dazu führen, dass meine Finger von den Händen abfallen. Die drei Quartbände Minnesänger sind laut Schreiben des Verlegers Barth in Leipzig bereits in den letzten Tagen des März an mich versandt worden und können also jeden Tag eintreffen, darauf bin ich sehr gespannt. Hagen gibt mir Informationen über eine neu entdeckte Liedersammlung aus dem 14. Jahrhundert, die über 100 Stücke verschiedener Art enthält und von der er mir eine Abschrift anbietet. Im Schwäbischen Merkur hat Herr Pfarrer Jäger, ohne mein Wissen, einen Trompetenstoß in der Öffentlichkeit getan, in dem er von unseren Plänen zur Herausgabe historischer Quellen spricht. Das sieht aus wie eine Art Zwang, den ich ungern über mich ergehen lasse, und das könnte beinahe dazu führen, dass ich zurückgehe, denn ich lasse mich ungern von Fremden beherrschen. Generell ist mir die Prahlerei verhasst, die alles verkündet und gerne von dem spricht, was getan werden will und noch nicht getan ist. Ansonsten gibt es nichts Neues. Schicken Sie mir auch wieder Morgenblätter, man schläft so sanft dabei ein, wenn man sie im Bett liest. Viele Grüße an Sie und die Ihren von Ihrem ergebensten J. Laßberg.