Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein verehrtester Herr und Nachbar!
Herr Oberamtmann Scherb wünscht Sie morgen zu sehen, und wird Nachmittag um 3 oder 4 Uhr bei Ihnen eintreffen.
Ist Ihnen dieser Besuch nicht gelegen, oder sind Sie nicht zu Hause, so erwarte ich
keine Empfangsbescheinigung für dieses Billet; sind Sie für gute Freunde zu Hause,
so lassen Sie mir dies gütigst wissen. Ihr Zahnschmerz und Ihr einseitiges Gesicht
sind seit mehreren Tagen zur alten Norm zurückgekehrt, wie ich hoffe, und haben für
immer Abschied genommen. Auch ich hatte diese Woche einen Schmerz, nämlich die Abwesenheit
des Herrn Pfarrer Kirchhofer
, tief empfunden. Für dieses Leiden waren indessen Wein und Bier und flotte Freunde
und eine einschläfernde Hitze gute Heilmittel. Von Steckborn
habe ich einen ganzen Korb Urkunden mitgenommen, aber leider findet sich darin wenig
für Sie. Die römischen Alterthümer in Eschenz
habe ich gesehen und werde Ihnen davon erzählen; aber von einer Stecknadel weiß man
nichts; der Spiegel des Rings hat diese Gestalt: (Zeichnung) in Mosaik. Die Aufschrift
der Steine ist ungefähr so: (Zeichnung). Es ist alle Wahrscheinlichkeit, daß dies
gedankenlose Phantasien eines Kindes sind, das sich im Schreiben übte; denn die Schriftzüge
selbst sind so, daß man aus den doppelten unbeholfenen Strichen das stumpfe, nur abgebrochene
Werkzeug, Rüthchen, Schwefelholz u. dgl. wohl erkennen kann. In Hoffnung, Sie gesund
und im Besitze neuer Entdeckungen zu finden, sehe ich über meine Amtsgeschäfte hinaus
fröhlich auf morgen Abend hinüber, um von Ihnen sagen zu hören, was der junge Römer
auf den Ziegeln durch sein quid ei 3 VIII und durch seine Griechischen u. s. w. habe
sagen wollen, und was vor zweitausend Jahren bei dieser Spielerei sein Gemüth belebte,
das jetzt schon so lange verstorben ist.
So lange ich lebe, bin ich Ihr Pupikofer.
Bischofzell
, Samstag den 27. Juni 1829.
Normalisierter Text
Mein verehrtester Herr und Nachbar!
Herr Oberamtmann Scherb wünscht Sie morgen zu sehen, und wird Nachmittag um 3 oder 4 Uhr bei Ihnen eintreffen.
Ist Ihnen dieser Besuch nicht gelegen, oder sind Sie nicht zu Hause, so erwarte ich
keine Empfangsbescheinigung für dieses Billet; sind Sie für gute Freunde zu Hause,
so lassen Sie mir dies gütigst wissen. Ihr Zahnschmerz und Ihr einseitiges Gesicht
sind seit mehreren Tagen zur alten Norm zurückgekehrt, wie ich hoffe, und haben für
immer Abschied genommen. Auch ich hatte diese Woche einen Schmerz, nämlich die Abwesenheit
des Herrn Pfarrer Kirchhofer
, tief empfunden. Für dieses Leiden waren indessen Wein und Bier und flotte Freunde
und eine einschläfernde Hitze gute Heilmittel. Von Steckborn
habe ich einen ganzen Korb Urkunden mitgenommen, aber leider findet sich darin wenig
für Sie. Die römischen Altertümer in Eschenz
habe ich gesehen und werde Ihnen davon erzählen; aber von einer Stecknadel weiß man
nichts; der Spiegel des Rings hat diese Gestalt: (Zeichnung) in Mosaik. Die Aufschrift
der Steine ist ungefähr so: (Zeichnung). Es ist alle Wahrscheinlichkeit, dass dies
gedankenlose Phantasien eines Kindes sind, das sich im Schreiben übte; denn die Schriftzüge
selbst sind so, dass man aus den doppelten unbeholfenen Strichen das stumpfe, nur
abgebrochene Werkzeug, Rüthchen, Schwefelholz u. dgl. wohl erkennen kann. In Hoffnung,
Sie gesund und im Besitz neuer Entdeckungen zu finden, sehe ich über meine Amtsgeschäfte
hinaus fröhlich auf morgen Abend hinüber, um von Ihnen sagen zu hören, was der junge
Römer auf den Ziegeln durch sein quid ei 3 VIII und durch seine Griechischen u. s.
w. habe sagen wollen, und was vor zweitausend Jahren bei dieser Spielerei sein Gemüt
belebte, das jetzt schon so lange verstorben ist.
So lange ich lebe, bin ich Ihr Pupikofer.
Bischofzell
, Samstag den 27. Juni 1829.