Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Dem hochwohlgebornen Herrn Baron von Laßberg zu Eppishausen
sammt einem Korb Gemüse.
Mein verehrtester Herr und Nachbar!
Ihr ritterlicher Fehdebrief hat mich sehr verzagt gemacht, um so mehr, da ich weder
den Muth, noch die Gelegenheit habe, Ihrem Überfall in den nächsten Tagen zuvorkommen
zu können; denn morgen rufen mich Geschäfte nach St. Gallen
, und ich weiß nicht, ob ich Donnerstag Mittag zu Hause sein werde oder bis zum Abend
säume. Ich rufe indessen die heilige Treuga
an, deren Gesetze jedem Ehrenmanne verbieten, an dem Tage, da der Herr verrathen
wurde, Gewalt zu unternehmen, und diejenigen die auf einer Wallfahrt begriffen sind,
wie gerade ich ans Grab des heiligen Gallus
, in der Zeit Ihrer Abwesenheit zu schädigen. Ihren edlen Zorn zu begütigen, sendet
Ihnen meine Frau, was hier der Frühsommer in Gärten und auf Bäumen aufzubringen vermochte,
was freilich, da wir vom großen Füllhorn Floras und Pomonas und anderer wohlthätigen
Gottheiten etwas seitwärts abgekehrt zu sein scheinen, nicht viel ist. Sollten Sie
dadurch friedlich gestimmt, in freundlichen Absichten zu meiner Hütte kommen, so werden
Sie, auch wenn ich nicht hier bin, die Thüre offen und einen Becher schäumenden Biers
und weichen Weines bereit finden. Bin ich am Freitag Vormittag nicht bei guter Zeit
bei Ihnen, so haben mich nur liebe St. Galler Gäste, die ich erwarte, zurückgehalten,
und da wären Sie und Ihr verehrter Freund und Hausgenosse hier sehr willkommen. Es
machte mir wahre Freude, zu denken, wie glücklich Sie mit Herrn Uhland
leben, wie Sie ihm alles mittheilen können und so ganz verstanden werden, und wie
Sie hinwieder so manches vernehmen, was Ihnen Freude macht. Oft beneide ich Ihre stille
Einsamkeit mitten in Ihren Bücherschätzen, und jetzt hätte ich fast Lust, Ihren geselligen
Verkehr zu beneiden. Doch in wissenschaftlichen Dingen ist ja der einzelne in dem
Maße reicher, je mehr andere dasselbe Gut mit ihm theilen, und wenn Sie daher auch
alles hätten, habe ich deswegen nicht weniger. In der Landvogtei-Regierung sind meine
Kräfte seit acht Tagen fast erschöpft worden, und meine Sinne erstorben. Es sind nicht
jene dicken, üppigen Urwälder Amerikas
, wo kein Fuß vorwärts kann, aber doch der Kopf Schatten genießt, sondern lauter Weißdorn-
und Hagebuttensträucher, wo man nicht durchdringen kann und dazu noch von der Sonnenhitze
versengt oder durch kalte Nordwinde bis auf's Mark durchweht wird. Drum hat der weise
Solon
gesagt, vor dem Ende sei niemand glücklich zu preisen: ante finem nemo scriptor beatus
censendus est.
Von ganzem Herzen Ihr Ergebenster Diak. Pupikofer.
B'zell
, 8. Juli 29.
Normalisierter Text
Dem hochwohlgeborenen Herrn Baron von Lassberg zu Eppishausen
samt einem Korb Gemüse.
Mein verehrtester Herr und Nachbar!
Ihr ritterlicher Fehdebrief hat mich sehr verzagt gemacht, umso mehr, da ich weder
den Mut, noch die Gelegenheit habe, Ihrem Überfall in den nächsten Tagen zuvorkommen
zu können; denn morgen rufen mich Geschäfte nach St. Gallen
, und ich weiß nicht, ob ich Donnerstag Mittag zu Hause sein werde oder bis zum Abend
säume. Ich rufe indessen die heilige Treuga
an, deren Gesetze jedem Ehrenmanne verbieten, an dem Tage, da der Herr verraten wurde,
Gewalt zu unternehmen, und diejenigen, die auf einer Wallfahrt begriffen sind, wie
gerade ich ans Grab des heiligen Gallus
, in der Zeit Ihrer Abwesenheit zu schädigen. Ihren edlen Zorn zu begütigen, sendet
Ihnen meine Frau, was hier der Frühsommer in Gärten und auf Bäumen aufzubringen vermochte,
was freilich, da wir vom großen Füllhorn Floras und Pomonas und anderer wohlthätigen
Gottheiten etwas seitwärts abgekehrt zu sein scheinen, nicht viel ist. Sollten Sie
dadurch friedlich gestimmt, in freundlichen Absichten zu meiner Hütte kommen, so werden
Sie, auch wenn ich nicht hier bin, die Tür offen und einen Becher schäumenden Biers
und weichen Weines bereit finden. Bin ich am Freitag Vormittag nicht bei guter Zeit
bei Ihnen, so haben mich nur liebe St. Galler Gäste, die ich erwarte, zurückgehalten,
und da wären Sie und Ihr verehrter Freund und Hausgenosse hier sehr willkommen. Es
machte mir wahre Freude, zu denken, wie glücklich Sie mit Herrn Uhland
leben, wie Sie ihm alles mitteilen können und so ganz verstanden werden, und wie
Sie hingegen so manches vernehmen, was Ihnen Freude macht. Oft beneide ich Ihre stille
Einsamkeit mitten in Ihren Bücherschätzen, und jetzt hätte ich fast Lust, Ihren geselligen
Verkehr zu beneiden. Doch in wissenschaftlichen Dingen ist ja der Einzelne in dem
Maße reicher, je mehr andere dasselbe Gut mit ihm teilen, und wenn Sie daher auch
alles hätten, habe ich deswegen nicht weniger. In der Landvogtei-Regierung sind meine
Kräfte seit acht Tagen fast erschöpft worden, und meine Sinne erstorben. Es sind nicht
jene dicken, üppigen Urwälder Amerikas
, wo kein Fuß vorwärts kann, aber doch der Kopf Schatten genießt, sondern lauter Weißdorn-
und Hagebuttensträucher, wo man nicht durchdringen kann und dazu noch von der Sonnenhitze
versengt oder durch kalte Nordwinde bis aufs Mark durchweht wird. Drum hat der weise Solon
gesagt, vor dem Ende sei niemand glücklich zu preisen: ante finem nemo scriptor beatus
censendus est.
Von ganzem Herzen Ihr Ergebenster Diakon Pupikofer
.
Buchbühl
, 8. Juli 29.