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Stuttgart, den 3. Aug. 1829. Vor Allem, hochverehrter Freund! meinen wiederholten, innigsten Dank nicht bloß für all die gütige Gastfreundschaft, die mir in Ihrem Hause widerfahren, sondern vornehmlich auch für die Förderung, welche Sie durch die vielfachen Bemühungen um die alte Dichterhandschrift meinen Studien gegeben, für so viel Belehrendes und Erfreuendes, was mir in den Stunden der Erholung von der Handarbeit des Abschreibens und Ausziehens zu Theil geworden. Noch an dem Tage, da wir zu Stein schieden, gelangte ich bis Donaueschingen. Nach Besuchung des Rheinfalls ging ich Nachmittags von Schaffhausen weiter, setzte mich unterwegs auf eine rückkehrende Salzfuhr von Schwenningen, fuhr in Gewitter und Regenguß über den Randen und kam wohlgenekt auf dem Zollhaus an. Es war erst 7 Uhr, ich entschloß mich sogleich, hier Post zu nehmen, die mich vor 10 Uhr nach Donaueschingen brachte. So gewann ich den nächsten Vormittag für die Bibliothek, die mir Hofprediger Becker, der in Tübingen studirt und sich der dortigen Verhältnisse gern erinnerte, mit der größten Gefälligkeit öffnete und zur Benützung stellte. Was ich in der kurzen Zeit hier einsah, traf auf das Schönste mit den Eppishauser Studien zusammen und ist so recht die Ergänzung derselben. Was ich in der Berner Handschr. im altfranzösischen Original gelesen, davon enthält der Donaueschinger Parcival die deutsche Bearbeitung, welche zugleich die Lücken jener Hdschr. ausfüllt. Dieses Donauesch. Dichtwerk ist eine höchst sonderbare Composition. Zwischen Wolframs Parcival, welcher hier der alte, auch der deutsche heißt, ist der neue, von Philipp Kolin von Straßburg 1336 für Ulrich v. Rapolzstein bearbeitete eingefugt, in welchem ich sogleich das Gedicht der Berner Hdschr. erkannte. Auch der welsche Meister ist genannt: Daz het Maneschier gar bedoht Und allez zů eime ende broht In welsch wan ez waz och ein franczeis Wise vn dazů korteiz In alleme frangriche Lebete nut sin gliche. An tihtenden siñen Von manheit vn von minnē Het er getihtet in welsch so wol Daz man in iemer loben sol. Dieser Maneschier iſt Manessier, einer der Fortsetzer des Parc. von Crestien de Troyes. Aus letzterem Gedichte steht ein Auszug im 15. Bande der Histoire littéraire de la France, Par. 1820., dabei die Notiz, daß Gautier de Denet dasselbe fortgesetzt und Manessier es beendigt. Si com Manesiers le tesmoigne Qui à fin traist ceste besoigne El non Jehane la contesse Qui est de Flandres dame et maitresse. Eine frühere Stelle, wo Gautiers de Denet sich nennt, muß in der Berner Hdschr. gerade auf einem der ausgefallenen Blätter gestanden haben. Alle diese Verhältnisse werde ich soviel möglich ins Klare zu setzen suchen, wenn mir der Donauesch. Parcival hieher geschickt seyn wird, was mir Herr Becker mit voller Bereitwilligkeit zugesagt hat. Ich habe mir Dieses erst in einigen Monaten erbeten, um zunächst an der Heldensage fortzufahren. In demselben Codex fand ich 8 meist schon bekannte Strophen von Minneliedern. Leere Räume am Schlusse der Abschnitte des Hauptwerks wurden, der Schrift nach gleichzeitig, benützt, diese Lieder einzuschreiben. Ich werde davon seiner Zeit Abschrift nehmen. Hr. Becker hat sich auch erboten, die Stelle der Zimmrer Chronik, wonach ein Herr von Zimmern auf dem Schloſse Wildenstein vom Berner gedichtet, nachzusuchen und auszuziehen, wenn ihm Name und Zeit dieses Freiherrn nur einigermaßen näher angegeben würde. Ist Ihnen vielleicht hierüber noch etwas Bestimmteres erinnerlich? Mein Durchblättern der Chronik war fruchtlos. Über Garin le Loherens habe ich auf hiesiger Bibliothek nachgesucht; anfangs vergeblich in der ersten Ausgabe von Calmet Hist. de Lorraine; nachher aber fand sich am Schlusse des 1ten Bandes der neuern Ausgabe in 6 Bden. zwar keineswegs, wie Sinner angiebt, ein vollständiger Abdruck des Gedichts, aber ein gutes Stück Auszüge. Sinner hat sich ohne Zweifel dadurch verleiten lassen, daß diese Auszüge geradezu überschrieben sind: Roman de Garin le Loherens. Von Neubronner in Ulm habe ich nun doch das Meiste erhalten, was ich aus Haugs Bibliothek zu erhalten wünschte, darunter Percy's Reliq. of anc. engl. Poetry, die ich mit nächster Bücher - Zurücksendung überschicken werde. Freilich ist es nicht, wie die Titelangabe erwarten ließ, eine Londoner Ausgabe, sondern eine von London and Francfort und hat daher nur Werth als Erinnerung an den guten Haug, der sich viel mit diesem Buche beschäftigt. Von Koller in London habe ich wegen der kleinen Pergamenthandschrift noch keine Antwort angetroffen. Schönhut habe ich zu meinem Bedauern in Tübingen nicht gesprochen. Er hatte mich verfehlt und versprochen, noch vor meiner Abreise wieder zu kommen, muß aber verhindert gewesen seyn. Diese Zeilen kommen Ihnen wohl erst nach der Rückkehr vom Wallenstadter See zu, möge diese Reise, deren Aufschub ich verschuldet, vom Himmel bestens begünstigt gewesen seyn. Vielleicht ist auch indeß ein neuer Sturm auf Wasserburg versucht worden, vielleicht sind weitere poetische Schönheiten vom langen Zauberschlaf erlöst. Meine Frau, die während meiner Abwesenheit bis nach Würzburg ausgeflogen, empfiehlt sich mit mir Ihrem freundlichen Andenken. Voll Verehrung und Dankbarkeit der Ihrige L. Uhland. NS. Um über das Verhältniß des Berner Parc. zu den Notizen in der Hist. Littér. mich bestimmter zu unterrichten, erlaube ich mir noch eine Bitte: ob Sie, verehrtester Freund, sich wohl die Mühe nehmen möchten, mir die Ueberzeugung zu verschaffen, daß nachfolgende Stelle, welche in besagter Hist. Littér. abgedruckt ist, sich auch in den Berner Hdschr. finde. Ich glaube mich derselben zu erinnern, werde sie aber nicht abgeschrieben haben, da sie nur eine kurze Wiederholung dessen enthält, was früher ausführlich erzählt war. Sie müßte ungefähr auf dem dritt- oder viertlekten Blatte des Bern. Parcival stehen, wo der Name Bags. ( Bagomedes ) am Anfange der Abschnitte öfters vorkömmt: Es vos atant un chevalier Qui Bagomedes est nomez En la riche sale est entrez Trestoz armez sor son cheval. etc. etc. etc. Jaloie querant aventure Tant quen une forest obscure Mencontra Kex li seneschax Et avec lui ot trois vassax Qui de noient ne maraisnerent Il me prisent et laidengerent Si me fisent grant deshonor Kex meismes al chief del tor Ne me deporta de rien nee Ainz me pendi sans demoree A un arbre par les deus piez Des trois autres fuisse espargniez Mais ne soffri que il parlaissent Car volentiers me delivraissent Par che que iere chevaliers Kex qui fel ert et pantoniers Me pendi pendans les deus piez Encor ert mes hiaumez laciez Et mes haubers ens en mon dos Si mait Diex je ne vous os Dire comment il me batirent Ne le grant honte qu'ils me firent Car cest grant honte à chevalier De si faite ovre retraiter En cort où il a tant de gent Entrues que iere en tel torment I vint chevalchant Percevax Li bons li sages li loiaus Qui aloit al mont doleraus Ja fuisse mors tot à estrous. Quant de larbre me dependi. Schwab sagt mir, daß er gestern selbst Ihnen geschrieben. Er hat gegenwärtig die Handschrift zum zweiten Bande der Schweizer Burgen vor sich liegen.