Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)

Eppishausen, am 9. September 1829. Verertester Freund! Auf Ir Schreiben vom 3. dieses habe ich die befragliche Stelle im Berner Parcival also gleich nachgeschlagen und sie auch glüklich an dem von Inen angegebenen Orte gefunden: da sich aber gegen den von Inen angeführten Text der histoire literaire merere Varianten ergaben; so hielt ich es doch der Mühe wert die par Duzent Verse für Sie lieber Freund! abzuschreiben und lege sie hier bei. Glauben Sie ja nicht, daß dergleichen mir Mühe macht, wenn es für Sie geschiehet! der einzige Gedanke: wenn du einmal lange tod bist und er im Alter in seinen Papieren blättert, fällt jm auch dieses einmal in die Hände, und dann denkt er: das war auch einer von den Wenigen, die mich herzlich und treu liebten! dieser einzige Gedanke ist schon reicher Sold für mich. Sie sind nun mitten unter den Schäzen der Heidelberger Bibliothek und finden gewiß noch manches in den Eingeweiden der alten Handschriften, was Mone und Wilken entgangen ist. Lezterer sandte mir vorige Woche das Liederbuch der Häzlerin, an welchem ich schon bei 1000 Verse abgeschrieben habe, den Rest will ich Herrn Schönhut, der sich dazu erbotten hat, abzuschreiben überlassen. Beim ersten Durchgehen dieses Apographums konnte ich noch keine Gedichte des XIV. Jarhunderts entdeken, von denen Herr von der Hagen eine große Menge darin will gefunden haben. Es enthaltet diese Handschrift auch Mezen Hochzeit, mit der Ueberschrift: von mayer bezen, aber etwa nur den dritten Teil von dem was im Liedersaale stehet. Von der Graßmezen, von Herman von Sachsenhaim Ritter. Was die Lieb sey, von Kaltenbach. Das wirtembergische Geschlecht heißt von Kaltenthal. Auch felen Sprüche aus dem Frydank und die Leren des Kato nicht darinn. Den König Luarin habe ich nun auch; die Arbeit, die Ettmüller daran gelegt hat, gefällt mir; der Mann ist kein Neuling, hat er sonst etwas geschrieben? wenn wir nür den Freiburger Codex wieder auffinden könnten. Von der Hagen hat auch wieder geschrieben, er wird nicht müde zu verlangen und zu heischen. Er will meine über die Dichter gesammelten Notizen herausgeben, ich soll jm meinen wasserburgischen Codex zur Herausgabe von Sigenot und Ekenausfart, für seinen III. Band des Heldenbuchs überlassen, die Bilder aus dem manessischen Codex von Paris hätte er auch gerne, und zu seiner in Berlin erscheinenden Zeitschrift der teutschen Gesellschaft soll und müsse ich Beiträge liefern; endlich giebt er mir auch noch einen freundschaftlichen Gruß an Ludwig Uhland auf, und den Dank der teutschen Gesellschaft zu Berlin für das sinnige Lied, das Sie lieber Freund! an dieselbe gerichtet haben. Dieser Allerweltsfreund wird mir nach gerade lästig. Von der Königinhofer Handschrift habe ich weder die erste noch die zweite Ausgabe, weiß sie auch nicht zu bekommen; ser schön wär es, wenn unser Schwab mir ein Exemplar mitbringen wollte. Den codex Wasserburgensis will ich Inen senden, wenn ich einmal weiß, daß Sie wieder zu Hause sind, oder durch Schwab; von Inen muß er dann nach Göttingen zu dem alten biedern Benecke, unserm Landsmanne wandern, welcher sein zu einer Ausgabe des Wilhelm von Orlenz gesammeltes Material damit vergleichen, und wenn jm mein Text gut genug ist, selben zu Grunde seiner Ausgabe legen will. Er und Grimm erkennen schon aus meiner Beschreibung die Wichtigkeit des in Wasserburg gemachten Fundes. Jacob Grimm hat mir einen ser lieben und langen Brief geschrieben und sein Bruder Wilhelm mir sein Buch von der teutschen Heldensage geschikt, welches eben fertig geworden. Das ist nun wieder einmal ein teutsches Stük Arbeit, wie man es gerne siehet, Fleiß, Treue und Scharfsinn sind daran nicht zu verkennen. Die testimonia autorum von unserer Helden Sage, sind wol noch nirgend so vollständig gesammelt. Jacob Grimm schreibt mir, daß er nun seit einiger Zeit wieder an dem III. Teile seiner Grammatik gearbeitet habe; auch von einer Recension, über Castiglione's XIII. Brief des Paulus an die Korinther, aus den Ambrosianischen Palimpsesten, die er für die Wiener Jarbücher gefertiget hat, und die ser umständlich sein soll: ich wollte er hätte diesem Lombarden es recht derb in den Bart geworfen, daß er den ganzen schönen und kostbaren Aparat zu Herausgabe der gothischen Sprachdenkmale, welche Aug. May aufgefunden, so schmähelich liegen und wenigstens rüksichtlich der Typen, zu Grunde gehen läßt. Indessen wünschte ich doch diese neue Edition des Herrn Graven Castiglione zu sehen; ist sie bei Inen schon bekannt? Habe ich Inen denn schon gesagt, daß Aurelius Tigurinus, zu teutsch Hans Caspar Orelly, auch eine Woche lang bei mir in Arbeit stand, versteht sich, one für mich zu arbeiten; er ist aus der villa Epponis ad sanctum Gallonem verreiset, wo er freilich eine reichere Ausbeute wird gefunden haben, als in meiner armen Einsiedlerklause. Dieser Aurelius ist einer der wenigen rein guten Menschen die ich kenne; er hat recht herzlich bedauert, daß Sie, lieber Freund! den heremus so bald verlassen haben und er Sie nimmer hier getroffen. Mich hat innig erfreut von Inen selbst zu vernemen, daß Sie in Frer Arbeit immer mer vorankommen, und meine Hoffnungen von Irem Werke sich nach und nach dem Zeitpunkte irer Erfüllung nähern. Ich kenne zwar weder den Plan, noch die innere Einrichtung Ires Werkes, aber schon was mir Schwab Pfeiffer. Laßberg u. Uhland. hierüber mitgeteilt hat, berechtiget mich meinem Vaterlande Glük zu wünschen, daß die Illustration des teutschen Gesanges wieder von da ausgehet, von wo aller Warscheinlichkeit nach auch derselbe seinen Anfang nam. Ich kann mir nicht anderst vorstellen, als daß Ire Arbeit ein aus merern Bänden bestehendes Werk geben wird, das hinwieder in merere einzelne Abteilungen zerfällt und folglich nicht über einmal unter die Presse zu gehen braucht; so daß wir vielleicht bald etwas davon zu sehen bekommen, was für alte Leute mit jungen Herzen immer ein Trost ist; weil es bei uns in doppeltem Sinne heißt: carpe diem, minime credulus postero! Anfangs des künftigen Monats hat mir Schwab mit seiner wakern Frau einen Besuch zugesagt; er will den Sigenot abschreiben und in in der Versart des Originals bearbeiten, da wollen wir dann fleißig und frölich von Inen und der lieben Frau Emma sprechen und nicht nur einmal den Becher auf Ir beider Wol erheben. Dann kommt der Winter und ich begrabe mich mit den Dachsen und Bären in mein tugurium bis die Frülingssonne wieder scheinet. Irem Leben Sie wol, herzlich gegrüßt und aufrichtig geliebt von alten Lazzpergåre.