Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein hochverehrter Herr und Meister!
Allerdings bin ich von der Winterreise, auf welcher ich so manche warme Freude genoß,
glücklich wieder in meine Wohnung eingetreten, und so gut es sich thun ließ, habe
ich den Mangel an Meditation am Sonntage durch die heimgebrachte Geistesfrische ersetzt;
aber zu Ihnen über den Berg wandern, um Ihnen zu sagen, wie sehr mich der Besuch bei
Follen erquickt habe, konnte ich noch nicht; denn ich mußte den versprochenen Stelldichein
in Herisau in Ausführung bringen und durch Schnee, Eis und finstern Nebel zur warmen Suppe des
Kürbsenpfarrers eilen. Seither sitze ich in meiner Stube und lecke an einigen von
Herisau
mitgebrachten Confitüren, u. a. an Steiners
curiosem Tändelmarkt (Nürnberg
1748); auch werden Versuche gemacht, die Stiftung von Münsterlingen
für die Alpenrosen
zu erzählen. Gestern und heute war auch mein lieber Schwager von Speicher
mit seiner Frau bei mir, und da gab es wieder mancherlei winterliche Erzählungen,
und Pläne für den Sommer, so daß die Stunden verflossen, wie der Reif im Glanze der
Aprilsonne. Was sonst kann man bei dieser grimmen Kälte (sie war gestern morgen 17")
in einem so prosaischen Städtchen anfangen? Die Wappensammlung des Herrn Hartmann
habe ich schon bei ihm selbst gesehen; doch hätte ich sie gerne unter Ihrer Leitung
nochmals durchwandert, denn Ihre Critiken und Ergänzungen sind immer unterrichtend;
allein die bereits erwähnte Kälte und die Besuche hielten mich ab. Ich weiß nicht,
ob ich diese Woche noch zu Ihnen kommen kann; denn ein Fraubasen- und Wochenbett-Besuch
in Bürglen
und Sulgen
werden mir diese Woche wohl noch einen guten Tag kosten. Herrn Hartmann
habe ich nicht eigentlich aufgetragen, Ihnen seine Wappensammlung zu senden, sondern
nur geäußert, daß Sie Vergnügen finden würden, dieselbe zu sehen, und Herr Hartmann
bei Ihnen noch manche Ergänzung finden dürfte. Es freut mich indessen, daß er meine
Andeutung für sie so günstig erklärt hat. Er hat mir auch eine Zeichnung vom Schlosse
Steinach
, vom Walde bei Mörswyl
her aufgenommen, zu Handen Herrn Dalp
s übermacht; sie gefiel mir nicht; gleichwohl habe ich sie Herrn Dalp
überschickt und ihm überlassen, damit nach Belieben zu schalten. Meine Erwiderung
an die Stadt Steckborn
werden Sie wohl auch gelesen haben. Obgleich mir die Sache nicht sehr angenehm ist,
so machte sie mir doch Spaß. Raufereien haben ihren eigenen Reiz; darum gibt es wahrscheinlich
auch so viel Streit. Nur ist's wunderlich, wenn so alte Herren, wie seine Heiligkeit
zu Rom
und seine Majestät zu Neapel
sind, sich noch vor dem Volke herumzanken. Der Schweizerische Beobachter in Zürich
hat auch schon von meinem Kriege vernommen und erinnert an einen ähnlichen Streit,
den letzthin die Dorfzeitung erzählt habe. Die Besitzer des verdächtigten Weines sandten
dem Gegner ein Duzend der besten Bouteillen, und dieser Beweis ward überwiegend gefunden.
Erhalte ich das Duzend Flaschen nicht ebenfalls, so fehlt es entweder an der Stadt
oder am Wein! Herr Stadtschreiber Gonzenbach
, der Ihren Gelehrten die Negligés zuzuschneiden pflegt, war vor acht Tagen mit der
heiligen Bavaria
nicht zu Ende gekommen. Er verhieß, sie auf heute zu fertigen, und ich hoffe, daß
er Wort halten wird. Von dem alten Arxius habe ich nichts gehört. Wäre er gestorben,
so hätte wohl der Erzähler davon etwas gesagt; es müßte denn die letzte Feuersbrunst
die Köpfe so verwirrt haben, daß man sogar die Todten zu ehren vergessen hätte. Sobald
der Thermometer wieder unter 8° steht, komme ich wieder zu Ihnen; sonst wäre es, meint
meine gute Frau, so viel als Gott versucht. Unterdessen wünsche ich Ihnen und mir
einen so warmen Ofen, als warm die Liebe ist, mit welcher Ihnen zugethan bleibt
Ihr Pupikofer.
Bischofzell
an Mariä Lichtmeß
1830.
Normalisierter Text
Mein hochverehrter Herr und Meister!
Allerdings bin ich von der Winterreise, auf welcher ich so manche warme Freude genoss,
glücklich wieder in meine Wohnung eingetreten, und so gut es sich tun ließ, habe ich
den Mangel an Meditation am Sonntag durch die heimgebrachte Geistesfrische ersetzt;
aber zu Ihnen über den Berg wandern, um Ihnen zu sagen, wie sehr mich der Besuch bei
Follen erquickt hat, konnte ich noch nicht; denn ich musste den versprochenen Stelldichein
in Herisau in Ausführung bringen und durch Schnee, Eis und finstern Nebel zur warmen Suppe des
Kürbispfarrers eilen. Seither sitze ich in meiner Stube und lecke an einigen von Herisau
mitgebrachten Konfitüren, u. a. an Steiners
kuriosem Tändelmarkt (Nürnberg
1748); auch werden Versuche gemacht, die Stiftung von Münsterlingen
für die Alpenrosen
zu erzählen. Gestern und heute war auch mein lieber Schwager von Speicher
mit seiner Frau bei mir, und da gab es wieder mancherlei winterliche Erzählungen,
und Pläne für den Sommer, so dass die Stunden verflossen, wie der Reif im Glanze der
Aprilsonne. Was sonst kann man bei dieser grimmigen Kälte (sie war gestern morgen
17") in einem so prosaischen Städtchen anfangen? Die Wappensammlung des Herrn Hartmann
habe ich schon bei ihm selbst gesehen; doch hätte ich sie gerne unter Ihrer Leitung
nochmals durchwandert, denn Ihre Kritiken und Ergänzungen sind immer unterrichtend;
allein die bereits erwähnte Kälte und die Besuche hielten mich ab. Ich weiß nicht,
ob ich diese Woche noch zu Ihnen kommen kann; denn ein Fraubasen- und Wochenbett-Besuch
in Bürglen
und Sulgen
werden mir diese Woche wohl noch einen guten Tag kosten. Herrn Hartmann
habe ich nicht eigentlich aufgetragen, Ihnen seine Wappensammlung zu senden, sondern
nur geäußert, dass Sie Vergnügen finden würden, dieselbe zu sehen, und Herr Hartmann
bei Ihnen noch manche Ergänzung finden dürfte. Es freut mich indessen, dass er meine
Andeutung für sie so günstig erklärt hat. Er hat mir auch eine Zeichnung vom Schlosse
Steinach
, vom Walde bei Mörswyl
her aufgenommen, zu Handen Herrn Dalp
s übermacht; sie gefiel mir nicht; gleichwohl habe ich sie Herrn Dalp
überschickt und ihm überlassen, damit nach Belieben zu schalten. Meine Erwiderung
an die Stadt Steckborn
werden Sie wohl auch gelesen haben. Obgleich mir die Sache nicht sehr angenehm ist,
so machte sie mir doch Spaß. Raufereien haben ihren eigenen Reiz; darum gibt es wahrscheinlich
auch so viel Streit. Nur ist's wunderlich, wenn so alte Herren, wie seine Heiligkeit
zu Rom
und seine Majestät zu Neapel
sind, sich noch vor dem Volke herumzanken. Der Schweizerische Beobachter in Zürich
hat auch schon von meinem Kriege vernommen und erinnert an einen ähnlichen Streit,
den letztlich die Dorfzeitung erzählt hat. Die Besitzer des verdächtigten Weines sandten
dem Gegner ein Dutzend der besten Flaschen, und dieser Beweis ward überwiegend gefunden.
Erhalte ich das Dutzend Flaschen nicht ebenfalls, so fehlt es entweder an der Stadt
oder am Wein! Herr Stadtschreiber Gonzenbach
, der Ihren Gelehrten die Negligés zuschneiden pflegt, war vor acht Tagen mit der
heiligen Bavaria
nicht zu Ende gekommen. Er verhieß, sie auf heute zu fertigen, und ich hoffe, dass
er Wort halten wird. Von dem alten Arxius habe ich nichts gehört. Wäre er gestorben,
so hätte wohl der Erzähler davon etwas gesagt; es müsste denn die letzte Feuersbrunst
die Köpfe so verwirrt haben, dass man sogar die Toten zu ehren vergessen hätte. Sobald
der Thermometer wieder unter 8° steht, komme ich wieder zu Ihnen; sonst wäre es, meint
meine gute Frau, so viel als Gott versucht. Unterdessen wünsche ich Ihnen und mir
einen so warmen Ofen, als warm die Liebe ist, mit welcher Ihnen zugetan bleibt
Ihr Pupikofer.
Bischofzell
an Mariä Lichtmess
1830.