Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein verehrtester Herr und Meister!
Aus Auftrag meiner lieben Frau sende ich Ihnen hier zwei gestrickte Panzer, die gegen
den Boreas und alle seine Verbündete treffliche Dienste thun und für die krystallischen Lanzenspitzen
der Glacies allen möglichen Schutz gewähren sollen. Der Preis des einen ist 26, der
des andern 34 Batzen; über Ihre Wahl zwischen beiden geben Sie uns gefälligst Nachricht.
Eine Anzahl Knöpfe läßt meine Frau beilegen, indem sie, auf ungefähre Schätzung Ihres
Körperinhaltes hin, dieselben einzunähen nicht wagte. Es ist zu hoffen, daß Ihre Köchin
in der Nähterei so viel verstehe, als zur Einreihung der Knöpfe nöthig ist. Da ich
die Königinhofer Handschrift und Follens Bildersaal so weich betten kann, so will ich denselben länger hier zu bleiben nicht
zumuthen. Für die erstere besonders danke ich Ihnen gar sehr. Das Lied des Königs
Wenzel
mag in der böhmischen Sprache wirklich schön sein, da die Uebersetzung Swobodas schon so hoch über der älteren deutschen des Maneßschen Codex steht. Es scheint, auch die Minnesänger haben mit mehr Glück selbst componirt, als
fremdes sich angeeignet. Schade, daß die schöne Blüthe der ältern böhmischen Litteratur
und Bildung von so fürcherlichen Ungewittern so ganz zerknickt wurde. Ich war gestern
erst wenige Schritte von Ihrer Wohnung entfernt, als es mich zu reuen anfing, Sie
verlassen zu haben; denn so weich war der Schnee, daß ich keinen festen Tritt thun
konnte und nur mit Mühe mich endlich durcharbeitete. Vom Hummelberge herunter war
ein stehender Sumpf von halb geschmolzenem Schnee, und ich wunderte mich, daß das
Eis mich nie zum Falle brachte. Von der Zehe bis zum Scheitel mit Schweiß übergossen,
kam ich nach Hause. Indessen blieb ich munter, verlor sogar einen Theil meiner rheumatischen
Schmerzen, und freute mich zuletzt der fortitudo, die ich Ihrer Einladung und dem
Ungewitter, zwei sehr gefährlichen Potenzen der Versuchung, entgegengesetzt hatte.
Damit ich Sie desto eher überzeuge, daß mich wirklich nicht der Eigensinn hintrieb,
so sage ich Ihnen, daß ich diesen Vormittag schon einige Seiten schriftlich aus dem
Agathias übersetzt habe und entschlossen bin, das ganze Werk in unsere Sprache überzutragen,
Wenn Agathias in seinem prooemium von der unsterblich machenden Kraft der Geschichte spricht und
dabei sagt: eine historia τὰ Ζαμόλξιδος νόμιμα καὶ ἡ Γετική παραφροσύνη so ist mit dieser Gothischen Verschrobenheit wohl nichts anders als die germanische
Heldensage gemeint, die alle Thaten der Helden ins Ungeheuere vergrößerte und wol
auch entstellte, aber doch in so hohen und würdigen Tönen besang, daß sie Bis auf
die spätesten Zeiten wiederhallten. Hat W. Grimm
obige Stelle in seiner Heldensage schon angeführt? Im übrigen gefällt mir des Agathias Styl wenigstens in der Vorrede nicht. Seine copia verborum besteht meistens in Synonymen,
die neben einander gestellt sind, ohne daß ein Grund dazu vorhanden ist, und wenn
die Tautologie auch nur in einzelnen Adjektiven und Participien, nicht in ganzen Sätzen
besteht, so ist sie doch um so unangenehmer, je öfter solche Pleonasmen wiederkehren.
Der Rechtsanwalt scheint seinen Styl auf zerstreute oder übel hörende Richter berechnet.
zu haben, die einzelne Ausdrücke und Sätze nicht immer beachten und daher durch Wiederholungen
entschädigt werden müssen. Wenn in Reden so etwas hingehen mag, oft sogar Bedürfniß
ist, so findet im Schreiben das Gegentheil statt: Tautologien zerstreuen! Mit dem
größten Vergnügen erinnere ich mich des Abenteuers unserer Seefahrt. Ich kann sagen,
daß mir lange nichts so viele Freude gemacht hat. Bei der Wanderung über die Eisbrücke
war ich zwar nicht eigentlich lustig, wie ich denn überhaupt selten mich geräuschvoll
freuen kann; aber seither zaubert mir die Phantasie die Streifparthie immer schöner
vor, und besonders seit der Frost gewichen ist, fühle ich mich ganz glücklich, daß
ich genossen und gesehen habe, was so vielen jetzt zu Wasser geworden ist. In Bischofzell
hält man für Helden und Tollköpfe: denn stellen Sie sich vor, der Hauptmann Zellweger
, der mit seiner Frau in Utwyl
war, wagte sich mit keinem Fuß auf das Eis, und seine Frau wurde von ihm in das Gelübde
genommen, daß sie das Eis ebenfalls meide! In der Helvetia, die ich Ihnen hier beilege,
waren die Aktenstücke des Wigoldinger Handels für mich merkwürdig; doch sind sie nicht
vollständig. Daß das erste Gedicht schon gedruckt sei, wußte ich nicht, sonst hätte
ich es nicht unter meine Urkundensammlung aufgenommen. Aber welch ein Zelot muß der
jetzige Herausgeber (so viel ich höre Pfarrer Vok
in Arau
) sein, daß er die kirchliche Animosität wieder so recht giftig in Gang zu bringen
sucht. Sein Vorbericht und einige Noten (besonders die elende auf S. 397) beweisen
doch gar zu sehr seine Vergangenheit. Wie würde er wohl die Geschichte selbst beschreiben?
Ich denke im Geiste eines Henne oder Geiger. Vergessen Sie Ihre Bärentatzen und Leibhosen
nicht, damit alles reparirt werden könne, bis ein neuer Frost kömmt. Leben Sie wohl,
und bleiben Sie versichert, daß ich mit herzlicher Zuneigung bin
Ihr Ergebenster Diak. Pupikofer.
Bischofzell
, 9. Febr. 1830.
Normalisierter Text
Mein verehrtester Herr und Meister!
Aus Auftrag meiner lieben Frau sende ich Ihnen hier zwei gestrickte Panzer, die gegen
den Boreas und alle seine Verbündeten treffliche Dienste tun und für die kristallischen Lanzenspitzen
der Glacies allen möglichen Schutz gewähren sollen. Der Preis des einen ist 26, der
des anderen 34 Batzen; über Ihre Wahl zwischen beiden geben Sie uns bitte Nachricht.
Eine Anzahl Knöpfe lässt meine Frau beilegen, indem sie, auf ungefähre Schätzung Ihres
Körperinhaltes hin, dieselben einzunähen nicht wagte. Es ist zu hoffen, dass Ihre
Köchin in der Näherei so viel versteht, wie zur Einreihung der Knöpfe nötig ist. Da
ich die Königinhofer Handschrift und Follens Bildersaal so weich betten kann, so will ich denselben länger hier zu bleiben nicht
zumuten. Für die erstere besonders danke ich Ihnen sehr. Das Lied des Königs Wenzel
mag in der böhmischen Sprache wirklich schön sein, da die Übersetzung Swobodas schon so hoch über der älteren deutschen des Maneßschen Codex steht. Es scheint, auch die Minnesänger haben mit mehr Glück selbst komponiert, als
fremdes sich angeeignet. Schade, dass die schöne Blüte der ältern böhmischen Literatur
und Bildung von so furchtbaren Unwettern so ganz zerknickt wurde. Ich war gestern
erst wenige Schritte von Ihrer Wohnung entfernt, als es mich zu bereuen anfing, Sie
verlassen zu haben; denn so weich war der Schnee, dass ich keinen festen Tritt tun
konnte und nur mit Mühe mich endlich durcharbeitete. Vom Hummelberge herunter war
ein stehender Sumpf von halb geschmolzenem Schnee, und ich wunderte mich, dass das
Eis mich nie zum Fall brachte. Von der Zehe bis zum Scheitel mit Schweiß übergossen,
kam ich nach Hause. Indessen blieb ich munter, verlor sogar einen Teil meiner rheumatischen
Schmerzen, und freute mich zuletzt der Fortitudo, die ich Ihrer Einladung und dem
Unwetter, zwei sehr gefährlichen Potenzen der Versuchung, entgegengesetzt hatte. Damit
ich Sie desto eher überzeuge, dass mich wirklich nicht der Eigensinn hintrieb, so
sage ich Ihnen, dass ich diesen Vormittag schon einige Seiten schriftlich aus dem
Agathias übersetzt habe und entschlossen bin, das ganze Werk in unsere Sprache zu übertragen.
Wenn Agathias in seinem Prooemium von der unsterblich machenden Kraft der Geschichte spricht und
dabei sagt: eine historia τὰ Ζαμόλξιδος νόμιμα καὶ ἡ Γετική παραφροσύνη, so ist mit dieser Gothic Verschrobenheit wohl nichts
anders als die germanische Heldensage gemeint, die alle Taten der Helden ins Ungeheuere
vergrößerte und wohl auch entstellte, aber doch in so hohen und würdigen Tönen besang,
dass sie bis auf die spätesten Zeiten widerhallten. Hat W. Grimm
obige Stelle in seiner Heldensage schon angeführt? Im Übrigen gefällt mir des Agathias Stil wenigstens in der Vorrede nicht. Seine copia verborum besteht meistens in Synonymen,
die nebeneinander gestellt sind, ohne dass ein Grund dazu vorhanden ist, und wenn
die Tautologie auch nur in einzelnen Adjektiven und Partizipien, nicht in ganzen Sätzen
besteht, so ist sie doch umso unangenehmer, je öfter solche Pleonasmen wiederkehren.
Der Rechtsanwalt scheint seinen Stil auf zerstreute oder übel hörende Richter berechnet
zu haben, die einzelne Ausdrücke und Sätze nicht immer beachten und daher durch Wiederholungen
entschädigt werden müssen. Wenn in Reden so etwas hingehen mag, oft sogar Bedürfnis
ist, so findet im Schreiben das Gegenteil statt: Tautologien zerstreuen! Mit dem größten
Vergnügen erinnere ich mich des Abenteuers unserer Seefahrt. Ich kann sagen, dass
mir lange nichts so viel Freude gemacht hat. Bei der Wanderung über die Eisbrücke
war ich zwar nicht eigentlich lustig, wie ich denn überhaupt selten mich geräuschvoll
freuen kann; aber seither zaubert mir die Phantasie die Streifparthie immer schöner
vor, und besonders seit der Frost gewichen ist, fühle ich mich ganz glücklich, dass
ich genossen und gesehen habe, was so vielen jetzt zu Wasser geworden ist. In Bischofzell
hält man für Helden und Tollköpfe: denn stellen Sie sich vor, der Hauptmann Zellweger
, der mit seiner Frau in Utwyl
war, wagte sich mit keinem Fuß auf das Eis, und seine Frau wurde von ihm in das Gelübde
genommen, dass sie das Eis ebenfalls meide! In der Helvetia, die ich Ihnen hier beilege,
waren die Aktenstücke des Wigoldinger Handels für mich merkwürdig; doch sind sie nicht
vollständig. Dass das erste Gedicht schon gedruckt sei, wusste ich nicht, sonst hätte
ich es nicht unter meine Urkundensammlung aufgenommen. Aber welch ein Zelot muss der
jetzige Herausgeber (so viel ich höre Pfarrer Vok
in Arau
) sein, dass er die kirchliche Animosität wieder so recht giftig in Gang zu bringen
sucht. Sein Vorbericht und einige Noten (besonders die elende auf S. 397) beweisen
doch allzu sehr seine Vergangenheit. Wie würde er wohl die Geschichte selbst beschreiben?
Ich denke im Geiste eines Henne oder Geiger. Vergessen Sie Ihre Bärentatzen und Leibhosen
nicht, damit alles repariert werden kann, bis ein neuer Frost kommt. Leben Sie wohl,
und bleiben Sie versichert, dass ich mit herzlicher Zuneigung bin
Ihr Ergebenster Diak. Pupikofer.
Bischofzell
, 9. Februar 1830.