Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
E. am 10. Febr. 1830.
Was sagen Sie mein lieber freund! zu dem einliegenden Briefe? und was wollen Sie,
daß ich dem freiherrn v. Müller friedberg, der mich noch zu einem Seigneur d'Eppishausen macht, antworten soll? ich stelle
es ganz in Iren willen, ob ich die verlangte recensorische anzeige Irer gesch. des
Thurgaus
machen soll, oder nicht? Sie wissen, daß ich weder schmeicheln noch heucheln kann,
und die verschweigung meines namens habe ich gottlob' noch nie ursache gehabt zu verlangen.
Daß Sie mich nicht als einen ungerechten oder neidischen mann kennen, hoffe ich; aber
ich gestehe, daß ich ser ungeschickt bin zu loben, was soll ich tun? Soeben erhalte
ich Iren brief von gestern, weil der bote stets zu faul ist, úber die brúcke zu gehen,
und was er für mich hat, immer in der Farb zu Erlen abgiebt. Die beiden Rúdenpanzer
habe ich angelegt und den einen, der mir nicht zu enge war, behalten, ich denke, es
ist der, welcher 34 bazen kostet und lege dieselben hier bei. Ungeachtet ich Inen vorgestern, das was Inen
unterwegs begegnen werde vorgesagt habe, [:aber den alten leuten glaubt man nichts
mer:] so tut es mir doch leide, daß Sie meinen schlitten nicht angenommen haben; aber
ich freue mich hinwieder, daß Ihre gesundheit nicht schaden gelitten. Daß Sie jezt
den Agathias ganz ins Teutsche úbersezen wollen, kann ich nicht billigen. warten Sie lieber, bis
Sie nach einiger zeit im griechischen sich wieder ganz festgesezt haben. Sie werden,
wenn Sie diesen Schriftsteller erst ganz bis zum ende gelesen haben, viele und grosse
sprachschwierigkeit antreffen. Wenn Sie in aber gleich im ersten sturme von vorn herein
zu übersezen anfangen; so wird notwendig eine große ungleichheit des stils entstehen,
welche sie am ende einsehen und sich dann gemüssiget sehen werden, die frühere arbeit
noch einmal zu machen. Daß Sie mit seinem stile nicht zufrieden sind, wundert mich
nicht. Im VI. jarh. waren die Advocaten zu Smyrna
blose wortkúnstler und obschon man den stil des Agathias lobet [: wie z. B. gerh. VoB:] so finde ich in doch mer geziert, als warhaft zierlich. Ich will die stelle: τα
ζαμολξίθος νόμιμα bei Grimm
aufsuchen; halte sie aber nicht für relevant. Wie es denn bei jeder sache etwas zu
bedauern giebt; so bedaure ich, daß wir unsere eisfart nicht schon am vormittag begonnen
haben; wir hätten mer gesehen und erfaren. Ich meines ortes war dabei ganz vergnúgt
und habe bei den unzweifelhaft gúnstigen auspicien an gar keine gefar denken können
obschon sie in der reihe der móglichkeiten lag. wie ein junger und leichtsinniger
mensch habe ich meine freude nicht in die brust verschließen können. gestern abends
bekomme ich einen brief von einem freunde aus Schafhausen
, der mir vorschlagt von Konstanz
aus im schlitten auf dem see bis Lindau
zu faren: aber das ist nun durch das eingefallene und warscheinlich anhaltende tauwetter
unmöglich geworden. Daß der hauptmann Zellweger
die apostáλhopoßix hat, nimmt mich nicht wunder; aber seiner frau, ob ich sie gleich
nur vom sehen kenne, hátte ich doch mer zugetraut. Wenn es wieder kalt werden sollte,
so mache ich doch einen versuch nach Meersburg
hinüber zu schlitten; könnten Sie nur mit mir kommen. Solche secular ereignisse muss
man benuzen, soviel als man kann; wäre es auch nur denjenigen zu wiedersprechen, die
hintendrein lúgen. Die Bären brazen folgen hier, mit der bitte, sic in Bischofszelle
solen und an dem fußrande mit leder einfassen zu lassen, hinten am fersen muss dieser
rand etwas hóher sein, zuvor aber mússen sie wieder geflikt werden. auch sende ich
Inen das anniversarium Arowiense, welches ich jezt zu benuzen nicht zeit finde. Gestern
erhielt ich auch einen brief von H. gr. v. Múlinen
, der sich auf 4 quartseiten beklagt, daß er nimmer schreiben kann. er will mir für
den Episcopat. constant. aus dem Berner archive noch merere urkunden senden, und verspricht eine noch größere ausbeute, wenn er wieder
bei seinen sammlungen in Thun
ist. Er sagt mir daß die HH. v. Klingen
schon 1270 im besize von hohen Twiel waren: also fiel meine vermutung, daß es unter
Heinrich von Klingenberg
dem bischofe erst an das haus Klingenberg
gekommen, weg. 1266 war es doch gewiß noch im eigentum Kónig Conradins
. Ulr. v. Klingen
[:der erbauer Klingenau
's ?:] soll es 1167 schon bebesessen haben, sagt H. gr. v. Múlinen
. In Schafhausen
bemerkte man 22. Kálte. da sind wir noch besser dran. ich glaube jezt wirklich, daß
der frúling nicht mehr fern sei. so viel fúr heute.
Ir Laßberg
.
Normalisierter Text
E. am 10. Februar 1830.
Was sagen Sie, mein lieber Freund, zu dem beiliegenden Brief? Und was wollen Sie,
dass ich dem Freiherrn von Müller-Friedberg
, der mich noch zu einem Seigneur d'Eppishausen macht, antworten soll? Ich stelle
es ganz in Ihren Willen, ob ich die verlangte rezensorische Anzeige Ihrer Geschichte
des Thurgaus
machen soll, oder nicht? Sie wissen, dass ich weder schmeicheln noch heucheln kann,
und die Verschweigung meines Namens habe ich Gottlob noch nie Ursache gehabt zu verlangen.
Dass Sie mich nicht als einen ungerechten oder neidischen Mann kennen, hoffe ich;
aber ich gestehe, dass ich sehr ungeschickt bin zu loben, was soll ich tun? Soeben
erhalte ich Ihren Brief von
gestern, weil der Bote stets zu faul ist, über die Brücke zu gehen, und was er für
mich hat, immer in der Färbe zu Erlen abgibt. Die beiden Rüdenpanzer habe ich angelegt
und den einen, der mir nicht zu eng war, behalten. Ich denke, es ist der, welcher
34 Batzen kostet, und lege dieselben hier bei. Ungeachtet ich Ihnen vorgestern, was
Ihnen unterwegs begegnen wird, vorgesagt habe (aber den alten Leuten glaubt man nichts
mehr), so tut es mir doch leid, dass Sie meinen Schlitten nicht angenommen haben;
aber ich freue mich hinwieder, dass Ihre Gesundheit nicht Schaden gelitten. Dass Sie
jetzt den Agathias ganz ins Deutsche übersetzen wollen, kann ich nicht billigen. Warten Sie lieber,
bis Sie nach einiger Zeit im Griechischen sich wieder ganz festgesetzt haben. Sie
werden, wenn Sie diesen Schriftsteller erst ganz bis zum Ende gelesen haben, viele
und große Sprachschwierigkeiten antreffen. Wenn Sie ihn aber gleich im ersten Sturm
von
vornherein zu übersetzen anfangen, so wird notwendig eine große Ungleichheit des
Stils entstehen, welche Sie am Ende einsehen und sich dann veranlasst sehen werden,
die frühere Arbeit noch einmal zu machen. Dass Sie mit seinem Stil nicht zufrieden
sind, wundert mich nicht. Im 6. Jahrhundert waren die Advokaten zu Smyrna
bloße Wortkünstler, und obschon man den Stil des Agathias lobt (wie z. B. Gerhard von
Bodenhausen
), so finde ich ihn doch mehr geziert als wahrhaft zierlich. Ich will die Stelle "τα ζαμολξίθος νόμιμα" bei Grimm
aufsuchen; halte sie aber nicht für relevant. Wie es denn bei jeder Sache etwas zu
bedauern gibt, so bedaure ich, dass wir unsere Eisfahrt nicht schon am Vormittag begonnen
haben; wir hätten mehr gesehen und erfahren. Ich meinerseits war dabei ganz vergnügt
und habe bei den unzweifelhaft günstigen Vorzeichen an gar keine Gefahr denken können,
obschon sie in der Reihe der Möglichkeiten lag. Wie ein junger und leichtsinniger
Mensch habe ich meine Freude nicht in die Brust verschließen können. Gestern Abend
bekomme ich einen Brief von
einem Freund aus Schaffhausen
, der mir vorschlägt, von
Konstanz
aus im Schlitten auf dem See bis Lindau
zu fahren; aber das ist nun durch das eingefallene und wahrscheinlich anhaltende
Tauwetter unmöglich geworden. Dass Hauptmann Zellweger
die Apostasie hat, nimmt mich nicht wunder; aber seiner Frau, ob ich sie gleich nur
vom Sehen kenne, hätte ich doch mehr zugetraut. Wenn es wieder kalt werden sollte,
so mache ich doch einen Versuch nach Meersburg
hinüber zu schlittern; könnten Sie nur mit mir kommen. Solche säkulare Ereignisse
muss man nutzen, soviel wie man kann; wäre es auch nur denjenigen zu widersprechen,
die hinterher lügen. Die Bärenschilde folgen hier, mit der Bitte, sie in Bischofszell
sohlen und an dem Fußrand mit Leder einfassen zu lassen. Hinten am Fersen muss dieser
Rand etwas höher sein. Zuvor müssen sie aber wieder geflickt werden. Auch sende ich
Ihnen das Anniversarium Arowiense, welches ich jetzt zu nutzen keine Zeit finde. Gestern erhielt ich auch einen Brief
von
Herrn Graf von
Mühlinen
, der sich auf 4 Quartseiten beklagt, dass er nicht mehr schreiben kann. Er will mir
für den Episkopat Konstantiensis
aus dem Berner Archiv noch mehrere Urkunden senden und verspricht eine noch größere
Ausbeute, wenn er wieder bei seinen Sammlungen in Thun
ist. Er sagt mir, dass die Herren von
Klingenburg
schon 1270 im Besitz von
Hohen-Twiel
waren: also fiel meine Vermutung, dass es unter Heinrich von
Klingenberg
, dem Bischof, erst an das Haus Klingenberg
gekommen, weg. 1266 war es doch gewiss noch im Eigentum König Conradins
. Ulrich von
Klingen
(der Erbauer von
Klingnau
?) soll es 1167 schon besessen haben, sagt Herr Graf von
Mühlinen
. In Schaffhausen
bemerkte man am 22. Kalte. Da sind wir noch besser dran. Ich glaube jetzt wirklich,
dass der Frühling nicht mehr fern ist. So viel für heute.
Ihr Laßberg