Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein verehrter Herr und Meister!
Daß Sie vom Graven von
Müllinen
zu einer Anzeige der Geschichte des Thurgaus
aufgefordert wurden und derselben zu entsprechen nicht ungeneigt sind, freut mich
sehr; oder wie sollte ich das Urtheil eines Mannes ablehnen wollen, der das Kind sozusagen
von
der Empfängniß an kennt und mit seiner Entwicklung so ganz vertraut ist? Nur eines
möchte ich wünschen: daß Ihre Beurtheilung, statt für den Erzähler, für eine eigentliche
historische Zeitschrift niedergeschrieben würde, da weder das Publikum noch der Referenten-Ton
des Erzählers alles sagen läßt, was gesagt werden könnte. Eigentliches Lob verdient
meine Schrift nicht; denn sie ist weder erschöpfend noch klassisch; daß Fleiß darauf
verwendet wurde, und ich in wahrem Sinne die Bahn brechen mußte, bleibt wohl das Hauptverdienst.
Im übrigen muß ich Ihnen doch auch sagen, wie Sie nach meiner Ansicht, und vielleicht
durch meine Veranlassung zu dem Amte eines Recensenten gekommen sind. Die Trachslersche Buchhandlung wollte, daß ich bei der Redaktion des Erzählers eine recensorische Anzeige, nach
Art des Erzählers, bewirken solle; ich erwiderte, daß ich mit der Redaktion des Erzählers
in keiner Verbindung stehe, sein litterarisches Urtheil als sehr oberflächlich kenne
(z. B. über Hennes Diviko und Schweizergeschichte), indessen wisse, daß auch Männer
der alten Schule, besonders der Grav von
Müllinen
günstig über meine Arbeit geurtheilt haben. Hierauf zeigte mir die Buchhandlung an,
daß sie Herrn Landammann Müller-Friedberg
ein Exemplar d. Thurg. Geschichte, mit Verweisung auf den Graven
von
Müllinen
, zugesandt haben. Das Schreiben des Graven
lege ich hier bei. Ich wollte es Ihnen schon früher zeigen, da hatte ich es verschoben.
Die Uebersetzung des Agathias soll nur eine Übung sein und ist zum Druck nicht bestimmt. Beim bloßen Lesen nimmt
man es mit den Einzelheiten nicht genau, besonders denkt man an den deutschen Ausdruck
nicht. Ich habe es als Studio so gehalten; schwere Stücke habe ich immer schriftlich
übersetzt, und ich habe dabei erfahren, daß eine übersetzte Seite weiter fördert als
zehn flüchtig gelesene Seiten. Die beigedruckte Uebersetzung des Persona fördert die Arbeit sehr; doch habe ich erst noch einen Bogen Handschrift, indem ich
allerlei Journalistik zu fördern hatte. Herr Dekan Däniker
fragte mich, ob die Beschreibung der Kirche zu Hall
im Kunstblatte wohl für Sie Interesse haben möchte; ich bejahte es, und so erhalten
Sie das Heft in der Beilage. Das englische Buch über die Barden möchte wohl für Sie auch nicht unwichtig sein; es ist im Litteraturblatt Nr. 95 angezeigt.
Ihre Aufträge sollen möglichst gut besorgt werden. — Das Morgenblatt wünscht Herr
Dekan Däniker
am Dienstag wieder zurück.
Mit herzlicher Ergebenheit bin ich Ihr Pupikofer.
Bischofzell
, 12. Febr. 1830.
Normalisierter Text
Mein verehrter Herr und Meister!
Dass Sie vom Grafen von Mülhäusern
dazu aufgefordert wurden, die Geschichte des Thurgaus
zu besprechen und dass Sie damit einverstanden sind, freut mich sehr; oder wie könnte
ich das Urteil eines Mannes, der das Kind seit seiner Empfängnis kennt und mit seiner
Entwicklung vertraut ist, ablehnen wollen? Nur eines würde ich mir wünschen: dass
Ihre Kritik nicht für den Erzähler, sondern für eine eigentliche historische Zeitschrift
verfasst wird, da weder das Publikum noch der Erzähler-Ton alles sagt, was gesagt
werden könnte. Mein Text verdient eigentlich kein Lob; er ist weder umfassend noch
klassisch; jedoch ist es wohl das Hauptverdienst, dass ich Mühe darauf verwendet habe
und gewissermaßen Bahnbrechendes geleistet habe. Ansonsten möchte ich Ihnen auch mitteilen,
wie ich dazu gekommen bin, dass Sie meiner Ansicht nach und vielleicht durch meine
Vermittlung zum Amt eines Rezensenten gekommen sind. Der Trachslersche Buchhandel wollte, dass ich eine kritische Besprechung nach Art des Erzählers bei der Redaktion
einreiche; ich erwiderte, dass ich keine Verbindung zur Redaktion des Erzählers habe,
dass ich sein literarisches Urteil als sehr oberflächlich betrachte (zum Beispiel
über Hennes
Diviko und die Schweizergeschichte), jedoch weiß, dass auch Männer der alten Schule, insbesondere
Graf von
Mülhäusern
, positiv über meine Arbeit geurteilt haben. Daraufhin teilte mir der Buchhandel mit,
dass sie Herrn Landammann Müller-Friedberg
ein Exemplar der Thurgauer Geschichte mit Verweis auf den Grafen von
Mülhäusern
zugesandt haben. Das Schreiben des Grafen lege ich hierbei bei. Ich wollte es Ihnen
bereits früher zeigen, aber ich habe es aufgeschoben. Die Übersetzung des Agathias soll nur eine Übung sein und ist nicht zum Druck bestimmt. Beim bloßen Lesen achtet
man nicht genau auf die Einzelheiten, insbesondere nicht auf den deutschen Ausdruck.
Ich habe es als Übungsstück gehalten; schwierige Textstellen habe ich immer schriftlich
übersetzt und dabei festgestellt, dass eine übersetzte Seite mehr voranbringt als
zehn flüchtig gelesene Seiten. Die beigefügte Übersetzung des Persona fördert die Arbeit sehr; jedoch habe ich noch einen Abschnitt handschriftlich zu
erledigen, da ich verschiedene journalistische Artikel fördern musste. Herr Dekan
Däniker
fragte mich, ob die Beschreibung der Kirche in Hall
im Kunstblatt vielleicht auch für Sie von
Interesse wäre; ich bejahte es und daher erhalten Sie die Ausgabe in der Beilage.
Das englische Buch über die Barden dürfte für Sie auch von
Bedeutung sein; es wurde im Literaturblatt Nr. 95 besprochen. Ihre Aufträge werden
bestmöglich erledigt. Das Morgenblatt wünscht Herr Dekan Däniker
am Dienstag zurück.
Mit herzlicher Ergebenheit bin ich Ihr Pupikofer.
Bischofzell
, 12. Februar 1830.