Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Verehrtester Herr und Nachbar!
Da Herr D. nur acht Tage Lesezeit für die zwei Hefte Morgenblätter festsetzt, will ich die Übersendung
derselben nicht verzögern. Ich habe wohl auch einige Augenblicke darin geblättert;
aber wenig anderes als die Correspondenzen aus Paris
näher beachtet. Ich bin noch im Rückstande mit den aus Utwyl
heim genommenen Notizen, die ich Ihnen mitzutheilen versprochen habe. Sie folgen
hier. (Tabelle mit Angaben zur Eisdicke) Es ist auffallend, wie beinahe genau die
Schiffleute die Mitte beobachtet haben. Das erste Viertheil setzten sie hingegen zu
früh. Es ist wohl auch zu zweifeln, daß die Eisdicke am Ufer bei Immenstaad
nur 35′′ betrug; das Eis wird sich doch auch dort früher angelegt haben. In Münch
s Fürstenbergischer Geschichte fallen mir noch manche Irrthümer, Trugschlüsse neben
denen auf, die Sie in so großer Menge angezeichnet haben. Wenn ich den Band vollendet
habe, will ich sie recapituliren und Ihnen ein Verzeichniß davon mittheilen. Für die
Bekanntmachung würde Ihnen indeß Herr Münch
so wenig Dank wissen als der Schinderhans dem Beutel, der ihn zwickte. Wenn es auch
nicht so arg wäre, so könnte man noch sagen: Permitte nobis debita nostra, sicut et
nos permittimus debitoribus notris. So aber muß man selbst die religio vom judicium
ausschließen; man darf die Vernunft nicht gefangen nehmen, wenn sie solchem Mißbrauche
ausgesetzt ist. Die Monumenta habe ich vom Buchbinder noch nicht zurück. Um den Porto
zu sparen, wäre ich geneigt, dieselben so lange bei mir zu verwahren, bis die Andacht
Sie wieder einmal hieher triebe, oder der erwachende Frühling Sic locken würde, Ihre
benachbarten Freunde zu besuchen. Sobald indessen einmal ein schöner, trockener Tag
ist, und ich von St. Gallen
wieder zurück bin, werde ich Herrn von Imhof
zu Ihnen bringen. Schade, daß dieser sonst so liebenswürdige Mann keinen Wein trinkt.
keine als gemahlte Schönheit liebt, und selbst am Gesang wenig Freude zeigt. Am feinen
Papier bin ich ausgekommen. Doch ist auf diesem hausbackenem die Versicherung nicht
weniger herzlich, daß ich mit ganzer Seele bin
Ihr Ergebenster Diak. Pupikofer.
Bischofzell
am Tage des Märtyrers Leander
1833.
Normalisierter Text
Verehrtester Herr und Nachbar!
Da Herr D. nur acht Tage Lesezeit für die zwei Hefte Morgenblätter festsetzt, will ich die Übersendung
derselben nicht verzögern. Ich habe wohl auch einige Augenblicke darin geblättert;
aber wenig anderes als die Correspondenzen aus Paris
näher beachtet. Ich bin noch im Rückstande mit den aus Utwyl
heim genommenen Notizen, die ich Ihnen mitzuteilen versprochen habe. Sie folgen hier.
(Tabelle mit Angaben zur Eisdicke) Es ist auffallend, wie beinahe genau die Schiffleute
die Mitte beobachtet haben. Das erste Viertel setzten sie hingegen zu früh. Es ist
wohl auch zu zweifeln, dass die Eisdicke am Ufer bei Immenstaad
nur 35'' betrug; das Eis wird sich doch auch dort früher angelegt haben. In Münch
s Fürstenbergischer Geschichte fallen mir noch manche Irrtümer, Trugschlüsse neben
denen auf, die Sie in so großer Menge angezeichnet haben. Wenn ich den Band vollendet
habe, will ich sie rekapitulieren und Ihnen ein Verzeichnis davon mitteilen. Für die
Bekanntmachung würde Ihnen indes Herr Münch
so wenig Dank wissen als der Schinderhans dem Beutel, der ihn zwickte. Wenn es auch
nicht so arg wäre, so könnte man noch sagen: Permitte nobis debita nostra, sicut et
nos permittimus debitoribus nostris. So aber muss man selbst die religio vom judicium
ausschließen; man darf die Vernunft nicht gefangen nehmen, wenn sie solchem Missbrauche
ausgesetzt ist. Die Monumenta habe ich vom Buchbinder noch nicht zurück. Um den Porto
zu sparen, wäre ich geneigt, dieselben so lange bei mir zu verwahren, bis die Andacht
Sie wieder einmal hierher triebe, oder der erwachende Frühling Sie locken würde, Ihre
benachbarten Freunde zu besuchen. Sobald indessen einmal ein schöner, trockener Tag
ist, und ich von St. Gallen
wieder zurück bin, werde ich Herrn von Imhof
zu Ihnen bringen. Schade, dass dieser sonst so liebenswürdige Mann keinen Wein trinkt,
keine als gemalte Schönheit liebt und selbst am Gesang wenig Freude zeigt. Am feinen
Papier bin ich ausgekommen. Doch ist auf diesem hausbackenen die Versicherung nicht
weniger herzlich, dass ich mit ganzer Seele bin Ihr Ergebenster Diak. Pupikofer.
Bischofzell
am Tage des Märtyrers Leander
1833.