Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein verehrtester Herr und Meister!
Statt in der Abbatia Criucilinensi nach verborgenen, vielleicht gar nicht vorhandenen Schätzen zu graben und in dem
aufblühenden Frühlinge Auge und Herz zu weiden, hält mich das finstere Gesicht das
unserer terra alma mater mit seinen Thränen und Seufzern liebkosenden Stier- (Juppiter
ammon) Neumonds im Hause zurück; und eine tussissaxifraga, die mir unlängst im Leibe
erwachsen ist und mir beschwerlich zu werden anfängt, wird jenem Arrestbefehle so
lange Nachdruck geben, bis ein Hexentränklein, bereitet vom dicken Bodensee-Ritter,
mich davon befreit haben wird. Und bin ich denn wieder gesund und frei, so werden,
so viel ich höre, dreitägige Schulprüfungen in der letzten Aprilwoche mich in Anspruch
nehmen und meine Pläne abermals verrücken. Sie sehen also, mein Versprechen, Ihnen
die Fürstenbergische Stammtafel in der Zeit, daß Sie sich mit Münchs
Buche beschäftigen, zu überbringen, kann ich nicht halten, und so sende ich Ihnen
dieselbe durch den Boten. Ich füge die Bitte bei, daß Sie mir dagegen Neugart
s Codex, den Sie mir vor einiger Zeit zusagten, zum Troste in meiner Verlassenheit
schicken und dadurch dem Himmel ein Dankopfer für die St. Gallischen codices bringen
möchten, mit denen Sie so unerwartet gesegnet wurden. Ich lese eben Wegelin
s Geschichte des Toggenburgs
und werde dadurch veranlaßt, in Neugart
einiges Thurgau
ische nachzuschlagen und zu vergleichen. Können Sie wohl glauben, daß ich Ihr Schreiben
vom 7. April erst am 15. April las, als ich von Ihnen zurück wieder nach Hause kam?
Und doch thut der Zufall so oft das Unglaubliche. Ihre Einladung mit Weib und Kindern
Ihren hiesigen Besuch in Eppishausen
zu erwidern wird nicht fruchtlos in der Luft verhallen, wie so viele meiner Predigten.
Die Kinder freuen sich schon jetzt auf die Feiertage im Anfange Mais, in der Erwartung,
ich werde Sie durch den dunkeln Wald in das Zauberschloß führen, wo die Engel und
Teufel so stattlich an den Wänden herum hängen. Ich konnte Sie am Donnerstag vor dem
Klopfen und Poltern nicht fragen, ob es Ihnen recht war, daß ich das halbe Hundert
Bierkrüge voll machte; indessen, da Sie selbst innerhalb 10 Tagen nicht remonstrirt
haben, so müssen Sie dieselben jetzt wohl rechtlich behalten. Herr Schlatter
hat mir darüber mitfolgenden Conto ausgestellt, und zu den fl. 5.24 desselben habe
ich für 50 Krüge à 62 xr f. 5.25 nebst 24 xr für Stöpsel bezahlt, was zusammen eine
Summe von f. 11.13 ausmacht. Sie haben schon einige Mal geäußert, wie wünschbar es
wäre, daß die im alten Thurgau
zerstreuten Geschichtsforscher sich einmal vereinigten; nun werden Sie an der Landsgemeinde
Herrn Zellweger
sehen, und könnten sich also mit demselben verständigen, ob er an einem historischen
Congresse Antheil nehmen wollte. Bieten Sie Eppishausen
zum Versammlungsorte an, so will ich als ein tugendhafter Schreiber auch einige Einladungen
nach Frauenfeld
und Zürich
fertigen. Sie, Zellweger
, Kirchhofer
, Vögeli
, Henne
, Wegelin
, Mörikofer
, wären schon eine heilige Siebenzahl, an die ich und mancher andere ehrliche Mann
sich so gerne anschließen würde. Freilich wird Herr Zellweger
als Zollweger auch diesen Sommer über wider geplagt sein, und der Episcopatus fällt
Ihnen vielleicht auch noch zu einer Zeit auf die Schultern, wo Sie sich gerne entlastet
sähen. Gestern erhielt ich von der Orell
schen Ausgabe des Cicero Vol. III. pars I. oder die Briefe. Herr Orell
streitet sehr gegen Wunderli
, Bardili
u. a. Ciceronianer und behauptet, der von Petrark
aufgefundene Mediceische Codex sei nicht blos der älteste, sondern auch der Vater aller andern Codices der Briefe
Ciceros. Ersteres wollte man ihm gelten lassen, aber letzteres nicht; darum schrieb er 24
eng gedruckte Seiten und schließt: Wenn jene ihm nicht glauben wollen, so illi ut
volent postea eam emendent conjecturis, corrumpant, interpolent ex Codd. suorum et
edd. sec. XV colluvie. Weil ein deutscher Buchhändler den Orell
ischen Text zu stereotypisiren unternommen hat, müssen wir Subscribenten dafür büßen,
indem der letzte Theil erst herausgegeben wird, wenn ein Zürcherscher neuer Textabdruck
zu Stande gekommen sein wird. Sie hatten sonst die Güte, mir den Schweiz
. Geschichtsforscher mitzutheilen. Für das letzte Heft aber nehme ich Sie nicht in
Anspruch, da Herr Dekan Däniker
mir dasselbe eingehändigt hat. Ich habe indessen erst noch die Ueberschriften der
Arbeiten gelesen, und u. a. bemerkt, daß Zellweger
seine Chronologie der Äbte den richtigeren Ansichten Wegelin
s angepaßt hat. Die Italica sende ich Ihnen zurück, ohne daß ich mein Reisetagebuch nachgeholt hätte. Es fliegt
davon ein Blättchen um das andere aus meinem Gedächtnisse fort, und was noch haftet,
muß der Klio zum Opfer dargebracht werden. Was liegt auch daran? Ich habe ja nichts
geschen, das nicht von Tausenden schon wäre bemerkt und beschrieben worden. Wollen
Sie Sonntags, 2. Mai Abends, in Hagen
wyl einen Männerchor, von Bischofzell
schen, Hauptwylschen und Egnachschen Sängern aufgeführt, anhören, so werde ich Sie
dort auf der Burg des alten Hagen
antreffen, und mit Ihnen in Ihr oder mein Haus zurückwandern. Bleiben Sie unterdessen
freundlich gesinnt
Ihrem Ergebensten Diak. Pupikofer.
Bischofzell
, 20. April 1830.
Normalisierter Text
Mein verehrtester Herr und Meister!
Statt in der Abbatia Criucilinensi nach verborgenen, vielleicht gar nicht vorhandenen Schätzen zu graben und in dem
aufblühenden Frühling Auge und Herz zu weiden, hält mich das finstere Gesicht das
unserer terra alma mater mit seinen Tränen und Seufzern liebkosenden Stier- (Juppiter
ammon) Neumonds im Hause zurück; und eine Tussissaxifraga, die mir unlängst im Leibe
erwachsen ist und mir beschwerlich zu werden anfängt, wird jenem Arrestbefehle so
lange Nachdruck geben, bis ein Hexentränklein, bereitet vom dicken Bodensee-Ritter,
mich davon befreit haben wird. Und bin ich denn wieder gesund und frei, so werden,
so viel ich höre, dreitägige Schulprüfungen in der letzten Aprilwoche mich in Anspruch
nehmen und meine Pläne abermals verrücken. Sie sehen also, mein Versprechen, Ihnen
die Fürstenbergische Stammtafel in der Zeit, dass Sie sich mit Münchs
Buche beschäftigen, zu überbringen, kann ich nicht halten, und so sende ich Ihnen
dieselbe durch den Boten. Ich füge die Bitte bei, dass Sie mir dagegen Neugart
s Codex, den Sie mir vor einiger Zeit zusagten, zum Trost in meiner Verlassenheit
schicken und dadurch dem Himmel ein Dankopfer für die St. Gallischen Codices bringen
möchten, mit denen Sie so unerwartet gesegnet wurden. Ich lese eben Wegelin
s Geschichte des Toggenburgs
und werde dadurch veranlasst, in Neugart
einiges Thurgau
ische nachzuschlagen und zu vergleichen. Können Sie wohl glauben, dass ich Ihr Schreiben
vom 7. April erst am 15. April las, als ich von Ihnen zurück wieder nach Hause kam?
Und doch tut der Zufall so oft das Unglaubliche. Ihre Einladung mit Weib und Kindern
Ihren hiesigen Besuch in Eppishausen
zu erwidern wird nicht fruchtlos in der Luft verhallen, wie so viele meiner Predigten.
Die Kinder freuen sich schon jetzt auf die Feiertage im Anfang Mai, in der Erwartung,
ich werde Sie durch den dunklen Wald in das Zauberschloss führen, wo die Engel und
Teufel so stattlich an den Wänden herumhängen. Ich konnte Sie am Donnerstag vor dem
Klopfen und Poltern nicht fragen, ob es Ihnen recht war, dass ich das halbe Hundert
Bierkrüge voll machte; indessen, da Sie selbst innerhalb 10 Tagen nicht remonstriert
haben, so müssen Sie dieselben jetzt wohl rechtmäßig behalten. Herr Schlatter
hat mir darüber mitfolgenden Kontobrief ausgestellt, und zu den fl. 5.24 desselben
habe ich für 50 Krüge à 62 xr f. 5.25 nebst 24 xr für Stöpsel bezahlt, was zusammen
eine Summe von f. 11.13 ausmacht. Sie haben schon einige Male geäußert, wie wünschbar
es wäre, dass die im alten Thurgau
zerstreuten Geschichtsforscher sich einmal vereinigten; nun werden Sie an der Landsgemeinde
Herrn Zellweger
sehen, und könnten sich also mit demselben verständigen, ob er an einem historischen
Kongress Anteil nehmen wollte. Bieten Sie Eppishausen
zum Versammlungsort an, so will ich als ein tugendhafter Schreiber auch einige Einladungen
nach Frauenfeld
und Zürich
fertigen. Sie, Zellweger
, Kirchhofer
, Vögeli
, Henne
, Wegelin
, Mörikofer
, wären schon eine heilige Siebenzahl, an die ich und mancher andere ehrliche Mann
sich so gerne anschließen würde. Freilich wird Herr Zellweger
als Zollweger auch diesen Sommer über wider geplagt sein, und der Episcopatus fällt
Ihnen vielleicht auch noch zu einer Zeit auf die Schultern, wo Sie sich gerne entlastet
sähen. Gestern erhielt ich von der Orell
schen Ausgabe des Cicero Vol. III. pars I. oder die Briefe. Herr Orell
streitet sehr gegen Wunderli
, Bardili
u. a. Ciceronianer und behauptet, der von Petrark
aufgefundene Mediceische Codex sei nicht bloß der älteste, sondern auch der Vater aller anderen Codices der Briefe
Ciceros. Ersteres wollte man ihm gelten lassen, aber letzteres nicht; darum schrieb er 24
eng gedruckte Seiten und schließt: Wenn jene ihm nicht glauben wollen, so illi ut
volent postea eam emendent conjecturis, corrumpant, interpolent ex Codd. suorum et
edd. sec. XV colluvie. Weil ein deutscher Buchhändler den Orell
ischen Text zu stereotypisieren unternommen hat, müssen wir Abonnenten dafür büßen,
indem der letzte Teil erst herausgegeben wird, wenn ein Zürcherischer neuer Textabdruck
zu Stande gekommen sein wird. Sie hatten sonst die Güte, mir den Schweiz. Geschichtsforscher
mitzuteilen. Für das letzte Heft aber nehme ich Sie nicht in Anspruch, da Herr Dekan
Däniker
mir dasselbe eingehändigt hat. Ich habe indessen erst noch die Überschriften der
Arbeiten gelesen, und u. a. bemerkt, dass Zellweger
seine Chronologie der Äbte den richtigeren Ansichten Wegelin
s angepasst hat. Die Italica sende ich Ihnen zurück, ohne dass ich mein Reisetagebuch nachgeholt hätte. Es fliegt
davon ein Blättchen um das andere aus meinem Gedächtnis fort, und was noch haftet,
muss der Klio zum Opfer dargebracht werden. Was liegt auch daran? Ich habe ja nichts
geschen, das nicht von Tausenden schon wäre bemerkt und beschrieben worden. Wollen
Sie Sonntags, 2. Mai abends, in Hagen
wyl einen Männerchor, von Bischofzell
schen, Hauptwylschen und Egnachschen Sängern aufgeführt, anhören, so werde ich Sie
dort auf der Burg des alten Hagen
antreffen, und mit Ihnen in Ihr oder mein Haus zurückwandern. Bleiben Sie unterdessen
freundlich gesinnt.
Ihrem Ergebensten Diak. Pupikofer.
Bischofzell
, 20. April 1830.