Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein hochverehrter Herr und Gönner!
Von Tag zu Tag sehe ich einer günstigern Witterung entgegen, die mir erlaube, Eppishausen wieder zu sehen; und immer kommt Regen und wieder Regen, und der Barometer selbst
will immer mehr verzweifeln. Ich bin zwar so feige nicht, daß ich nicht einem trüben
Himmel allenfalls noch Trotz bieten dürfte; allein im Sommer geht man doch lieber
in der Sonne spazieren, als mit dem Regendache, und wenn die Hausfrau Hoffnung macht,
mitzugehen, darf man vollends von Sturm und Regen nichts sagen. Sehen Sie, so ist's
gekommen, daß ich nun schon seit drei Wochen nicht mehr bei Ihnen war, ganz gegen
die Regel, daß man auf dem Wege der Freundschaft kein Gras soll wachsen lassen. Indem
ich dieses mein trauriges Liedlein diesen Morgen sang, langte ein Brief an, der mir
glauben machen wollte, es sei sehr gut gewesen, daß ich nicht zu Ihnen gewandert sei,
weil ich Sie nur an einer dringenden Arbeit versäumt hätte. Herr Wegelin
schreibt mir nämlich, er befinde sich des Weißenauer Codex wegen in tödtlicher Angst. Er habe Ihnen geschrieben, wie der Codex bei der Bibliothek-Visitation
vorgewiesen werden müsse, aber von Ihnen weder Codex noch sonstige Antwort erhalten;
wenn Sie verreist seien und den Codex in Eppishausen
eingeschlossen haben sollten, so möchte. ich doch sehen, ne respublica detrimentum
capiat. Vorläufig will ich heute Abend den guten Mann trösten, daß er das theure Buch
noch zur rechten Zeit erhalten werde; geschieht letzteres nicht, so lege ich mich
auf Ihre Kosten zu Baden in Geiselschaft, so daß der Codex Ihnen bald theuer zu stehen
kommen soll. Für Ihre Bemerkungen über die Angela anceps und derselben Geschichte danke ich Ihnen recht herzlich; daß die dichterische
Weihe mir fehle, fühle ich wohl, und noch mehr sehe ich, daß der Bilderreichthum in
der Darstellung mir fehlt. Ich lebe mehr in der Welt des Verstandes, als der Phantasie.
Ich habe noch keine Umarbeitung versucht, und werde wohl damit noch eine Weile zuwarten.
Herrn Follen
will ich dafür den Traum Walters
von der Vogelweide überlassen, damit das Versprechen, das ich mir abschwatzen ließ,
nicht ganz unerfüllt bleibe. Ich habe seither noch einige Strophen Walters
umgearbeitet, und will dieselben Ihnen bei nächster Gelegenheit vorlegen. Was sich
bei Steckborn
altes gefunden habe, wird Ihnen der überall spionirende Fehr berichtet haben. Herr
Mörikofer
sandte mir von zwei Münzen beiliegende Siegelabdrücke; ich kann den Inhalt nicht
enträthseln: die Züge ATTIR entsprechen den jetzigen arabischen Schriftzügen nicht.
Wohl gibt Mabillon
darüber Aufklärung. Ich habe Auftrag gegeben, mir einige Münzen zu kaufen, oder wenigstens
noch mehrere Siegelabdrücke zu verschaffen; daß mein Wunsch erfüllt werde, darf ich
freilich nicht hoffen, da die Steckborn
er ihre Schätze nicht an ihren Todfeind werden ausliefern wollen. In Gottes Namen!
Wir wissen doch nun wenigstens das bestimmt, wie viele Grane die Münzen gewogen haben,
und verdanken diese Untersuchung ohne Zweifel Herrn Freienmuth. Ich bin sehr neugierig, Ihre Kritik über die Freienmuthsche Staats-Ökonomie zu hören. Die Appenzeller Zeitung hat schon in zwei Nummern dagegen gesprochen; die Zürchersche Freitagszeitung von Bürkli
hat gemeint, es sei dem Verfasser wohl nur darum zu thun, seinen eigenen und den
Staatsgeldern, sowie denen seiner Vettern und Basen das Bestehen eines hohen Zinsfußes
zu sichern. Eine ähnliche Absicht will Herr C. Zellweger
im Büchlein aufgespürt haben. In 14 Quartseiten, die er für mich niederzuschreiben
die Güte hatte, zeigte er, wie unpolitisch das System Freienmuth sei, und wie unwahrscheinlich selbst die Prämisse, auf welche er folgert. Auch ich,
auch Herr Oberamtmann Scherb
, auch Herr Oberstlieutenant Egli
haben uns mit unsern Federn gegen den Erbfeind des thurgauischen Credits eingelassen.
Ich glaubte vorzüglich deswegen dazu berufen zu sein, da ich vor 8 Tagen in St. Gallen
vor allen guten und schlechten Freunden über die fides thurgovica Rede stehen mußte.
Unsere Badereise soll an Johannes des Täufers
Abend vor sich gehen; wir hoffen, er werde uns, wenn er schon Täufer heißt, doch
nicht mit Regen, sondern lieber mit Feuer taufen. Vorher noch, vielleicht Morgen Abend
schon, werde ich Ihnen für Herrn Grimm
sechs Bogen Offnungen, die ich noch collationiren muß, und das Solothurner Wochenblatt überbringen. Herr Lüthi
muß ein trefflicher Mann sein, der nicht blos für alte Urkunden, sondern auch für
tiefe Dichtkunst Geschmack hat. Unserm geadelten Müller ist er freilich etwas unbillig,
noch mehr aber dem alten Arx
. Ich habe auch beiläufig gesagt, die Bemerkung gemacht, daß Sie mehrere Urkunden
mit Episc. Const. angemerkt haben, ungeachtet sie rein Lausanensia sind. In der Hoffnung,
Sie bald zu sehen, bitte ich Sie, mich und die Meinigen Ihres ferneren Wohlwollens
zu würdigen.
Herzlich der Ihrige Pupikofer.
den 15. Juni 1830.
Normalisierter Text
Mein hochverehrter Herr und Gönner!
Von Tag zu Tag sehe ich einer günstigeren Witterung entgegen, die mir erlaubt, Eppishausen wieder zu sehen; und immer kommt Regen und wieder Regen, und der Barometer selbst
will immer mehr verzweifeln. Ich bin zwar nicht so feige, dass ich nicht einem trüben
Himmel allenfalls noch trotz bieten dürfte; aber im Sommer geht man doch lieber in
der Sonne spazieren, als mit dem Regendach, und wenn die Hausfrau Hoffnung macht,
mitzugehen, darf man erst recht von Sturm und Regen nichts sagen. Sehen Sie, so ist
es gekommen, dass ich nun schon seit drei Wochen nicht mehr bei Ihnen war, ganz gegen
die Regel, dass man auf dem Wege der Freundschaft kein Gras soll wachsen lassen. Indem
ich dieses mein trauriges Liedlein heute Morgen sang, langte ein Brief an, der mir
glauben machen wollte, es sei sehr gut gewesen, dass ich nicht zu Ihnen gewandert
sei, weil ich Sie nur an einer dringenden Arbeit versäumt hätte. Herr Wegelin
schreibt mir nämlich, er befinde sich wegen des Weißenauer Codex in tödlicher Angst. Er hat Ihnen geschrieben, wie der Codex bei der Bibliotheksvisitation
vorgezeigt werden müsse, aber von Ihnen weder Codex noch sonstige Antwort erhalten;
wenn Sie verreist sind und den Codex in Eppishausen
eingeschlossen haben sollten, so möchte ich doch sehen, dass res publica detrimentum
capiat. Vorläufig will ich heute Abend den guten Mann trösten, dass er das teure Buch
noch zur rechten Zeit erhalten wird; geschieht letzteres nicht, so lege ich mich auf
Ihre Kosten zu Baden in Gesellschaft, so dass der Codex Ihnen bald teuer zu stehen
kommen wird. Für Ihre Bemerkungen über die Angela anceps und die Geschichte danke ich Ihnen recht herzlich; dass mir die dichterische Weihe
fehlt, fühle ich wohl, und noch mehr sehe ich, dass der Bilderreichtum in der Darstellung
mir fehlt. Ich lebe mehr in der Welt des Verstandes als der Phantasie. Ich habe noch
keine Umarbeitung versucht, und werde wohl damit noch eine Weile zuwarten. Herrn Follen
will ich dafür den Traum Walters
von der Vogelweide überlassen, damit das Versprechen, das ich mir abslotzen ließ,
nicht ganz unerfüllt bleibe. Ich habe seither noch einige Strophen Walters
umgearbeitet und werde sie Ihnen bei nächster Gelegenheit vorlegen. Was sich bei
Steckborn
Altes gefunden hat, wird Ihnen der überall spionierende Fehr
berichtet haben. Herr Mörikofer
sandte mir von zwei Münzen beiliegende Siegelabdrücke; ich kann den Inhalt nicht
enträtseln: die Züge ATTIR entsprechen den jetzigen arabischen Schriftzügen nicht.
Wohl gibt Mabillon
darüber Aufklärung. Ich habe den Auftrag gegeben, mir einige Münzen zu kaufen oder
wenigstens noch mehrere Siegelabdrücke zu verschaffen; dass mein Wunsch erfüllt wird,
darf ich allerdings nicht hoffen, da die Steckborn
er ihre Schätze nicht an ihren Todfeind ausliefern wollen. In Gottes Namen! Wir wissen
doch nun wenigstens genau, wie viele Gran die Münzen gewogen haben, und verdanken diese Untersuchung ohne Zweifel Herrn Freienmuth. Ich bin sehr neugierig, Ihre Kritik über die Freienmuthsche Staatsökonomie zu hören. Die Appenzeller Zeitung hat schon in zwei Nummern dagegen gesprochen; die Zürcher Freitagszeitung von Bürkli
hat gemeint, es sei dem Verfasser wohl nur darum zu tun, seinen eigenen und den Staatsgeldern,
sowie denen seiner Vettern und Basen das Bestehen eines hohen Zinsfußes zu sichern.
Eine ähnliche Absicht will Herr C. Zellweger
in dem Büchlein aufgespürt haben. In 14 Quartseiten, die er für mich niederzuschreiben
die Güte hatte, zeigte er, wie unpolitisch das System Freienmuth sei, und wie unwahrscheinlich selbst die Prämisse, auf welche er folgert. Auch ich,
auch Herr Oberamtmann Scherb
, auch Herr Oberstleutnant Egli
haben uns mit unserem Federn gegen den Erbfeind des thurgauischen Credits eingelassen.
Ich glaubte vor allem deswegen dazu berufen zu sein, da ich vor 8 Tagen in St. Gallen
vor allen guten und schlechten Freunden über die fides thurgovica Rede halten musste.
Unsere Badereise soll an Johannes des Täufers
Abend vor sich gehen; wir hoffen, er werde uns, wenn er schon Täufer heißt, doch
nicht mit Regen, sondern lieber mit Feuer taufen. Vorher noch, vielleicht schon morgen
Abend, werde ich Ihnen für Herrn Grimm
sechs Bogen Offnungen, die ich noch collationieren muss, und das Solothurner Wochenblatt überbringen. Herr Lüthi
muss ein trefflicher Mann sein, der nicht nur für alte Urkunden, sondern auch für
tiefe Dichtkunst Geschmack hat. Unserem geadelten Müller
ist er freilich etwas ungerecht, noch mehr aber dem alten Arx
. Ich habe auch beiläufig gesagt, die Bemerkung gemacht, dass Sie mehrere Urkunden
mit "Episc. Const." angemerkt haben, obwohl sie rein Lausanensia sind. In der Hoffnung,
Sie bald zu sehen, bitte ich Sie, mich und meine Familie Ihres weiteren Wohlwollens
zu würdigen.
Herzlich der Ihrige Pupikofer.
den 15. Juni 1830.