Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)

BadenWIKIDATA Icon, 2. Jul. 1830. bis 5. Jul. Mein hochverehrter Herr und Gönner! Schon seit acht Tagen wohne ich in den schweizerischen Thermophylen, und in der steten Zerstreuung habe ich bald alles, das Denken und Schreiben verlernt; nur von Zeit zu Zeit taucht aus der Fluth die Erinnerung an so viele liebe und gute Menschen auf, die auch außerhalb BadenWIKIDATA Icon wohnen, und dann senden meine Frau und ich recht herzliche Stoßseufzer in die Ferne, um damit die Götter zu versöhnen, daß sie den Leichtsinn, in dem wir leben, nicht strafen. Daß ich auch häufig an Sie denke, mögen Sie um so mehr glauben, da auch das Gewissen an die bisher versäumte Pflicht, Ihnen zu schreiben, alle Tage einige Male mahnt und mich für meine Trägheit straft. Noch nie ist mir indeß ein süßes Geschäft so schwer geworden; die Dinte schleicht, die Feder schleift, und die Hand selbst ist so unsicher, als wenn ich erst gestern vom Schreibmeister der Lehrjahre entlassen worden wäre. Wahrscheinlich hat das Dampfbad, das ich gegen meine Kopfrheumatismen anwende, seinen Einfluß geltend gemacht und die Nerventhätigkeit herunter gestimmt. Auch ohne dies ist ja der Wassergeist dem Feuergeiste so entgegen, daß man sich nicht wundern muß, wenn das in altum tendo ein wenig die Flügelkraft verliert. Wie wohlthätige Witterung Johannes baptistaGND Icon uns gebracht hat! Sehen Sie, wie auch ich den Heiligen vertrauen gelernt habe. Kaum waren wir in BischofzellWIKIDATA Icon abgereist, als der Himmel sich öffnete, und seither haben wir alle Ursache, zufrieden mit ihm zu sein. Einige Male waren wir bald versucht, über allzu grosse Hitze zu klagen, und es bedurfte der Erinnerung an die Massen von Heu, welche im ThurgauWIKIDATA Icon noch auf Wärme warten, um die Ungeduld noch zurückzuhalten. Herr Oberamtmann (der mir Grüße an Sie aufträgt) und ich wohnen neben einander, und eine Thüre verbindet unsere Zimmer, so daß die Frauen ohne Ende mit einander plaudern. Bekanntschaften habe ich noch keine gemacht, die für Sie Interesse hätten und mir bleibenden Gewinn versprechen konnten. Einzig im Kloster WettingenWIKIDATA Icon war ich und verglich daselbst, aus Mangel an Zeit nur oberflächlich, einen Necrolog mit den Auszügen im HerrgottGND Icon; den ältesten Necrolog konnte ich nicht sehen, weil der Pater GroßkellnerGND Icon abwesend war. In einigen Tagen werde ich aber nochmals hingehen. Ich habe die Hoffnung, noch einige Ausbeute, vorzüglich in der Beziehung zu machen, daß ich die Zinse, welche für die Anniversarien geschenkt wurden, anmerke, was bei HerrgottGND Icon vernachläßigt wurde. Von Walter von KlingenGND Icon z. B. wird gesagt, daß er 40 vergabt habe. Bei Buchdrucker DieboldGND Icon habe ich Ihre Rechnung mit L. 14. 36 berichtigt, so daß Sie noch 17 Batzen bei mir gut haben. Sein autographon werde ich Ihnen persönlich zu überreichen das Vergnügen haben. Im nobile TuregumWIKIDATA Icon habe ich niemand als einen Buchhändler besucht und gar nichts neues erbeutet. Follen, Orell, u. s. w. will ich auf der Rückreise sehen, wenn's möglich ist auch den grämlichen camerarium Bubiconensem, Herrn Lindiner, wenn er noch lebt. In NiederweningenWIKIDATA Icon soll auch ein grosser Manuscripten-Schatz von einem kürzlich daselbst verstorbenen Amtmann WeidmannGND Icon liegen, der in seinen Amtsverhältnissen mit allem möglichen Fleisse Urkunden des Bisthums ConstanzWIKIDATA Icon in allen Klöstern sammelte, aber so unordentlich dabei zu Werke ging, daß Zeitungsartikel, Familien-Rechnungen, Urkunden u. s. w. überall durch einander gemischt seien, und bevor einem Fremden die Benutzung gestattet werden könne, von den Familien-Gliedern untersucht und gesondert werden müssen. Man hat mir die Hoffnung, die reiche Quelle zu benutzen, dadurch vor der Nase abgeschnitten, doch so daß ich hoffen darf, in einigen Jahren dennoch dazu zu gelangen. Von Herrn Antistes FalkeisenGND Icon habe ich über den Stifter von KlingenthalWIKIDATA Icon eine nicht ganz befriedigende Auskunft, doch das Versprechen erhalten, mir noch mehr, als ich verlangte, in einigen Wochen zuzusenden. Ich bat ihn um eine Copie der Klingenschen Grabmäler und um Mittheilung dessen, was ihm etwa sonst zur Aufklärung derselben kund sein möchte. Er bemerkte, daß er von Appellationsrath Peter VischerGND Icon bereits dafür angesucht worden sei, und demselben seine Notizen zur Hand gestellt habe, daß er aber von den Monumenten des Klosters KlingenthalWIKIDATA Icon exakte, durch Em. BüchelGND Icon verfertigte Abzeichnungen besitze (die ich bei ihm gesehen habe) und mir von den merkwürdigsten derselben durch Herrn Diacon ÜbelinGND Icon Copien verfertigen lasse. Unter diesen Monumenten werden ohne Zweifel auch die Zeichnungen von den in Frage stehenden Grabmälern sein, wofür ich eigentlich bat; das Übrige mag als willkommene Zugabe dienen. Wenn nur Herr ÜbelinGND Icon nicht zu lange warten läßt! Auch den Kirchenhistoriker Heß von ZurichGND Icon, einen halb närrischen Gelehrten, der hier wohnt, habe ich besucht. Ich sah bei ihm einen Catalog des Antistitial-Archivs von ZürichWIKIDATA Icon und fand in demselben u. a. auch einen Pergament-Codex des Schwabenspiegels, dem ich in ZürichWIKIDATA Icon nachgehen werde. Noch manches andere, aus der Hinterlassenschaft StumpfsGND Icon, BullingersGND Icon, u. s. w. schlummert bei dem Vorsteher der ehrwürdigen Zürcherschen Geistlichkeit, unter dem theologischen Banne des protestantischen Geistes, der das aevum medium so feindselig behandelt hat. Wenn nur der Wächter des Schatzes seinen alten Hass gegen mich, der ich ihm nicht orthodox genug war, nicht geltend macht! Herr Oberst von ImhofGND Icon hat uns hier besucht. Ich war gestern in AarauWIKIDATA Icon und sah weder Zschocke noch Tanner, weil gute Freude die kostbare Zeit ihnen und mir vertändelten. Kaum werde ich den Weg nochmals machen. Ihr versprochener Brief bleibt immer noch aus, trifft mich vielleicht gar nicht mehr hier, da ich am 9. Juli verreisen, am 16. wieder zu Hause sein werde. Kommen Sie am 18. Juli nach BischofzellWIKIDATA Icon, so werden Sie herzlich willkommen sein Ihrem Pupikofer.

Normalisierter Text

BadenWIKIDATA Icon, 2. Juli 1830 bis 5. Juli. Mein hochverehrter Herr und Gönner! Schon seit acht Tagen wohne ich in den schweizerischen Thermophylen, und in der steten Zerstreuung habe ich bald alles, das Denken und Schreiben verlernt; nur von Zeit zu Zeit taucht aus der Flut die Erinnerung an so viele liebe und gute Menschen auf, die auch außerhalb BadenWIKIDATA Icon wohnen, und dann senden meine Frau und ich recht herzliche Stoßseufzer in die Ferne, um damit die Götter zu versöhnen, dass sie den Leichtsinn, in dem wir leben, nicht strafen. Dass ich auch häufig an Sie denke, mögen Sie umso mehr glauben, da auch das Gewissen an die bisher versäumte Pflicht, Ihnen zu schreiben, alle Tage einige Male mahnt und mich für meine Trägheit straft. Noch nie ist mir aber ein süßes Geschäft so schwer geworden; die Tinte schleicht, die Feder schleift, und die Hand selbst ist so unsicher, als wenn ich erst gestern vom Schreibmeister der Lehrjahre entlassen worden wäre. Wahrscheinlich hat das Dampfbad, das ich gegen meine Kopfrheumatismen anwende, seinen Einfluss geltend gemacht und die Nerventätigkeit heruntergestimmt. Auch ohne dies ist ja der Wassergeist dem Feuergeist so entgegen, dass man sich nicht wundern muss, wenn das in Altum Tendo ein wenig die Flügelkraft verliert. Wie wohltätige Witterung Johannes BaptistaGND Icon uns gebracht hat! Sehen Sie, wie auch ich den Heiligen vertrauen gelernt habe. Kaum waren wir in BischofszellWIKIDATA Icon abgereist, als der Himmel sich öffnete, und seither haben wir alle Ursache, zufrieden mit ihm zu sein. Einige Male waren wir bald versucht, über allzu große Hitze zu klagen, und es bedurfte der Erinnerung an die Massen von Heu, welche im ThurgauWIKIDATA Icon noch auf Wärme warten, um die Ungeduld noch zurückzuhalten. Herr Oberamtmann (der mir Grüße an Sie aufträgt) und ich wohnen nebeneinander, und eine Tür verbindet unsere Zimmer, so dass die Frauen ohne Ende miteinander plaudern. Bekanntschaften habe ich noch keine gemacht, die für Sie Interesse hätten und mir bleibenden Gewinn versprechen könnten. Einzig im Kloster WettingenWIKIDATA Icon war ich und verglich dort, aus Mangel an Zeit nur oberflächlich, einen Necrolog mit den Auszügen im HerrgottGND Icon; den ältesten Necrolog konnte ich nicht sehen, weil der Pater GroßkellnerGND Icon abwesend war. In einigen Tagen werde ich aber nochmals hingehen. Ich habe die Hoffnung, noch einige Ausbeute, vorzüglich in der Beziehung zu machen, dass ich die Zinse, welche für die Anniversarien geschenkt wurden, anmerke, was bei HerrgottGND Icon vernachlässigt wurde. Von Walter von KlingenGND Icon zum Beispiel wird gesagt, dass er 40 vergabt habe. Bei Buchdrucker DieboldGND Icon habe ich Ihre Rechnung mit 14.36 Franken berichtigt, so dass Sie noch 17 Batzen bei mir gut haben. Sein Autograph werde ich Ihnen persönlich überreichen das Vergnügen haben. Im noblen TuricumWIKIDATA Icon habe ich niemanden als einen Buchhändler besucht und gar nichts Neues erbeutet. FollenGND Icon, OrellGND Icon, usw. will ich auf der Rückreise sehen, wenn's möglich ist auch den grämlichen Kämmerer von BubikonWIKIDATA Icon, Herrn LindeinerGND Icon, wenn er noch lebt. In NiederweningenWIKIDATA Icon soll auch ein großer Manuskripten-Schatz von einem kürzlich dort verstorbenen Amtmann WeidmannGND Icon liegen, der in seinen Amtsverhältnissen mit allem möglichen Fleiß Urkunden des Bistums KonstanzWIKIDATA Icon in allen Klöstern sammelte, aber so unordentlich dabei vorging, dass Zeitungsartikel, Familienrechnungen, Urkunden usw. überall durcheinander gemischt seien und bevor einem Fremden die Benutzung gestattet werden könne, von den Familienmitgliedern untersucht und gesondert werden müssen. Man hat mir die Hoffnung, die reiche Quelle zu nutzen, dadurch vor der Nase abgeschnitten, doch so dass ich hoffen darf, in einigen Jahren dennoch dazu zu gelangen. Von Herrn Antistes FalkeisenGND Icon habe ich über den Stifter von KlingenthalWIKIDATA Icon eine nicht ganz befriedigende Auskunft, doch das Versprechen erhalten, mir noch mehr, als ich verlangte, in einigen Wochen zuzusenden. Ich bat ihn um eine Kopie der Klingenschen Grabmäler und um Mitteilung dessen, was ihm etwa sonst zur Aufklärung derselben kund sein möchte. Er bemerkte, dass er von Appellationsrat Peter VischerGND Icon bereits dafür angesucht worden sei, und demselben seine Notizen zur Hand gestellt habe, dass er aber von den Monumenten des Klosters KlingenthalWIKIDATA Icon exakte, durch Em. BüchelGND Icon verfertigte Abzeichnungen besitze (die ich bei ihm gesehen habe) und mir von den merkwürdigsten derselben durch Herrn Diakon ÜbelinGND Icon Kopien verfertigen lasse. Unter diesen Monumenten werden ohne Zweifel auch die Zeichnungen von den in Frage stehenden Grabmälern sein, wofür ich eigentlich bat; das Übrige mag als willkommene Zugabe dienen. Wenn nur Herr ÜbelinGND Icon nicht zu lange warten lässt! Auch den Kirchenhistoriker HeßGND Icon von ZürichWIKIDATA Icon, einen halb närrischen Gelehrten, der hier wohnt, habe ich besucht. Ich sah bei ihm einen Katalog des Antistitial-Archivs von ZürichWIKIDATA Icon und fand darin unter anderem auch einen Pergament-Codex des Schwabenspiegels, dem ich in ZürichWIKIDATA Icon nachgehen werde. Noch manches andere, aus der Hinterlassenschaft StumpfsGND Icon, BullingersGND Icon, usw. schlummert bei dem Vorsteher der ehrwürdigen Zürcher Geistlichkeit, unter dem theologischen Bann des protestantischen Geistes, der das aevum medium so feindselig behandelt hat. Wenn nur der Wächter des Schatzes seinen alten Hass gegen mich, der ich ihm nicht orthodox genug war, nicht geltend macht! Herr Oberst von ImhofGND Icon hat uns hier besucht. Ich war gestern in AarauWIKIDATA Icon und sah weder ZschockeGND Icon noch TannerGND Icon, weil gute Freunde die kostbare Zeit ihnen und mir verdaddelt haben. Kaum werde ich den Weg nochmals machen. Ihr versprochener Brief bleibt immer noch aus, trifft mich vielleicht gar nicht mehr hier, da ich am 9. Juli verreise, am 16. wieder zu Hause sein werde. Kommen Sie am 18. Juli nach BischofszellWIKIDATA Icon, so werden Sie herzlich willkommen sein. Ihrem Pupikofer.