Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein verehrtester Herr und Nachbar!
Gestern wollte ich Sie in ihrer Einsiedelei besuchen; allein der Einsiedler war ausgeflogen
und seine Sakristei verschlossen, so daß ich vom Reliquienschatze auch keinen Daumen
zu sehen bekam. Es thut mir sehr leid, daß Ihr Herr Sohn mit seinen Urkunden schon
verreist ist; ich hoffe derselbe werde wenigstens auch so lange bleiben, bis der Zürcher
Codex des Schwabenspiegels verglichen sei, und diese Arbeit werde mir schon noch Zeit geben, die Tage so recht
nach meiner Bequemlichkeit zum Spaziergange nach Eppishausen auszulesen: allein, während ich auf dieses Vergnügen so sicher rechnete, war es bereits
unmöglich geworden. Denken Sie sich meinen Schmerz, als ich so getäuscht, in der Mittagsstunde,
meinen Rückzug antrat, und, wie Xenophon
, in die Kreuz und Quere durch Wald und Wiesen und Felder irrend, umsonst den nächsten
und schattigsten Pfad einmal zu finden suchte und überall mit Kreuzwegen, verlornen
Bahnen, Gesträuch und Sumpf kämpfte. Mein alter Trostgedanke, da bin ich ja noch nie
gewesen, da ist ja wieder ein mir unbekannter angulus terrae, erhielt meinen Muth
aufrecht, und recht heiter langte ich wieder zu Hause an. Sie haben letzten Sonntag
ein Wörtchen fallen lassen, als wäre die Möglichkeit vorhanden, daß Sie schon künftige
Woche verreisen würden. In diesem Falle könnte ich Sie kaum mehr sehen, da die drei
ersten Wochentage mich nach St. Gallen
forden, und sich an diese gelehrte Ausschweifung noch leicht ein anderer Ausflug
nach Gais
, Blumenegg
, oder gar über den See anhangen könnte. Damit ich nicht länger Ihr Schuldner bleibe
oder während Ihrer Entfernung gar das debitum vergesse, sende ich Ihnen hier die 17.
Batzen, welche mir laut bereits abgelegter Rechnung bei Diebold
in Baden
übrig geblieben sind. Auch bitte ich, daß Sie bei Ihrer Abreise mir die Monumenta
zustellen lassen möchte. Herr Reg. Rath Freienmuth
verlangt sie einzusehen, um sie vielleicht in die Kantons-Bibliothek anzukaufen.
Wollten Sie zu meinem Gebrauch auch Ihre Handschrift von Konrads v. Ammenhausen
Schachzabel
mir anvertrauen und Schwabs
Bodensee
dazu (sintemal ich im künftigen Neujahrsblatt Gottlieben
beschreiben soll), so würden Sie auf mein freundschaftlich gesinntes Haupt Kohlen
der Dankbarkeit häufen, deren Gluth auch nach mehrmonatlicher Abwesenheit noch forzglimmen
müsste, ja, wie das ewige Feuer der Vesta für Ihr und mein Hauswesen Glück befördern und jeden Unfall möglichst entfernen würde!
Vor einigen Tagen theilte mir Herr Dekan D.
das Verzeichniß des von Prof. Wyß
hinterlassenen Bücherschatzes mit. Da ich nicht zweifle, daß Sie schon damit bekannt
seien, send ich Ihnen dasselbe nicht; doch kann ich mich nicht genug über die reiche
und kostbare Sammlung verwundern. Ich denke, Herrn Jenni
einige Aufträge zu geben. Bei dieser Gelegenheit dachte ich mir oft das Glück eines
Mannes, wie Wyß
war, der mitten in den Vorräthen der Gelehrsamkeit als Professor und Bibliothekar
und Dichter obendrein ein herrliches Leben genießen mußte, und ich konnte den Wunsch
nicht unterdrücken, in ein Verhältniß zu kommen, wo ich ebenfalls ganz der Wissenschaft
leben könnte, ohne durch praktische Theologie immmer wieder unterbrochen zu werden.
Bei uns ist es indessen nicht zu erwarten, daß die Historie oder Philosophie einem
Mann jemals andere Nahrung gebe, als für den Geist, und auch dieser ist noch der Hungersnoth
ausgesetzt, wenn der Zauberer in der Burg
Eppos
mit seinen Schlüsseln davon zieht. Wenn etwa der Herr Grav von Müllinen
fragt, was ich treibe und er damit auf mein Stillschweigen deutet, das sein verbindliches
Schreiben vom 12. Jenner immer noch unbeantwortet läßt, so vertreten Sie mich doch
gütigst mit Ihrer Fürsprache und sagen Sie ihm, daß ich mich in großer Verlegenheit
wegen der Stammbäume befinde, die aufzustellen er mir anempfohlen hat. Ich habe es
wohl schon versucht, etwas von der Art zu machen; allein kein einziges thurgauisches
Geschlecht gibt genug Data, um auch nur drei zusammenhängende Geschlechtsalter zusammenzufinden.
Wir haben überhaupt zu diesem Zwecke noch zu wenige Vorarbeiten, und wenn ich ungegründete
Conjekturen aufstellte, Sie, Sie würden mir schön auf die Finger klopfen, daß ich
mit Horaz über den strengen Orbilius aufschreien müßte. Ich will sehen, ob ich den
Herbst über noch etwas in St. Gallen
und Fischingen
zusammen treibe; denn ich habe wieder wahre Sehnsucht, in Urkunden zu wühlen. Aber
tò Deum amare omnibus praecedit, wie ja auch der Steckborensche Recensent bemerkt
hat. Wahrscheinlich kommt heute oder morgen Freund Mörikofer
zu Ihnen und wird morgen Abend zu mir herüber wandern, um mit mir oder ohne mich
das jenseitige Bodensee
ufer zu sehen; denn so war es verabredet, als ich in meiner Badzerstreuung St. Gallen
s vergessen hatte. Könnte das nicht für Sie ein Beweggrund werden, am Ausflug nach
St. Gallen
u. s. w. Theil zu nehmen und das Nest in Wasserburg
auszunehmen, bevor die Vögel daselbst ganz ausgeflogen sind? Ich stehe Ihnen nicht
dafür, daß ich nicht, selbst auf die Gefahr hin, als ein Schismatiker abgewiesen zu
werden, einen Versuch auf die alte Kiste mache, um wenigstens den Minoriten Berthold
heim zu tragen, und wie würden Sie sich grämen, daß Ihnen einmal etwas durch einen
Ihrer Jünger weggeschleppt worden sei. Meine Frau, welche wieder auf guter Besserung
ist, läßt Ihnen ihre Ehrfurcht bezeugen. Soll ich Sie vor Ihrer Abreise nicht noch
einmal von Angesicht zu Angesicht sehen, so wünsche ich Ihnen eine glückliche Fahrt
und daß Sie, wenn Sie in das Land der Kranichschnäbler schiffen, den Karfunkel nicht
vergessen heimzubringen.
Ihr Ergebenster Pupikofer.
Bischofzell
, 24. Jul. 1830.
Normalisierter Text
Mein verehrtester Herr und Nachbar!
Gestern wollte ich Sie in ihrer Einsiedelei besuchen; allein der Einsiedler war ausgeflogen
und seine Sakristei verschlossen, so dass ich vom Reliquienschatz auch keinen Daumen
zu sehen bekam. Es tut mir sehr leid, dass Ihr Herr Sohn mit seinen Urkunden schon
verreist ist; ich hoffe, derselbe werde wenigstens auch so lange bleiben, bis der
Zürcher Codex des Schwabenspiegels verglichen ist, und diese Arbeit werde mir schon noch Zeit geben, die Tage so recht
nach meiner Bequemlichkeit zum Spaziergang nach Eppishausen auszusuchen: allein, während ich auf dieses Vergnügen so sicher gerechnet habe, ist
es bereits unmöglich geworden. Denken Sie sich meinen Schmerz, als ich so getäuscht,
in der Mittagsstunde meinen Rückzug angetreten habe und, wie Xenophon
, in die Kreuz und Quere durch Wald und Wiesen und Felder irrend, umsonst den nächsten
und schattigsten Pfad einmal zu finden habe gesucht und überall mit Kreuzwegen, verlorenen
Bahnen, Gesträuch und Sumpf gekämpft habe. Mein alter Trostgedanke, da bin ich ja
noch nie gewesen, da ist ja wieder ein mir unbekannter Winkel der Erde, hat meinen
Mut aufrecht erhalten, und recht heiter habe ich wieder zu Hause angekommen. Sie haben
letzten Sonntag ein Wörtchen fallen lassen, als wäre die Möglichkeit vorhanden, dass
Sie schon kommende Woche verreisen würden. In diesem Fall könnte ich Sie kaum mehr
sehen, da die drei ersten Wochentage mich nach St. Gallen
fordern und sich an diese gelehrte Ausschweifung noch leicht ein anderer Ausflug
nach Gais
, Blumenegg
oder gar über den See anhängen könnte. Damit ich nicht länger Ihr Schuldner bleibe
oder während Ihrer Abwesenheit gar das Debitum vergesse, sende ich Ihnen hier die
17 Batzen, welche mir laut bereits abgelegter Rechnung bei Diebold
in Baden
übrig geblieben sind. Auch bitte ich, dass Sie bei Ihrer Abreise mir die Monumenta
zustellen lassen. Herr Reg. Rath Freienmuth
verlangt sie einzusehen, um sie vielleicht in die Kantons-Bibliothek anzukaufen.
Würden Sie zu meinem Gebrauch auch Ihre Handschrift von Konrads v. Ammenhausen Schachzabel
mir anvertrauen und Schwabs
Bodensee
dazu (sintemal ich im kommenden Neujahrsblatt Gottlieben
beschreiben soll), so würden Sie auf mein freundschaftlich gesinntes Haupt Kohlen
der Dankbarkeit häufen, deren Glut auch nach mehrmonatlicher Abwesenheit noch fortglimmen
müsste, ja, wie das ewige Feuer der Vesta für Ihr und mein Haushaltsglück befördern und jeden Unfall möglichst entfernen würde!
Vor einigen Tagen hat mir Herr Dekan D.
das Verzeichnis des von Prof. Wyß
hinterlassenen Bücherschatzes mitgeteilt. Da ich nicht zweifle, dass Sie schon damit
bekannt sind, sende ich Ihnen dasselbe nicht; doch kann ich mich nicht genug über
die reiche und kostbare Sammlung wundern. Ich denke, Herrn Jenni
einige Aufträge zu geben. Bei dieser Gelegenheit habe ich oft das Glück eines Mannes,
wie Wyß
war, der mitten in den Vorräten der Gelehrsamkeit als Professor und Bibliothekar
und Dichter obendrein ein herrliches Leben genießen musste, vor Augen gehabt, und
ich konnte den Wunsch nicht unterdrücken, in eine Situation zu kommen, wo ich ebenfalls
ganz der Wissenschaft leben könnte, ohne durch praktische Theologie immer wieder unterbrochen
zu werden. Bei uns ist es jedoch nicht zu erwarten, dass die Geschichte oder Philosophie
einem Mann jemals andere Nahrung gibt, als für den Geist, und auch dieser ist noch
der Hungersnot ausgesetzt, wenn der Zauberer in der Burg
Eppos
mit seinen Schlüsseln davonzieht. Wenn etwa der Herr Graf von Müllinen
fragt, was ich treibe und er damit auf mein Stillschweigen deutet, das sein verbindliches
Schreiben vom 12. Jenner immer noch unbeantwortet lässt, so vertreten Sie mich doch
bitte gütigst mit Ihrer Fürsprache und sagen Sie ihm, dass ich mich in großer Verlegenheit
wegen der Stammbäume befinde, die aufzustellen er mir empfohlen hat. Ich habe es wohl
schon versucht, etwas von der Art zu machen; jedoch gibt kein einziges thurgauisches
Geschlecht genug Daten, um auch nur drei zusammenhängende Geschlechtsalter aufzufinden.
Wir haben allgemein zu diesem Zweck noch zu wenige Vorarbeiten, und wenn ich ungegründete
Vermutungen anstelle, würden Sie, ja, Sie würden mir schön auf die Finger klopfen,
dass ich mit Horaz über den strengen Orbilius aufschreien müsste. Ich will sehen,
ob ich den Herbst über noch etwas in St. Gallen
und Fischingen
zusammen betreibe; denn ich habe wieder wahre Sehnsucht, in Urkunden zu wühlen. Aber
das Präludium zur Liebe für alles ist die Liebe zu Gott, wie ja auch der Redakteur
aus Steckborn
bemerkt hat. Wahrscheinlich kommt heute oder morgen Freund Mörikofer
zu Ihnen und wird morgen Abend zu mir herüber wandern, um mit mir oder ohne mich
das jenseitige Bodensee
ufer zu sehen; denn so war es verabredet, als ich in meiner Badzerstreuung St. Gallen
s vergessen hatte. Könnte das nicht für Sie ein Beweggrund werden, am Ausflug nach
St. Gallen
usw. teilzunehmen und das Nest in Wasserburg
auszunehmen, bevor die Vögel dort ganz ausgeflogen sind? Ich stehe nicht dafür, dass
ich nicht, selbst auf die Gefahr hin, als ein Schismatiker abgewiesen zu werden, einen
Versuch auf die alte Kiste mache, um zumindest den Minoriten Berthold
heim zu tragen, und wie würden Sie sich grämen, dass Ihnen einmal etwas durch einen
Ihrer Schüler weggeschleppt worden ist. Meine Frau, welche wieder auf gutem Weg der
Besserung ist, lässt Ihnen ihre Ehrfurcht bezeugen. Soll ich Sie vor Ihrer Abreise
nicht noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen, so wünsche ich Ihnen eine glückliche
Fahrt und dass Sie, wenn Sie in das Land der Kranichschnäbler schiffen, den Karfunkel
nicht vergessen heimzubringen.
Ihr Ergebenster Pupikofer.
Bischofzell
, 24. Juli 1830.