Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Eppishausen am 31. Juli 1830.
Herr Wegelin
, der, obschon ein stadtkind, von der sonst auch hierzulande nicht unbekannten Urbanitaet
keine notiz zu haben scheint, stattete mir seinen besuch und Iren brief, mein bester
freund und nachbar! erst gestern nachts um halb 9 ur, als ich eben die treppe herab
stieg um mich zu meinem frugalen nachtmale zu sezen. die von Inen
verlangten bücher sollen Sie alle samt und sonders erhalten. Was die grabstein zeichnungen
aus Basel
betrift; so kommen dieselben, wenn Sie auch kommen, just zu spáte und ich bitte Sie
mir, bis zu meiner zurúkkunft aufzuheben, da sie nun zu meinem Dichterbuche eine immer
brauchbare zugabe sein werden. Daß ich Iren, freilich auch spát geschriebenen, aber
doch noch viel spáter erhaltenen brief aus Baden
, nicht beantwortete, verdiente um so weniger eine anspielung, als sein Inhalt mich
apodiktisch überzeugte, daß meine antwort Sie nicht mehr in Baden
erreichen wurde. auch die Ritterzeit liegt mir nicht mer am herzen, als jede andere,
aus welcher ich etwas lernen kann; zum beweise dessen, sage ich Inen
mein Teuerster! daß ich eben mit vielem vergnügen, die eben herausgekommenen: Memoires d'une femme de qualité lese, welche die regierungsepoche Ludwig XVIII
begreiffen und hóchst interessant sind. allerdings hoffe ich in Bern
einiges inne zu werden was mir noch unbekannt, und wozu mir der III band des so eben
erhaltenen catalog: mssptor. Bern
ens. hofnung macht, besonders ein französischer Schwaben
spiegel des XIV Jarh: ein der zeit nach dem Waltharius des Ekehard
nahe verwandtes epos: Herricho [:heinrich:] comes forojuliensis, etc. aber alles was ich in noten geschrieben oder in meinem alten kopfe zurük nach
hause trage kann für Sie mein verertester Pupicofre! niemals ein geheimniß sein. Ich
habe vorgestern, bei meiner zurükkunft von St. Gallen
, briefe gefunden welche meine abreise verzögern und es mir zur pflicht machen noch
einige tage bei meinen penaten zu verweilen. Daß H. Mórikofer
auf seiner Waldburg
erreise mich nicht besucht hat, kann ich eben nicht loben; allein des menschen Wille
ist sein himmelreich! Waldburg
als aussichtspunkt kann weder die auf eine reise dahin verwendete zeit, noch die
kosten belonen; die aussicht ist nur nach der seite des rheintales schón - nach dem
östlich gelegenen Schwaben
hin verschwimmt sie in unabsehbare fláchen, und vom Bodensee
siehet man nur den kleinsten teil: die aussicht auf dem Pfander bei Bregenz
ist 10 mal schöner, größer, und um eine kleine tagreise von Frauenfeld
aus, näher. aber, es ist nun einmal mode geworden in Schwaben
reisen auf die waldburg
zu machen: exspectata seges vanis delusit avenis! Nun weiss ich nicht, ob H. Wegelin
diesen morgen kommt die búcher und diesen brief abzuholen; sollte es diesen morgen
nicht sein, so sende ich Inen
die Irigen am nachmittage. ich neme keinen abschied; denn ich schmeichle mir noch
mit der hofnung Sie etwa am montage noch in der waldklause
zu sehen. Die ungeheure hize und der staub der strassen, haben mich in den lezten
tagen beinahe blind gemacht, was Sie meinen schriftzúgen wol ansehen werden. Gott
befolen!
von Irem Laßbergius
.
Normalisierter Text
Eppishausen am 31. Juli 1830.
H
err Wegelin
, der, obschon ein Stadtkind, von der sonst auch hierzulande nicht unbekannten Urbanität
keine Notiz zu haben scheint, stattete mir seinen Besuch und Ihren Brief, mein bester
Freund und Nachbar! erst gestern nachts um halb 9 Uhr, als ich eben die Treppe herabstieg,
um mich zu meinem frugalen Nachtmahl zu setzen. Die von Ihnen verlangten Bücher sollen
Sie alle samt und sonders erhalten. Was die Grabsteinzeichnungen aus Basel
betrifft; so kommen dieselben, wenn Sie auch kommen, just zu spät und ich bitte Sie
mir, bis zu meiner Rückkehr aufzuheben, da sie nun zu meinem Dichterbuche eine immer
brauchbare Zugabe sein werden. Dass ich Ihren, freilich auch spät geschriebenen, aber
doch noch viel später erhaltenen Brief aus Baden
, nicht beantwortete, verdiente um so weniger eine Anspielung, als sein Inhalt mich
apodiktisch überzeugte, dass meine Antwort Sie nicht mehr in Baden
erreichen würde. Auch die Ritterzeit liegt mir nicht mehr am H
erzen, als jede andere, aus welcher ich etwas lernen kann; zum Beweise dessen, sage
ich Ihnen mein Teuerster! dass ich eben mit vielem Vergnügen, die eben herausgekommenen:
Memoires d'une femme de qualité lese, welche die Regierungsepoche Ludwig XVIII
begreifen und höchst interessant sind. Allerdings hoffe ich in Bern
einiges inne zu werden, was mir noch unbekannt, und wozu mir der III. Band des so
eben erhaltenen Catalog: MSSptor. Bern
ens. H
offnung macht, besonders ein französischer Schwaben
spiegel des XIV. Jahrh.: ein der Zeit nach dem Waltharius des Ekehard
nahe verwandtes Epos: H
erricho (H
einrich) comes forojuliensis, etc. Aber alles, was ich in Noten geschrieben oder in
meinem alten Kopf zurück nach H
ause trage, kann für Sie, mein verehrtester Publikofreund! niemals ein Geheimnis sein.
Ich habe vorgestern, bei meiner Rückkehr von St. Gallen
, Briefe gefunden, welche meine Abreise verzögern und es mir zur Pflicht machen, noch
einige Tage bei meinen Penaten zu verweilen. Dass H
. Mórikofer auf seiner Waldburg
erreise mich nicht besucht hat, kann ich eben nicht loben; allein des Menschen Wille
ist sein H
immelreich! Waldburg
als Aussichtspunkt kann weder die auf eine Reise dahin verwendete Zeit, noch die
Kosten belohnen; die Aussicht ist nur nach der Seite des Rheintales
schön - nach dem östlich gelegenen Schwaben
hin verschwimmt sie in unabsehbare Flächen, und vom Bodensee
sieht man nur den kleinsten Teil: die Aussicht auf dem Pfänder bei Bregenz
ist 10 mal schöner, größer und um eine kleine Tagreise von Frauenfeld
aus näher. Aber, es ist nun einmal Mode geworden, in Schwaben
Reisen auf die Waldburg
zu machen: exspectata seges vanis delusit avenis! Nun weiß ich nicht, ob H
. Wegelin
diesen Morgen kommt, die Bücher und diesen Brief abzuholen; sollte es diesen Morgen
nicht sein, so sende ich Ihnen die Ihren am Nachmittag. Ich nehme keinen Abschied;
denn ich schmeichle mir noch mit der H
offnung, Sie etwa am Montag noch in der Waldklause
zu sehen. Die ungeheure H
itze und der Staub der Straßen haben mich in den letzten Tagen beinahe blind gemacht,
was Sie meinen Schriftzügen wohl ansehen werden. Gott beföhlen!
von Ihrem Laßberg
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