Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)

Eppishausen am 6. August 1830. Mein teurer Uhlandus! Diese Auszüge und Abschriften, welche ich eben von dem Archivar Stülz, einem Schwaben aus dem Kloster S. Florian, bei Linz in Desterreich erhalte, und noch nicht Zeit finde zu lesen; sende ich Inen zu, mit der Bitte, nach gemachtem Gebrauche sie mir wieder zukommen zu lassen. Ich habe den Weißenauer Codex von 450 Seiten vollendet, auch die Hohenstaufischen und andere Bilder sind als Facsimiles recht gut copirt, aber nun muß ich ad refocillandum animum und um meine müden Augen auf den smaragdgrünen Matten des Schweizerlandes zu weiden einen Gang in die Berge machen. In 3 Wochen will ich wieder zu Hause sein, und es würde mich recht ser erfreuen, auch wieder einmal gute Nachrichten von Inen, mein vererter Freund! und Irer lieben Frau Emma zu erhalten. Wie gerne hätte ich mit Schwab über Pfingsten bei Inen hospitirt: aber mein Codex weissenaugiensis hielt mich vest, ich durfte den Termin der mir anberaumt war, nicht verstreichen lassen. Den III. Band der Müllerschen Sammlung so weit er gedrukt ist, etwa 25200 Verse vom trojanischen Krieg des Conrad von Würzburg, und Kochs Compendium 2 Bde. habe ich auch erhalten, lezteres Buch ist mir lieber als Hagens Grundriß. Auch den III. Band von dem Berner Handschriften Catalog, in dem die französischen Codices vorkommen, und worin ich sogar einen französischen Schwabenspiegel des XIV. Jarhunderts angetroffen habe. Mein Son Friederich hat 3 Wochen bei mir an meiner Handschrift des Schwabenspiegels gearbeitet, und hat im Sinne diesen herauszugeben. Grimm ist wie tod; er giebt seit beinahe einem halben Jare gar kein Lebenszeichen mer von sich. Vermutlich hält in der Druk des III. Teils seiner Grammatik vest. Orelli hat mir eine altfranzösche Grammatik, die sein Bruder Conrad herausgab, zugeschikt, ich habe nur erst ein par Mal hineingeschaut, und wäre ser begierig Fre Meinung darüber zu vernemen. Der Ferabras macht mir viel Vergnügen; aber der Text scheint mir jünger zu sein, als Lachmann meint. Fre Zugaben dazu sind höchst interessant. Mit meinem Episcopatus will es gar nicht voran gehen, der Buchdruker hat noch immer keine Schrift. Der arme alte Arx ringt noch immer mit dem Tode und kann nicht sterben. Ich habe in vor 8 Tagen besucht; aber es ist ein herzzerreißender Anblik zu sehen, wie Verstand und Gedächtniß jm schon vorausgegangen sind und nichts mer als die bloßen exuviae durch ein Par große und stiere Augen einen angrinsen. Seine liebenswürdige Gutmütigkeit, seine warme Liebe zum Schönen und Guten, hätten einen schnellen und sanften Tod verdient; möchte doch die Hand die das All regiert, in endlich auflösen! Sein eigentümliches Exemplar des cod. trad. S. Gallens: dem er viele 100 Noten und Emandationen beigeschrieben, die Frucht vieljäriger sorgfältiger Vergleichungen mit den Original Urkunden des Archivs, dem er 30 Fare vorstand, übergab er mir schon vor 4 Monaten als eine donatio mortis caussa; er war damal auf vollem Wege der Besserung und ich selbst war nicht ohne Hofnung für seine Wiedergenesung: aber wiederholte Schlagflüsse haben Alles vereitelt. R. J. P.! In dem Berner Handschriften Catalog II. Codex. Num. 455. Sec. IX. kommt pag. 146 ein Gedicht: Versus de Herico vor. Hericus, Herrich, Heirich, ist eigentlich Heinrich. Dieser war unter Karl dem Großen Herzog von Friaul, von Geburt aber ein Elsasser, Schöpflin nennt in: argentinensem. Seine Kriege mit den Hunnen, in deren einem er auch blieb, sind der Gegenstand des Gedichtes, welches, one die 12 Pairs und die Paladine, noch in den Cyclus Karl des Großen zu gehören scheint. Ich neme mir vor, wenn ich nach Bern komme diesen Codex ernstlich zu recognosciren. Am 11. dieses werden die Bücher des verstorbenen Prof. Wyß in Bern versteigert, worunter manches für die ältere teutsche Literatur sich befindet. Komme ich bis dahin dazu; so hoffe ich auch einiges wegzutragen. Kürzlich habe ich den Thesaurus des Pez, 5 Bände in Folio aus Wien erhalten, eine schäzbare Quelle, welche ich mir in unserem Lande nicht verschaffen konnte. So wird mein Handwerkszeug immer besser, wärend der Arbeiter immer weniger wird. Mich däucht, das sei von jeher so gewesen, und über die Ordnung der Natur klagen, hieße vollends ein specimen dementiae geben. Leben Sie wol, geliebter Freund! ich grüße Sie alle Beide von ganzem Herzen. Laßberg.