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Eppishausen an Mariä Lichtmesse 1831. Teuerster Uhlandus! Da ich gestern Ir Paket samt dem Briefe vom 20. Januar erhielt, hatte ich eine große Freude; denn ich fieng schon um Ir Wolbefinden in Sorge zu stehen; nun ist alles gut, da Sie gesund und noch der alte Uhland sind. Hier schike ich Inen 323 neue und alte Lieder unter welchen Inen manches gefallen wird; die beigedrukten Namen halte ich für jene der Männer, welche die Weisen dazu gemacht, oder wenigstens sie aus dem Munde des Volkes aufgeschrieben haben. Auch sende ich Inen eine Schriftprobe von dem Maximilianischen Codex des Nibelungen Liedes, welche mir der unvergeßliche Primisser ein Iar vor seinem Tode besorgt hat, und von der ich bei Frem lezten Hiersein keine Abdrüke bei Handen hatte. Diese Recension scheint etwas mit der meinigen zu stimmen. Mir ist eingefallen, daß ich in München wol Manches für Ire Sammlung von teutschen Volksliedern finden möchte; ich schrieb also dahin und ein junger Herr Braun aus Gotha, ein Schüler Benecke's, antwortete mir folgendes: „ Was Herrn Uhland betrifft; so ist dieses alt Meistergesangbuch nicht für jn. Sämtliche Lieder in demselben sind von einem braven Meistersänger Peham, liegt es Inen daran etwas näheres von demselben zu wissen, so sende ich Inen das Register desselben. Aber ich tue gern was der alte Meister Sepp befielt und am liebsten sehe ich im etwas an den Augen ab, deswegen sende ich hiebei ein Verzeichniß dessen, was sich in den Docenianis auf der Münchner Centralbibliothek für einen Liederjäger findet. Schmeller hat erlaubt daß ich es copiere, ich sende es an Sie damit Sie auch wissen, was es in München zu jagen giebt. Um alles Weitere müssen Sie Schmeller bitten, so wie Uhland sich ebenfalls an diesen mit bestimmten Bitten zu wenden hat; ich aber bin Schmellers allzeit fertiger Schreiber und sende treue Copien auf seinen Befel an Sie und Iren lieben Uhland. Können Sie oder dieser etwas damit anfangen; so schriebe ich die übrigen nicht unbedeutenden Anfänge von historischen Liedern aus selbigem Verzeichnisse ab und sende sie ebenfalls. " Zugleich schrieb mir der gute Schmeller ebenfalls einen ser freundlichen Brief. Der Weg wäre also offen, und ich glaube, mit Ausname des Ulrich von Liechtenstein, der für Wilhelm Grimın durch Herrn Braun abgeschrieben wurde, könnte man von München wol alles bekommen. Ich habe die 6 Blättchen bezeichnet, wie sie auf einander folgen: wenn Sie daraus abgeschrieben haben, was Inen taugt; so bitte ich sie mir zurükzusenden; auch die Blätter von dem Archivar Stülz aus St. Florian möchte ich gerne haben, damit ich dem erlichen Landsmanne auch einmal eine ordentliche Antwort auf sein Geschenk senden kann. Graffs Ottfried ist erschienen, ich habe in noch nicht zu Gesicht gebracht, er hat an Schmeller geschrieben und wünscht Unterſtüzung von allen Seiten zur Herausgabe seines Wörterbuches. Wir sollten in Schwaben zusammen treten, um eine ergiebige Subscription zu bewerkstelligen, die Sache ist doch wirklich ser verdienstlich, und wenn Sie lieber Freund! sich derselben unterziehen wollten; so würde ich in meinem Kreise gern und mit allem Eifer mitwirken. Geben Sie mir eine Antwort hierüber; so will ich an Graff schreiben, daß er das Nähere an die Hand giebt. Ungemein hat mich erfreut, daß meine lezte Sendung Inen Anlaß gegeben hat, Iren Zuhörern ein Vergnügen durch die Anschaulichkeit der Handschriften des Nibelungen Liedes zu verschaffen. Ich kann mich ganz in die Zeit des Universitätslebens zurükdenken, ja meine Phantasie ist noch lebhaft genug, um es mir vergegenwärtigen zu können; wie selig würde ich mich gefült haben, wenn mir ein Professor hätte einen Codex des Theodosius, oder nur einen Schwabenspiegel zeigen können also kann ich auch verstehen, daß es Inen und Iren Schülern angenem war, Schriftproben von unserer teutschen Ilias zu zeigen und zu sehen. Der Hauptmann von Besserer, den Sie in Leutkirch begegneten, hatte mir schon ein par Mal geschrieben, daß er mich besuchen wolle, ist aber nichts draus geworden: er arbeitet, wie er sagt an einer teutschen Literaturgeschichte des Mittelalters. Die Nachrichten die er über die Bibliothek von Wolfegg giebt, sind mir nicht ser tröstlich; ich hatte einige Hofnungen, da etwas zu entdeken! wollen Sie die Wyssische Liedersammlung auf 3 Wochen haben; so kann ich Sie Inen senden; ich kann jezt vor der Fasten noch nicht daran gehen; weil ich verlegene Arbeit habe, die erst aufgeräumt werden muß. Sie werden nach Einsicht derselben im Stande sein Herrn von Cotta gelegenheitlich mündlich darüber Auskunft zu geben; denn ich habe im Sinne sie im anzubieten, jedoch blos in der Voraussezung, daß er Sie druken läßt; unser Schwab könnte die Herausgabe wol besorgen. Im Grunde ist es mir ser widerlich mit diesem Herren in Unterhandlung zu treten! Seit 8 Monden verweigert er dem Buchdruker Bannhart zu Constanz die Unterschrift des Contractes, wegen Druk des Episcopatus Constantiensis, den er doch in einem Schreiben an mich ausdrüklich genehmiget hatte. Die Sache bleibt steken und ich werde vor dem Publikum als ein Mann erscheinen, der viel anfangt und wenig ausrichtet. Herr von Cotta soll sich einen andern Narren schaffen. Den von Inen in Augsburg entdekten Druk vom Wilhelm von Orlenz finde ich nicht in Panzers Annalen der teutschen Literatur, er ist also eine der wichtigsten typographischen Seltenheiten: dieses schöne Gedicht sollte man einmal herausgeben zu Eren unseres Landsmannes des Rudolf von Ems. Benecke hat halb und halb in einem Briefe von Jacob Grimm an mich Lust dazu bezeigt; allein, er ist schon zu alt und zu reich, um sich einer solchen Anstrengung zu unterziehen. Die Ulmer Einladung, obschon ich keinen großen Erfolg erwarte, hat mich doch gefreut; ich bin mit Inen der Meinung, daß man mit solcher Sammlung jezt zu spät kommt; aber auch der Zufall hilft manchmal etwas entdeken, was man nicht mer verschollen, sondern längst be- und ver - graben wänte und es ist daher immer gut, daß sich noch Leute drum bekümmern. Im Kanton Luzern wird noch das Lied vom Thanhauser gesungen, und Stalder will mir die Melodie desselben verschaffen. Das ist freilich nur eins; aber da eins und dort eins, gibt zulezt mereres. Adde parum parvo, magnus acervus erit! Mone's Quellen und Forschungen, haben mich ser erfreut; es ist doch gut, daß wir in jener March jezt auch Jemanden haben, der sammelt, und herausgiebt. Auf die niederländschen Lieder baue ich in der Art keine große Erwartungen; weil ich nichts ser altes von daher kommen sehe; in der Zeit des allgemeinen Gesanges hat jnen der Rhein hie und da ein oberteutsches Lied herabgeschwemmt; aber eigenes Altes werden sie wol nicht viel aufzuweisen haben. Was Inen die Zeitungen von unsern politischen Begebenheiten berichtet haben mögen; so sind sie doch nur Folgen des allgemeinen äußeren Impulses, und auf keine Weise aus dem Volke selbst hervorgegangen, und das ist wol der Fall auch anderswo, d. i. die Sache kam am Ende wol aus der Quelle, nachdem man sie vorher in die Quelle gebracht hatte. Ein reform. Pfarrer Bornhauser, ein redlicher und tugendhafter Mann, mit einem etwas hyperpoëtischen Gemüte, hat den Handel angefangen; aber, weil er keine proper Handlung treiben konnte, mußte er sich um Associé's umsehen, und da fiel das Geschäft mitunter nicht in die besten Hände; indessen half die Regierung durch ire Elendigkeit treflich dazu die Sache in den Gang zu bringen und nun ist sie im Gange und in wenigen Wochen wird sie iren Lauf vollendet haben, das heißt wir werden eine neue Verfassung haben; aber sie wird eben so wenig für dieses wilde und verdorbene Volk passen, als man in der Mitte desselben tüchtige Männer finden wird, die im Stande wären sie in Vollzug zu sezen. Also, angenommen, eine moralisch rein gute Verfassung in den Händen untüchtiger Leute, was muß da für eine schwankende, mit sich und dem Geseze in ewigem Widerspruch befindliche Regierung herauskommen? So viel man weiß sollen 3 Tribunen ( triumviri? ) eine den venetianischen Saggi ähnliche inquisitorische Macht über den kleinen Rat ( die vollziehende Gewalt ) ausüben, das heißt, das öffentliche Bekenntniß ablegen, daß das Volk ewiges Mißtrauen in die von im gewälte Regierung sezet. Welcher Man von Ergefül wird in diesem Rate mer eine Stelle annemen? Allein, es ist nichts verspielt! Wenn die Wogen sich einmal gelegt haben, dann wird nach und nach Besinnung, Bewustsein und der Verstand zum Bessern wieder Plaz gewinnen. Gewalttätigkeiten sind ein paar Fälle ausgenommen, keine verübt worden und im allgemeinen lebt man ruhig. Da ich nicht Bürger bin, so habe ich mit der ganzen Geschichte, in welcher ein Esel den andern Langor geschimpft hat, nichts zu tun und danke Gott, daß ich das mir schon zweimal geschenkte Bürgerrecht nie angenommen habe. Wenn wir nur von außen ruhig bleiben, so laßt sich schon noch eine Weile mit den alten Handschriften handtieren: aber auf die bewaffnete Neutralität der Schweiz gebe ich nicht viel; eine Linie deren Länge die Breite mer als 10 Mal verschlingt, läßt sich in der Zeit worin wir leben, nicht militärisch behaupten und man macht jezt keine Feler mer, wie bei Morgarten, Sempach und am Stoß. Die moralische Cholera macht schnellere Fortschritte als die asiatische; ich wünsche nur, daß sie nicht ende, wie das Hornberger Schießen, d. i. faute de combattans. Unsere Leute dahier schreien alle nach Freiheit und Republik; das ließe ich mir gerne gefallen; aber wo sind die republikanischen Männer und die republikanischen Tugenden? Die Esel und Füchse in der Löwenhaut habe ich genug gesehen. Der Major Häberlin welchen Sie vor 2 Iaren bei mir sahen, ist der vorgebliche Mörder des Pfarrers Bornhauser: er ist wansinnig und singt den ganzen Tag Psalmen; die Krankheit liegt schon lang in im, und es ist nicht recht, daß man in so lange gefangen haltet. Frau Emma ist herzlich von mir gegrüßt und meinen Dank für Ire guten Wünsche. Möge es Inen beiden immer wol gehen. Ich habe diesen Winter außerordentlich viel, lang und stark gehustet; nun bin ich fertig. Auf den Sommer wills Gott! hoffe ich auch einmal auf der alma Eberhardina zu hospitiren und zwar bei einem gewissen Doctor Uhlandus, der mir ser ans Herz gewachsen ist. Auf Ostern ist mir ein Engelländer Cleasbj angesagt, der gelert und ein Freund der teutschen Geschichte und Poësie sein soll; ich mag zwar die Engelländer nicht; aber Schmeller mag diesen. Viele Grüße an Ire Alten, und auch dem wakern Tafel. Ir Laßberg.