Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
E. am 1. márz 1831.
Lieber Herr und Nachbar!
Da mein Son Fridericus Ahenobarbus laut einem heute von jm erhaltenen schreiben, sich in soweit besser fület, daß er
zu seiner zerstreuung wieder arbeiten kann; so verlangt er von mir die urkunden, die
ich aus seinen archivalischen sendungen abgeschrieben habe, um sie auch für sich zu
copiren; ich ersuche Sie daher mir diejenigen, welche Sie lezthin von hier mitgenommen
haben, umgehend zu übermachen, damit ich sie mit merern andern übermorgen durch den
Constanz
er boten nach Sigmaringen
verschiken kann. Sie wissen wol, den kranken muss man iren willen tun. Sollten bei
dieser gelegenheit einige morgenblåtter mit spazieren können; so wáre dieses futter
für Sonntag, welchen ich immer dem: dolce far niente, zu schenken pflege. Ludens gesch:
habe ich mit großem vergnügen gelesen und verdanke Inen gerne diesen nicht allzutáglichen
genuß. In den mcmoires du cardinal
de Richelieu
, Tome VIII. habe ich auch ein langes und breites über das von den Schweden bei belagerung von Constanz
betrettene Schweizer gebiet funden, wobei der bekannte Kesselring
ófters erwánt und bald colonel, bald sergent major genannt wird. der artikel gehet
von Seite 263 bis S. 269. Der márz stellt sich bei uns mit sturm- und schneegestóber
ein; ist er ein vorbote der heute abend ankommenden constituzion? gestern hatten wir
in unserm muldenförmigen tale eine totale überschwemmung, heute ist die schüssel wieder
leer und aller schnee weg, et veterem in limo ranae cecinere querelam! Idas ist wol
auch eher das schiksal mancher konstituzion gewesen. was haben wir nicht schon alles
erlebt, und was werden wir noch erleben? indessen tempora labuntur, tacitisque senescimus
annis! Ich komme mir mit meinen sentenzen vor, wie der erliche Sancho Pansa
mit seinen sprichwörtern.
Viele grüße an die Irigen von Irem ergebensten
J.Laßberg
.
(Das halbe Blat ist abgeschnitten.)
Normalisierter Text
E. am 1. März 1831.
Lieber Herr und Nachbar!
Da mein Sohn Fridericus Ahenobarbus laut einem heute von ihm erhaltenen Schreiben, sich in soweit besser fühlt, dass
er zu seiner Zerstreuung wieder arbeiten kann; so verlangt er von mir die Urkunden,
die ich aus seinen archivischen Sendungen abgeschrieben habe, um sie auch für sich
zu kopieren; ich ersuche Sie daher mir diejenigen, welche Sie neulich von hier mitgenommen
haben, umgehend zu übermachen, damit ich sie mit mehreren anderen übermorgen durch
den Konstanz
er Boten nach Sigmaringen
verschicken kann. Sie wissen wohl, den Kranken muss man ihren Willen tun. Sollten
bei dieser Gelegenheit einige Morgenblätter mitgenommen werden können; so wäre dies
Futter für Sonntag, welchen ich immer dem dolce far niente zu schenken pflege. Ludens
Geschichte habe ich mit großem Vergnügen gelesen und danke Ihnen gerne für diesen
nicht allzu alltäglichen Genuss. In den Memoires du cardinal de Richelieu
, Tome VIII. habe ich auch ausführlich über das von den Schweden beim Belagerung von Konstanz
betretene Schweizer Gebiet gefunden, wobei der bekannte Kesselring
oft erwähnt wird und mal als Colonel, mal als Sergent Major bezeichnet wird. Der
Artikel geht von Seite 263 bis S. 269. Der März stellt sich bei uns mit Sturm- und
Schneegestöber ein; ist er ein Vorbote der heute Abend ankommenden Konstitution? Gestern
hatten wir in unserem muldenförmigen Tale eine totale Überschwemmung, heute ist die
Schüssel wieder leer und aller Schnee weg, et veterem in limo ranae cecinere querelam!
Das ist wohl auch öfter das Schicksal mancher Konstitution gewesen. Was haben wir
nicht schon alles erlebt, und was werden wir noch erleben? Indessen tempora labuntur,
tacitisque senescimus annis! Ich komme mir mit meinen Sentenzen vor, wie der ehrliche
Sancho Pansa
mit seinen Sprichwörtern.
Viele Grüße an die Ihren von Ihrem ergebensten
J. Laßberg
.
(Das halbe Blatt ist abgeschnitten.)