Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein hochverehrter Herr und Nachbar!
Der guten Nachrichten, die Sie von dem Befinden Ihres Herrn Sohnes erhalten haben,
freue ich mich von ganzer Seele, und zwar um so mehr, da derselbe immer mehr Ihrem
eigenen Litteraturfache sich zugeneigt und somit Ihnen von einer neuen Seite Ihre
Tage zu erheitern verspricht. Möge desselben Genesung bald völlig erfolgen! Die Urkunden,
die Sie mir zur Copierung mitgegeben hatten, waren schon letzten Freitag abgeschrieben;
aber noch hatte ich die Siegel nicht gezeichnet, als Herr von Imhof mich abrief, und so blieben die Schriften länger bei mir, als ich selbst wollte.
Wenn nur nicht auf ähnliche Weise auch Schultheẞ Kollektaneen abgefordert werden!
Denn in der Abschrift des Schwaben
krieges bin ich erst über die Hälfte weggerückt, Es gibt immer so viel anderes dazwischen!
Beiliegende Urkunde habe ich aus meiner Sammlung für Sie abgeschrieben und von meiner
unvollkommenen Zeichnung des Siegels eine wahrscheinlich noch unvollkommenere Copie
genommen. Die Zierrathen um den Schild, die Sterne, Hellebarde und Dreiblätter mögen
sich aber doch wohl erkennen lassen. Ich will gerne Ihre Bemerkungeu über derselben
Bedeutung vernehmen. Bitzenhofen
wird wohl in Schwaben
liegen; oder ist's wohl Ihre Mühle zu Bießenhofen
, auf welchen Kreuzlingen
Ansprüche aufbewahrt, bis die neue Konstitution derselben Geltendmachung gestattet?
Laut Folgerungen aus viertägigen Privatnachrichten wird heute in Bern
die Censur abgeschafft und jeder Sauerteig des Patriciats ausgefegt worden sein.
Darum stürmts so von Westen her! Unsern Geschichtsforscher Stierli
n hat die sterbende Parthei
zum Dekan der Bern
erschen Geistlichkeit ernannt, weil er einen für die Patricier günstigen Einfluß auf
die Geistlichkeit verspricht. Wenn er Ursus
statt Stierli
hieße, wäre es ein schreckendes Omen. Für Ihre Notiz aus Richelien
meinen Dank. Mit Gelegenheit will ich davon Gebrauch machen. Herrn Dekan Däniker
habe ich auf die Morgenblätter aufmerksam machen lassen; allein er hat Posttag und
kann erst um 3 Uhr nachsehen. Vielleicht entspricht er vielleicht nicht. Nur 4 Triumphbogen
hat man Herrn Bornhauser
in Arbon
eingerichtet. Das neue Lied zu seiner Ehre soll von Konstanz
herstammen. Überall her bläst man auf den edlen Mann zusammen. Meine Frau empfiehlt
sich Ihnen, so unwillig sie auch Samstag Morgens über mich und Sie war.
Ich aber bin, wie immer Ihr Ergebenster Diak. Pupikofer.
Bischofzell
, 1. März 1831.
Normalisierter Text
Mein hochverehrter Herr und Nachbar!
Über die guten Nachrichten, die Sie über den Gesundheitszustand Ihres Herrn Sohnes
erhalten haben, freue ich mich von ganzem Herzen, und zwar umso mehr, da er sich immer
mehr für Ihr eigenes literarisches Fach zu interessieren scheint und Ihnen somit auf
neue Weise Freude bereiten wird. Ich hoffe, dass er bald vollständig genesen wird!
Die Urkunden, die Sie mir zum Kopieren gegeben hatten, waren bereits letzten Freitag
abgeschrieben. Aber ich hatte die Siegel noch nicht unterschrieben, als Herr von Imhof mich wegrufen ließ, und so blieben die Schriften länger bei mir, als ich selbst wollte.
Ich hoffe nur, dass nicht auf ähnliche Weise auch Schultheiß
Kollektaneen abgefordert werden! Denn bei der Abschrift des Schwaben
krieges bin ich erst bei der Hälfte angelangt. Es gibt immer so viel anderes dazwischen!
Die beigefügte Urkunde habe ich aus meiner Sammlung für Sie abgeschrieben und von
meiner unvollkommenen Zeichnung des Siegels eine wahrscheinlich noch unvollkommenere
Kopie gemacht. Die Verzierungen um den Schild, die Sterne, Hellebarde und Dreiblätter
sollten aber dennoch erkennbar sein. Ich bin gespannt auf Ihre Bemerkungen zu deren
Bedeutung. Bitzenhofen
befindet sich wohl in Schwaben
; oder handelt es sich vielleicht um Ihre Mühle in Bießenhofen
, bei der Kreuzlingen
Ansprüche aufbewahrt, bis die neue Verfassung deren Geltendmachung erlaubt? Laut
viertägiger Privatnachrichten wird heute in Bern
die Zensur abgeschafft und jeder Einfluss des Patriziats beseitigt sein. Daher der
Sturm aus dem Westen! Unser Geschichtsforscher Stierlin
wurde von der sterbenden Partei zum Dekan der Bern
er Geistlichkeit ernannt, da man von ihm einen für die Patrizier günstigen Einfluss
auf die Geistlichkeit erhofft. Wenn er statt Stierlin
Ursus
hieße, wäre es ein schreckliches Omen. Für Ihre Notiz aus Richelien
danke ich Ihnen. Ich werde sie bei Gelegenheit nutzen. Ich habe Herrn Dekan Däniker
auf die Morgenblätter aufmerksam gemacht, aber er hat Postdienst und kann erst um
3 Uhr nachsehen. Vielleicht antwortet er auch nicht. In Arbon
hat man nur 4 Triumphbögen für Herrn Bornhauser
aufgestellt. Das neue Lied zu seiner Ehre soll aus Konstanz
stammen. Man lobt den edlen Mann von überall her. Meine Frau lässt Sie grüßen, obwohl
sie am Samstagmorgen über mich und Sie sehr verärgert war.
Ich bleibe, wie immer, Ihr ergebener Diak. Pupikofer.
Bischofzell
, 1. März 1831.