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Hochverehrter Freund! Tübingen d. 23. Jun. 1831. Es waren traurige Ereignisse, die mich so saumselig im Schreiben gemacht haben. Nachdem mein Vater von langem Kranksein sich soweit erholt hatte, daß außer einer großen Entkräftung kein krankhafter Zustand zurückblieb, wurde meine Mutter, deren lebhafte Regsamkeit längere Jahre zu versprechen schien, von einer Brustentzündung ergriffen, mit deren Folgen sie auf einem fünfwöchigen Krankenlager zu kämpfen hatte. Sie unterlag am 1ten dieses Monats, und so verlor mein Vater im 76sten Jahre seine 71jährige Lebensgefährtin. Die Trauer über diesen schmerzlichen Verlust würde mich eher gedrungen, als abgehalten haben, mich mit der Nachricht von demselben an Ihre theilnehmende Freundschaft zu wenden, aber die mancherlei äußern Besorgungen, welche mir statt meines Vaters oblagen, verbunden mit den fortlaufenden Berufsarbeiten, nahmen mich allzusehr in Anspruch. Ich hoffe, in dieser Zwischenzeit werden Sie über das Mspt. des Episcopat. Constant. beruhigt worden seyn, vielleicht auch dem so übel unterbrochenen Unternehmen eine neue Bahn eröffnet haben. Der Besuch von Ihrem Herrn Sohne ist wohl auch seitdem ausgeführt worden, und so sehe ich mit neuer Erwartung der Ausführung des Ihrigen bei uns entgegen. Die Weise des Tanhausers, das Inhaltsverzeichniß der Würzburger Handschrift und auch die guten Körner, die in dem Unkraut von Hundeshagen verstekt liegen, waren mir sehr willkommen; immer öffnen sich wieder neue oder tiefere Einblicke. Ich glaube aus Ihrem Schreiben zu bemerken, daß ich irriger Weise das 14. und 15. Jahrhundert, statt des 15. und 16ten, als den Zeitraum angegeben habe, den ich in diesem Sommer für meine Vorlesungen zu bearbeiten versuche. Meine Neigung, in poetischer Hinsicht, ist freilich mehr bei der früheren Zeit, doch hat auch diese spätere Periode ungemein viel Tüchtiges und giebt selbst rückwärts manchen unerwarteten Aufschluß. Mit den Sagen und Gedichten vom Herzog Ernst von Schwaben habe ich mich auch in neuerer Zeit beschäftigt. Im 2ten Bande von Pertz Monumenta pag. 83, not. 67 wird unter den mancherlei Volksgesängen, die in den Casib. Sti. Galli vorkommen, auch derjenigen de Ernesto gedacht, ich vermag aber in den Casibus, so weit sie bei Goldast und Perk gedruckt sind, durchaus keine bestimmtere Erwähnung von Volksliedern über H. Ernst zu finden. Sollte eine solche etwa in der Fortsetzung von Kuchenbecker vorkommen? oder ist Ihnen sonst Näheres hierüber bekannt? Wie sehr soll es mich freuen, mich bald über Dieses und Andres mündlich mit Ihnen unterhalten zu können. Mit Freundschaft und Verehrung, wie immer, der Ihrige L. Uhland.