Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein hochverehrter Herr und Nachbar!
Wie sehr bedaure ich Sie, daß die unfreundliche Gicht mit dem Katharrh sich verbunden
hat, Sie bei Hause fest zu halten, da doch die Witterung zur Reise so freundlich einladet!
Hätte ich nicht diese Woche das köstliche Vergnügen, herum zu wandern, und halb vergessene
Menschen und Gegenden neu kennen zu lernen, so recht innig geschmeckt, so würde ich
Sie weniger beklagen und Sie vielleicht noch beglückwünschen, daß Sie so leicht sich
in Ihrer Bücherwelt fest halten lassen; so aber kann ich die Mahnung an die schnelle
Flucht der Horen nicht unterdrücken, damit Sie weniger vergessen, daß auch Sie den
Sommer nicht verstreichen lassen, ohne durch fremde Luft neue Kraft und Munterkeit
für den Winter gesammelt zu haben. Von Steckborn, wo alles so freundlich und vergnügt war, reisete ich, umgeben von einer jubelnden
Sängerschaar, unter Kanonendonner zu Schiffe nach Stein
, dann zu einem Freunde nach Thäyngen
, hierauf an den Jahrmarkt nach Schaffhausen
. Hier traf ich den von Baden
zurück gekehrten Pfarrer Kirchhofer
an, mit dem ich sehr vergnügt den Tag theils bei seinem Schwiegervater, Professor
Metzger
, theils im Archiv Aller Heiligen
zubrachte. Auf dem Rückwege untersuchte ich zu Klingenzell
die Siegel der in meiner Thurgovia
abgedruckten Urkunden und bemerkte unter anderm, daß bei Nro. 46 die von Pfarrer
Kirchhofer
erhaltene Note unrichtig sei, indem das erste Siegel einen Helm mit einem halben
Hunde darauf enthält, das zweite den Altenklingen'schen Löwen weiset. Der Stein
, den Sie daselbst sahen, ist immer noch da; ich sagte dem 91jährigen Propheten, daß
er denselben an Herrn Rosenlächer
in Konstanz
schicken solle, von woher Sie ihn am besten bekommen. Auch in Liebenfels
war ich, und zwar der Gemälde und Gewölbe wegen, von denen ich schon so oft gehört
hatte, und deren Vernachläßigung mir schon lange zum verdienten Vorwurf gereichte.
Ich glaube, früher gehört zu haben, in dem nordöstlichen Eckzimmer stelle das Wandgemälde
unter anderm auch Adam und Eva
beim Paradiesesbaume dar; allein es ist nicht so; sondern ein wilder haariger Mann wird von einer Dame
an einem Liebesseil gehalten; zwischen ihnen und über ihnen schwebt ein geflügeltes
Herz; unter ihnen zieht sich auf einem in die Weinranken eingeschlungenen Bande die
Inschrift durch, und zwar unter dem Manne: ich bin . . . vnd wild vnd fürt mich ain
wiplich bild; unter dem Weibe: ich zaig dir mine anmut, wie min hertz fliegen tut.
Das ist nun freilich auch etwas von Versuchungsgeschichte; aber doch nicht ganz in
mosaischer Darstellung! Die zweite Inschrift, die sich unter einem Gewaffneten bei
Hasen und Tauben vorbei zieht, konnte ich nicht enträthseln. Was sagen Sie aber von
dem Meister, der solche Sachen gemacht hat, und von dem Herrn, der sie bestellte?
Die zwei Wappen über der Thüre des Zimmers scheinen, besonders, da sie noch zum Theil
in das Wandgemälde verflochten sind, über den damaligen Besitzer Auskunft zu geben;
denn rechts (dem Beschauer zur Linken) steht das Wappen der Muntprat (Zeichnung), links das beigezeichnete, dessen Geschlecht ich nicht kenne. An dem
Thürgewölbe, das aus dem Vorderhause, unter welchem die sonderbaren Gewölbe mit so
finstern Wandzeichnungen sind, steht die Jahrzahl 1488. Sollten letztere Gewölbe,
in welche man durch die Kapelle hinunter geht, nicht zu einer Familiengruft bestimmt
gewesen sein? Sie sehen, daß ich mein Steckenpferdchen so gut mit mir auf die kleine
Reise genommen habe, als Herr Braun
das seinige auf die große. Mit Ihnen bin ich auf desselben genauere Berichte sehr
neugierig; aber das möchte ich Ihnen doch empfehlen, nicht zu ruhen, bis Herr Pfarrer
Kirchhofer
Ihnen die Stiftungsurkunden von Aller Heiligen
für den Episcopatus abschreibt, oder Sie selbst eine Abschrift davon nach Ihrer Art
nehmen können. Diese Documente wiegen ein Dutzend anderer auf. Aber freilich haben
die Zeugen noch keine Siegel, sondern nur noch die †. †. Für die Übersendung des Henkingschen
Briefes meinen verbindlichen Dank! Ich soll ihm eine Rechnung bezahlen, die er an
meinen Bruder stellt, wogegen er meinen Bruder als schuldlos erklärt. Ich kann natürlich
darüber nicht eintreten, wenn sogar die Forderung an mich gegründet wäre; denn er
hat ja seine Bücher, und also auch seine Forderungen zu Hause gelassen und kann nicht
mehr gültig quittiren. Künftige Woche gehe ich nach Frauenfeld
zur heil. Synode, muß also auf Eppishausen
verzichten. SoHten Sie sich endlich befähigt fühlen, ein Reischen zu wagen, so begleiten
meine herzlichen und besten Wünsche Ihren Weg. Wollen Sie mir unterdessen, und bis
Sie wieder zu Hause sind, die Sammlung eidg. Kriegslieder von Prof. Wyß
leihen, so würde ich gerne einige copieren und über das Ganze ein Verzeichniß machen.
Ich bin mit herzlicher Ergebenheit Ihr Pupikofer.
Bischofzell
, 27. Aug. 1831.
Ad usum Laßbergii
.
Luden II. p. 546 u. 547. Note.
"Was Ihre, in Novis Actis societ scient. Upsal. Tom. III, p. 29 saget, beweiset gewiß, daß der Codex aregenteus nicht vor dem Ende des VI. Jahrh. geschrieben sein könne, und daß er in
Italien
geschrieben. In der That setzt auch diese Arbeit ein anderes Leben voraus, als die
Gothen vor der Gründung ihres Reiches in Italien
geführt hatten. Sie mußten, nach ihrer eigenen Meinung wenigstens, in festen Verhältnissen
stehen, reich sein und große Herren. Zwischen der Arbeit des Wulfila
und dieser Handschrift liegen also zum mindesten anderthalb hundert Jahre. Vier Menschengeschlechter
waren hingestorben. Und die Gothen hatten diese ganze Zeit sich auf römischem Boden,
unter Griechen und Römern herum getrieben. Sie hatten sich ohne Zweifel sehr verändert,
Vieles gelernt und Vieles vergessen. Wenn daher die Schrift nicht rein teutsch ist,
so folgt noch nicht, daß Wulfila
nicht mit ganz eigenthümlichen Buchstaben und durchaus gothisch geschrieben habe.
Oder man müßte annehmen, daß die Handschrift bloß mechanisch nachgeahmt sei, um als
gelehrte Rarität aufbewahrt zu werden, unbenutzt und unverstanden."
ib. p. 587. Note 13.
"So wenig, wie aus den Nibelungen kann sich für diese Zeit etwas aus der Historia Waltharii
schöpfen. Man kann sich wohl ein Mal über dieses Klosterexercitium etwa aus dem dreizehnten
Jahrhundert freuen und vergleichet wohl auch gegen diese Bearbeitung dunkeler Erinnerungen
mit anderen Bearbeitungen derselben, aber einen Gewinn für die Geschichte sucht man
vergeblich. Weder des Entdeckers überschwengliche Begeisterung für diesen Fund, noch
das billige Lob manches Freundes Teutscher Sage und Teutschen Sanges, oder selbst
der merkwürdige Ausspruch, mit welchem dieses mühselige Produkt der Versmacherei jüngst
beehrt worden ist es sei ein unschätzbares Überbleibsel aus hohem Alterthum" "ein
unvergleichlich treues Gemälde deutsch-fränkischer Heroenzeit" vermögen dasselbe zu
einer historischen Quelle zu machen. Die Welt gestaltet sich, wie in jedem andern,
so auch wohl in dem Kopfe eines Mönchs eigenthümlich; aber die wahre Welt ist nur
für die Geschichte, und der Dichter gibt lediglich die seinige, er mag ein guter Dichter
sein oder ein schlechter."
Boethio patritio Theodoricus rex
: "Cum rex Francorum convivii nostri fama pellectus a nobis citharœdum magnis precibus expetisset . .
. Regi Luduino
: "Citharœdum etiam arte sua doctum pariter destinavimus expetitum, qui ore manibusque
consona voce cantando gloriam vestræ potestatis oblectat." Zwinglis
Werke II, 1. p. 345 „Sollte es schänzlen gelten, weist wohl, daß man dir das Lied
singen möchte von der schönen Marien
bis an die stolzen Müllerinn
."
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Normalisierter Text
Mein hochverehrter Herr und Nachbar!
Wie sehr bedaure ich Sie, dass die unfreundliche Gicht mit dem Katarrh sich verbunden
hat, Sie bei Hause fest zu halten, da doch die Witterung zur Reise so freundlich einladet!
Hätte ich nicht diese Woche das köstliche Vergnügen, herum zu wandern, und halb vergessene
Menschen und Gegenden neu kennen zu lernen, so recht innig geschmeckt, so würde ich
Sie weniger beklagen und Sie vielleicht noch beglückwünschen, dass Sie so leicht sich
in Ihrer Bücherwelt fest halten lassen; so aber kann ich die Mahnung an die schnelle
Flucht der Horen nicht unterdrücken, damit Sie weniger vergessen, dass auch Sie den
Sommer nicht verstreichen lassen, ohne durch fremde Luft neue Kraft und Munterkeit
für den Winter gesammelt zu haben. Von Steckborn, wo alles so freundlich und vergnügt war, reiste ich, umgeben von einer jubelnden
Sängerschar, unter Kanonendonner zu Schiff nach Stein
, dann zu einem Freund nach Thäyngen
, hierauf an den Jahrmarkt nach Schaffhausen
. Hier traf ich den von Baden
zurück gekehrten Pfarrer Kirchhofer
an, mit dem ich sehr vergnügt den Tag teils bei seinem Schwiegervater, Professor
Metzger
, teils im Archiv Aller Heiligen
zubrachte. Auf dem Rückweg untersuchte ich zu Klingenzell
die Siegel der in meiner Thurgovia
abgedruckten Urkunden und bemerkte unter anderem, dass bei Nr. 46 die von Pfarrer
Kirchhofer
erhaltene Note unrichtig sei, indem das erste Siegel einen Helm mit einem halben
Hunde darauf enthält, das zweite den Altenklingen'schen Löwen weiset. Der Stein
, den Sie dort sahen, ist immer noch da; ich sagte dem 91-jährigen Propheten, dass
er denselben an Herrn Rosenlächer
in Konstanz
schicken solle, von woher Sie ihn am besten bekommen. Auch in Liebenfels
war ich, und zwar der Gemälde und Gewölbe wegen, von denen ich schon so oft gehört
hatte, und deren Vernachlässigung mir schon lange zum verdienten Vorwurf gereichte.
Ich glaube, früher gehört zu haben, dass in dem nordöstlichen Eckzimmer das Wandgemälde
unter anderem auch Adam und Eva
beim Paradiesbaum darstellt; aber es ist nicht so; sondern ein wilder haariger Mann wird von einer
Dame an einem Liebesseil gehalten; zwischen ihnen und über ihnen schwebt ein geflügeltes
Herz; unter ihnen zieht sich auf einem in die Weinranken eingeschlugen Bande die Inschrift
durch, und zwar unter dem Mann: ich bin . . . und wild und führt mich ein wippliches
Bild; unter der Frau: ich zeige dir meine Anmut, wie mein Herz fliegen tut. Das ist
nun freilich auch etwas von Versuchungsgeschichte; aber doch nicht ganz in mosaischer
Darstellung! Die zweite Inschrift, die sich unter einem Gewaffneten bei Hasen und
Tauben vorbei zieht, konnte ich nicht enträtseln. Was sagen Sie aber von dem Meister,
der solche Sachen gemacht hat, und von dem Herrn, der sie bestellte? Die zwei Wappen
über der Tür des Zimmers scheinen, besonders, da sie noch zum Teil in das Wandgemälde
verflochten sind, über den damaligen Besitzer Auskunft zu geben; denn rechts (dem
Beschauer zur Linken) steht das Wappen der Muntprat (Zeichnung), links das beigezeichnete, dessen Geschlecht ich nicht kenne. An dem
Tür-Gewölbe, das aus dem Vorderhaus, unter welchem die sonderbaren Gewölbe mit so
finsteren Wandzeichnungen sind, steht die Jahreszahl 1488. Sollten letztere Gewölbe,
in welche man durch die Kapelle hinunter geht, nicht zu einer Familiengruft bestimmt
gewesen sein? Sie sehen, dass ich mein Steckenpferdchen so gut mit mir auf die kleine
Reise genommen habe, als Herr Braun
das seinige auf die große. Mit Ihnen bin ich auf dasselbe genauere Berichte sehr
neugierig; aber das möchte ich Ihnen doch empfehlen, nicht zu ruhen, bis Herr Pfarrer
Kirchhofer
Ihnen die Stiftungsurkunden von Aller Heiligen
für den Episcopatus abschreibt, oder Sie selbst eine Abschrift davon nach Ihrer Art
nehmen können. Diese Dokumente wiegen ein Dutzend anderer auf. Aber freilich haben
die Zeugen noch keine Siegel, sondern nur noch die †. †. Für die Übersendung des Henkingschen
Briefes meinen verbindlichen Dank! Ich soll ihm eine Rechnung bezahlen, die er an
meinen Bruder stellt, wogegen er meinen Bruder als schuldlos erklärt. Ich kann natürlich
darüber nicht eintreten, wenn sogar die Forderung an mich gegründet wäre; denn er
hat ja seine Bücher, und also auch seine Forderungen zu Hause gelassen und kann nicht
mehr gültig quittieren. Nächste Woche gehe ich nach Frauenfeld
zur heil. Synode, muss also auf Eppishausen
verzichten. Sollten Sie sich endlich befähigt fühlen, eine Reise zu wagen, so begleiten
meine herzlichen und besten Wünsche Ihren Weg. Wollen Sie mir unterdessen, und bis
Sie wieder zu Hause sind, die Sammlung eidg. Kriegslieder von Prof. Wyß
leihen, so würde ich gerne einige kopieren und über das Ganze ein Verzeichnis machen.
Ich bin mit herzlicher Ergebenheit Ihr Pupikofer.
Bischofzell
, 27. Aug. 1831.
Ad usum Laßbergii
.
Luden II. S. 546 und 547. Note.
"Was Ihre, in Novis Actis societ scient. Upsal. Tom. III, S. 29 saget, beweiset gewiss, dass der Codex aregenteus nicht vor dem Ende des 6. Jahrhunderts geschrieben sein könne, und dass
er in Italien
geschrieben. In der Tat setzt auch diese Arbeit ein anderes Leben voraus, als die
Gothen vor der Gründung ihres Reiches in Italien
geführt hatten. Sie mussten, nach ihrer eigenen Meinung wenigstens, in festen Verhältnissen
stehen, reich sein und große Herren. Zwischen der Arbeit des Wulfila
und dieser Handschrift liegen also mindestens anderthalb hundert Jahre. Vier Menschengeschlechter
waren hingestorben. Und die Gothen hatten diese ganze Zeit sich auf römischem Boden,
unter Griechen und Römern herum getrieben. Sie hatten sich ohne Zweifel sehr verändert,
Vieles gelernt und Vieles vergessen. Wenn daher die Schrift nicht rein deutsch ist,
so folgt noch nicht, dass Wulfila
nicht mit ganz eigentümlichen Buchstaben und durchaus gotisch geschrieben habe. Oder
man müsste annehmen, dass die Handschrift bloß mechanisch nachgeahmt sei, um als gelehrte
Rarität aufbewahrt zu werden, unbenutzt und unverstanden."
ib. S. 587. Note 13.
"So wenig, wie aus den Nibelungen kann sich für diese Zeit etwas aus der Historia Waltharii
schöpfen. Man kann sich wohl einmal über dieses Klosterexercitium etwa aus dem 13.
Jahrhundert freuen und vergleicht wohl auch gegen diese Bearbeitung dunkler Erinnerungen
mit anderen Bearbeitungen derselben, aber einen Gewinn für die Geschichte sucht man
vergeblich. Weder des Entdeckers überschwängliche Begeisterung für diesen Fund, noch
das billige Lob manches Freundes deutscher Sage und deutschen Gesangs, oder selbst
der merkwürdige Ausspruch, mit welchem dieses mühselige Produkt der Versmacherei jüngst
beehrt worden ist, es sei ein unschätzbares Überbleibsel aus hohem Altertum, "ein
unvergleichlich treues Gemälde deutsch-fränkischer Heroenzeit", vermögen dasselbe
zu einer historischen Quelle zu machen. Die Welt gestaltet sich, wie in jedem anderen,
so auch wohl in dem Kopfe eines Mönchs eigentümlich; aber die wahre Welt ist nur für
die Geschichte, und der Dichter gibt lediglich die seinige, er mag ein guter Dichter
sein oder ein schlechter."
Boethio patritio Theodoricus rex
: "Cum rex Francorum convivii nostri fama pellectus a nobis citharoedum magnis precibus expetisset...
Regi Luduino
: "Citharoedum etiam arte sua doctum pariter destinavimus expetitum, qui ore manibusque
consona voce cantando gloriam vestræ potestatis oblectat." Zwinglis
Werke II, 1. S. 345 "Sollte es schänzlen gelten, weist wohl, dass man dir das Lied
singen möchte von der schönen Marien
bis an die stolzen Müllerin."