Original Text Transcribed from the manuscript (Transkribus)
Basel
26. August 1836
Hochverehrter Herr Freyherr,
es war mir eine grosse Freude und die liebste überraschung
die mir werden konnte,
als ich vor vierzehn Tagen bei meiner Rückehr von einer
Ferienreise Ihren Brief
vorfand, den ersten nach langer Unterbrechung. Nun waren
jahrelange drückende
Besorgnisse mit einem Mahle gehoben: ich sah, dass ich Ihre
wohlwollende Gesinnung
gegen mich, die mir so sehr viel werth ist, nicht
verscherzt hatte, wenn auch in
etwas gekrännt und verlezt. Aber auch dieses, weiß Gott,
und Sie selber wissen
es, insofern ganz ohne meine Schuld, als ich bei jener Zueignung📖 grade das
Gegentheil gewollt und gemeint hatte, als ich auch gar
nicht beabsichtigt
Ihnen vor dem Volk eine Ehre, sondern nur vor aller Welt
Ihnen meinen auf
richtigen und herrlichen Dank zu bezeugen. Denn daß mit
dergleichen öffent
lichen Ehrungen einem Manne von Ehre eigentlich gar nicht
gedient sey, das
wuste ich sehr wohl. Nun, verzeihen Sie mir! Aber Sie
haben es schon.
Von dem Unglück das Sie erlebt haben sich so ernstlich zu
beschödigen, hatte
mir bereits H. Diac. Pupikofer erzählt, und es that mir nun Leid, aus Ihrem
Briefe
Briefe nichts von Fortschritten der Besserung zu
erfahren. Jezt hoffe ich sey
aber alles wieder gut: ich traue auf Baden und auf die
häusliche Glückse
ligkeit die Sie so wohlthuend umgiebt. Allen Segen Gottes
über Sie und Ihr
Haus und Ihre Familie! ich freue mich recht darauf, Sie im Herbste,
falls ich nach S.
Gallen reise, heimsuchen zu dürfen.
Beiliegend erhalten Sie eine gute Kampfel, den zweyten Theil des Lesebuches📖.
Lassen Sie Sich denselben wohl gefallen, und mich auch
gelegentlich erfahren
ob er Ihnen gefalle. Über den ersten bin ich nun um Ihr
Urtheil gekommen;
und doch wie viel könnte es mir nützen, da ich im Winter
höchst wahrscheinlich
an eine zweyte Auflage muß, eben deren wegen ich auch nach
S.
Gallen reisen
will. Vielleicht lassen Sie mir auch in Eppishausen noch
diess und jenes
dafür in die Hand wachsen.
Noch einmal
meinen herzlichen Dank für Ihr "Gehe hin und sündige nicht
mehr!" und meine
besten Wünsche für Sie und die Ihrigen.
In Ergebenheit Ihnen zugethan
Wih. Wackenagel
Dr.
Basel
Normalisierter Text
Basel, 26. August 1836 Hochverehrter Herr Freiherr, es war mir eine große Freude und die liebste Überraschung, die mir werden konnte, als ich vor vierzehn Tagen bei meiner Rückkehr von einer Ferienreise Ihren Brief vorfand, den ersten nach langer Unterbrechung. Nun waren jahrelange drückende Besorgnisse mit einem Male gehoben: Ich sah, dass ich Ihre wohlwollende Gesinnung gegen mich, die mir so sehr viel wert ist, nicht verscherzt hatte, wenn auch in etwas gekränkt und verletzt. Aber auch dieses, weiß Gott, und Sie selber wissen es, insofern ganz ohne meine Schuld, als ich bei jener Zueignung gerade das Gegenteil gewollt und gemeint hatte, als ich auch gar nicht beabsichtigt, Ihnen vor dem Volk eine Ehre, sondern nur vor aller Welt Ihnen meinen aufrichtigen und herzlichen Dank zu bezeugen. Denn dass mit dergleichen öffentlichen Ehrungen einem Manne von Ehre eigentlich gar nicht gedient sei, das wusste ich sehr wohl. Nun, verzeihen Sie mir! Aber Sie haben es schon. Von dem Unglück, das Sie erlebt haben, sich so ernstlich zu beschädigen, hatte mir bereits H. Diac. Pupikofer erzählt, und es tat mir nun Leid, aus Ihrem Briefe nichts von Fortschritten der Besserung zu erfahren. Jetzt hoffe ich, sei aber alles wieder gut: Ich traue auf Baden und auf die häusliche Glückseligkeit, die Sie so wohltuend umgibt. Allen Segen Gottes über Sie und Ihr Haus und Ihre Familie! Ich freue mich recht darauf, Sie im Herbst, falls ich nach St. Gallen reise, heimsuchen zu dürfen. Beiliegend erhalten Sie eine gute Kampfel, den zweiten Teil des Lesebuches. Lassen Sie Sich denselben wohl gefallen, und mich auch gelegentlich erfahren, ob er Ihnen gefalle. Über den ersten bin ich nun um Ihr Urteil gekommen; und doch wie viel könnte es mir nützen, da ich im Winter höchstwahrscheinlich an eine zweite Auflage muss, eben deren wegen ich auch nach St. Gallen reisen will. Vielleicht lassen Sie mir auch in Eppishausen noch dies und jenes dafür in die Hand wachsen. Noch einmal meinen herzlichen Dank für Ihr "Gehe hin und sündige nicht mehr!" und meine besten Wünsche für Sie und die Ihrigen. In Ergebenheit Ihnen zugetan Wih. Wackernagel Dr.
Translation
Basel, August 26, 1836 Highly esteemed Baron, It was a great pleasure and the most delightful surprise I could have received when, fourteen days ago, upon my return from a holiday trip, I found your letter, the first after a long interruption. Now, years of oppressive concerns were instantly lifted: I saw that I had not forfeited your benevolent disposition towards me, which is so very valuable to me, even though it might have been slightly strained and hurt. But even this, God knows, and you yourself know, was entirely without my fault, as with that dedication I intended and meant precisely the opposite, as I did not at all intend to bestow you an honor before the people, but only to express my sincere and wonderful thanks to you before the whole world. For I knew very well that such public honors do not actually serve a man of honor. Well, forgive me! But you have already done so. Mr. Diac. Pupikofer had already told me about the misfortune that you had experienced and how seriously it impacted you, and I was sorry to learn from your letter that there were no reports of improvements. Now I hope everything is fine again: I trust in Baden and in the domestic happiness that surrounds you so pleasantly. May all God's blessings be upon you and your house and family! I am really looking forward to visiting you in the fall if I travel to St. Gallen. Enclosed you will receive a good Kampfel, the second part of the reading book. May it please you well, and let me occasionally know whether you like it. I have now come to await your judgment on the first; and yet how much it could benefit me, since I will most likely have to undertake a second edition in the winter, for which reason I also want to travel to St. Gallen. Perhaps you will let this and that grow in my hand in Eppishausen for it. Once more, my heartfelt thanks for your "Go and sin no more!" and my best wishes for you and yours. Devotedly yours, Wih. Wackenagel Dr.