Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Mein hochverehrtester Herr Baron!
Schon seit 10 Tagen liegen die Statuten der Gothaer Lebens - Assekuranz bei mir, welche
kommen zu lassen ich Ihrer Frau Gemahlin versprochen hatte. Ich war entschlossen,
dieselben selbst zu überbringen. Allein die Pfarrerwahlangelegenheiten, deren Leitung
mir oblag, und die Versammlung des Erziehungsrathes und endlich der seit mehreren
Decennien größte Schnee, der jetzt uns in Blokade hält, kamen dazwischen, und so wird
wohl sogar die Ostern vorbei gehen, ohne daß ich den Berg übersteigen kann. Ich sende
also unterdessen die Gothaer Statuten durch den Boten, jedoch nicht ohne die Besorgniß,
daß sie der gnädigen Frau so wenig gefallen werden als die Leipziger Statuten: beide
sind eben Assekuranzen nicht für die Lebenden, sondern für die Überlebenden, und nicht
auf Jahrgehalte, sondern auf Kapitalsummen. Da Frau Pfarrer Däniker bald abreist, soll ich Sie zugleich ersuchen, im Laufe dieser Woche diejenigen der
übersandten Bücher, die Ihnen nicht gefalleń, zurückzusenden. Sie will dieselben mit
nach Zürich
nehmen, um sie dort an die Antiquare zu verkaufen. Übrigens, wenn Sie auch nur einiges
Brauchbare darin finden, so wird sich Frau Pfarrer Däniker
gefallen lassen, daß Sie die Preise selbst bestimmen. Seit ich bei Ihnen war, habe
ich drei Tage lang an der Grippe niedergelegen, und etwa 10 Tage war ich zur Arbeit
beinahe unfähig. Ich wünsche sehr, daß Ihnen nicht ähnliches wiederfahren sei, daß
vielmehr der Jahrestag Hildegunds
und Hildegarts
und das Fest des heiligen Joseph
Ihre Lebenslampe mit dem Rosenöle lebensfroher Kraft und Liebe frisch gefüllt habe.
Die Gesellschaft der Alterthümer in Zürich
hat mir ihr erstes Heft von Nachrichten und Zeichnungen zugesandt, mit dem Ansuchen,
ich möchte ihr die Erlaubniß auswirken, die Todtenhügel bei Altenklingen
aufgraben zu dürfen. Jenes erste Heft enthält Nachrichten über den Inhalt der bei
Zürich
auf dem Burgstal Wurp
oder Burghölzli
gefundenen Gräber, und ist wirklich als eine Bereicherung unserer schweizerischen
Litteratur anzusehen. Ich wandte mich an Herrn Doktor Zollikofer
in St. Gallen
, um durch ihn von der Familie Zollikofer
die Erlaubniß zur Aufgrabung der Totenhügel von Altenklingen
zu erhalten und legte meinem Gesuche jenes Heft bei. Könnten Sie mein Gesuch bei
Gelegenheit unterstützen, so dürfte ich hoffen, daß es eher Gehör finde. Weil Sie
an allem Theil nehmen, was mich berührt, wage ich es, Ihnen einige Arbeiten vorzulegen,
welche mich seit mehreren Jahren beschäftigten, und vor deren pedantischer Gestalt
Klio
so erschrocken ist, daß sie mir ihre Gunst fast ganz zu entziehen scheint. Vielleicht
erleben die Lesebücher die Ehre, daß Sie mit Ihren liebenswürdigen Mädchen einst darin
spazieren gehen. Oder werden Sie es vorziehen, denselben das A, B, C auf Honigkuchen
gedruckt vorzulegen, um Minervas
erste Weisheit in doppeltem Sinne in succum et sanguinem zu verwandeln? Wenn ich
den Schnee vor meinen Fenstern so hoch aufgelagert sehe und die Finken vor meinem
Fenster um Brosamen flehen, so denke ich oft an den guten Herrn von Rugge
, dem der lange Winter so wehe that. Ich kann zwar nicht über großes Leid klagen;
aber die Ostern sähe ich doch lieber im grünen Gewande als im weißen. Gott sende uns
bald den frohen Frühling und erhalte mir und den Meinigen Ihr und Ihrer Frau Gemahlin
freundliches Wohlwollen.
Ihr ergebenster Diak. Pupikofer.
Bischofzell
, den 22. März 1837.
Normalisierter Text
Mein hochverehrter Herr Baron!
Schon seit 10 Tagen liegen die Statuten der Gothaer Lebens - Assekuranz bei mir, welche kommen zu lassen ich Ihrer Frau Gemahlin
versprochen hatte. Ich war entschlossen, dieselben selbst zu überbringen. Allein die
Pfarrerwahlangelegenheiten, deren Leitung mir oblag, und die Versammlung des Erziehungsrathes
und endlich der seit mehreren Jahrzehnten größte Schnee, der jetzt uns in Blockade
hält, kamen dazwischen, und so wird wohl sogar Ostern vorbei gehen, ohne dass ich
den Berg übersteigen kann. Ich sende also unterdessen die Gothaer Statuten durch den Boten, jedoch nicht ohne die Besorgnis, dass sie der gnädigen Frau so wenig
gefallen werden wie die Leipziger Statuten: beide sind eben Assurances nicht für die Lebenden, sondern für die Überlebenden,
und nicht auf Jahresgehälter, sondern auf Kapitalsummen. Da Frau Pfarrer Däniker bald abreist, soll ich Sie zugleich ersuchen, im Laufe dieser Woche diejenigen der
übersandten Bücher, die Ihnen nicht gefallen, zurückzusenden. Sie will dieselben mit
nach Zürich
nehmen, um sie dort an die Antiquare zu verkaufen. Übrigens, wenn Sie auch nur etwas
Brauchbares darin finden, so wird sich Frau Pfarrer Däniker
gefallen lassen, dass Sie die Preise selbst bestimmen. Seit ich bei Ihnen war, habe
ich drei Tage lang an der Grippe gelegen, und etwa 10 Tage war ich zur Arbeit beinahe
unfähig. Ich wünsche sehr, dass Ihnen nicht Ähnliches widerfahren ist, dass vielmehr
der Jahrestag Hildegunds
und Hildegarts
und das Fest des heiligen Joseph
Ihre Lebenslampe mit dem Rosenöl lebensfroher Kraft und Liebe frisch gefüllt haben.
Die Gesellschaft der Alterthümer in Zürich
hat mir ihr erstes Heft von Nachrichten und Zeichnungen zugesandt, mit der Bitte,
ich möge ihr die Erlaubnis auswirken, die Totenhügel bei Altenklingen
aufgraben zu dürfen. Jenes erste Heft enthält Informationen über den Inhalt der bei
Zürich
auf dem Burgstal Wurp
oder Burghölzli
gefundenen Gräber, und ist wirklich als eine Bereicherung unserer schweizerischen
Literatur anzusehen. Ich wandte mich an Herrn Doktor Zollikofer
in St. Gallen
, um durch ihn von der Familie Zollikofer
die Erlaubnis zur Aufgrabung der Totenhügel von Altenklingen
zu erhalten und legte meinem Gesuch jenes Heft bei. Könnten Sie mein Gesuch bei Gelegenheit
unterstützen, so dürfte ich hoffen, dass es eher Gehör findet. Weil Sie an allem Teil
nehmen, was mich berührt, wage ich es, Ihnen einige Arbeiten vorzulegen, welche mich
seit mehreren Jahren beschäftigten, und vor deren pedantischer Gestalt Klio
so erschrocken ist, dass sie mir ihre Gunst fast ganz zu entziehen scheint. Vielleicht
erleben die Lesebücher die Ehre, dass Sie mit Ihren liebenswürdigen Mädchen einst
darin spazieren gehen. Oder werden Sie es vorziehen, denselben das A, B, C auf Honigkuchen
gedruckt vorzulegen, um Minervas
erste Weisheit in doppeltem Sinne in Saft und Blut zu verwandeln? Wenn ich den Schnee
vor meinen Fenstern so hoch aufgelagert sehe und die Finken vor meinem Fenster um
Brotkrumen flehen, so denke ich oft an den guten Herrn von Rugge
, dem der lange Winter so wehe tut. Ich kann zwar nicht über großes Leid klagen; aber
die Ostern sähe ich doch lieber im grünen Gewand als im weißen. Gott sende uns bald
den frohen Frühling und erhalte mir und den Meinigen Ihr und Ihrer Frau Gemahlin freundliches
Wohlwollen.
Ihr ergebenster Diak. Pupikofer.
Bischofzell
, den 22. März 1837.