Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Eppishausen am 1. May 1838.
Vererter freund und nachbar!
Ich danke Inen
herzlich für den lieben freundlichen brief, den Sie mir durch Sonderegger
gesendet haben; obschon ich weit entfernt bin zu glauben, daß Sie ie so tief in meiner
schuld staken, als Sie darinne ausgesprochen haben; so tut es doch meinem alten, aber
nichts weniger als veralteten herzen, ser wol; ich werde in aufbehalten in dem archive
meines herzens, und wenn ich aus den fenstern des ehemaligen bischófi. Archives zu
Meersburg
, wo als meiner búcherkammer, doch mein meister aufenthalt sein wird & hinúber schaue
in den herrlichen garten der Pomona
und des Vertumnus
; so will ich denken und mir selbst sagen: da drúben, rechts am fuße des Tannenbergs,
wonet doch noch ein mann, von dem ich gewiß weiß, daß er mir wol will und dann wird
auch der gedanke meinem alten herzen wieder wol tun: ia ich wage es zu hoffen, daß
Sie mer als einmal im laufe des iares úber den hellespont faren und den alten einsiedler
in der Dagoberts burg
freundlich úberraschen und mit der gewonten altváterischen hausmannskost vorlieb
nemen werden.
At mihi seu longum post tempus venerat hospes,
Sive operum vacuo gratus conviva per imbrem
Vicinus, bene erat, non piscibus urbe petistis,
Sed pullo, atque hoedo &c - und dann :
Aliquando dextrae conjungere dextram
Fas erit et notas audire ac reddere voces.
Sie sehen, ich kann noch immer, wie ein alter magister, das citiren nicht lassen.
aber ohe! jam satis! Ich lese heute in der Constanzer zeitung, daß am elften May die alte Maculatur des ehemaligen Provincial Archives im alten Schlosse zu Meersburg
versteigert wird. wie ware es wenn Sie am 10. frühe mit mir dahin gingen, um am nachmittage
noch einsicht von dem vorhandenen zu nemen, und den folgenden tag selbst zu kauffen
was Sie glauben brauchen zu können. angeblich sollen es einige 30 Zentner sein, und
ich glaube nicht, daß der Zentner über 20 bazen, vielleicht noch geringer zu stehen
kommen wird. Sie wurden dann am abend des 9. hierher kommen, damit wir den folgenden
tag recht frúhe aufbrechen konnten. Ob ich aber Sie auch wieder nach hause begleiten
könnte? kann ich freilich nicht für gewiß versichern. Vielleicht wurde freund Imhoff
sich entschliessen die kleine reise bei dem schónen wetter mitzumachen, wenn Sie
die gúte haben wollten mit im davon zu sprechen. Die bucher werde ich in Stokach
bestens besorgen; wenn Sie aber ein par der aufgeschriebenen nicht erhalten sollten;
so denken Sie nur, ich habe Sie als mir mangelnd, fúr mich behalten. z. B. Wasers
Jahrzeitenbuch und vielleicht Goldast Catholicon. Manessen Minnesánger
wird Inen
warscheinl. Decan Eytenbenz
zu Bietingen
wegschnappen, welcher schon lange darauf gespannt hat. Dafs Sie das sonst so allgemein
brauchbare Chronicon Gotwicense, welches eigentlich keine Chronik; sondern eine gescházte sammlung diplomatischer
abhandlungen ist, welche als Prodromus zu dem nicht erschienenen Chronikon dienen
sollten, nicht aufgeschrieben haben wundert mich. Durch Wakernagel
habe ich ser angeneme geschenke aus Berlin
und Góttingen
erhalten. Wilh. Grimm
schikt mir sein Rolandslied mit den dazu gehörigen bildern aus dem cod. palat. Lachmann
2 in der academie der Wißenschaften vorgelesene abhandlungen, seine anmerkungen zum
Nibelungenliede, und einen neuen Gregorius vf dem Steine
, vor welchem freilich Greuth
zurúktretten mufs. Man kann nicht alles sein und machen! hátte ich gewusst, dafs
Lachmann
Lust zur herausgabe habe; ich wúrde Greuth
nicht dazu angetrieben haben; allein mir lag daran, dafs das schónste Gedicht Hartmanns v. A.
einmal herauskomme, und wäre es nicht herausgekommen; so wurde Lachmann
vielleicht noch lange damit gezaudert haben: so hángt im menschlichen leben so vieles
vom zufall ab. Zugleich mit den Berlin
er und Góttinger búchern erhielt ich 2 schriften von Jacob Grimm
und Dahlmann
, worinne sie die geschichte irer Landesverweisung erzálen. beide konnten weder in
Leibzig
, noch in Stuttgart
das imprimatur erhalten, wurden daher in Basel
gedrukt. also ist die Schweizer freiheit doch noch zu etwas gut. die eine schrift,
lásst mich einen blik in meines so lieben freundes Jacob Gr.
herze tun, welches tief betrübt zu sein scheint, und das tut mir ser leide; denn
ein solcher mann sollte úber aussere begebenheiten in soweit erhaben bleiben, dafs
er den innern gleichmut darúber nicht verliert: auch one haus und heimat, hat er am
felde der wissenschaften einen reichen aker, und an seiner feder einen wakern pflug;
aber mit bekümmertem herzen ist nicht gut akern. Leben Sie wol und geben Sie mir gute
antwort wegen Meersburg
; sonst kaufe ich den ganzen plunder, dann mufsen Sie doch kommen und auslesen; den
úberrest aber muß ich der Dea cloacina opfern. Viele grüße von uns allen an die Irigen von
Irem J. Laßberg
.
Normalisierter Text
Eppishausen am 1. Mai 1838.
Verehrter Freund und Nachbar!
Ich danke Ihnen herzlich für den lieben freundlichen Brief, den Sie mir durch Sonderegger
gesendet haben; obschon ich weit entfernt bin zu glauben, dass Sie je so tief in
meiner Schuld staken, wie Sie darin ausgesprochen haben; so tut es doch meinem alten,
aber nichts weniger als veralteten Herzen, sehr wohl; ich werde ihn aufbewahren in
dem Archiv meines Herzens, und wenn ich aus den Fenstern des ehemaligen Bischöflichen Archives zu Meersburg
, wo als meiner Bücherkammer, doch mein meister Aufenthalt sein wird & hinüber schaue
in den herrlichen Garten der Pomona und des Vertumnus; so will ich denken und mir
selbst sagen: da drüben, rechts am Fuße des Tannenbergs, wohnt doch noch ein Mann,
von dem ich gewiss weiß, dass er mir wohlwill und dann wird auch der Gedanke meinem
alten Herzen wieder wohl tun: ja ich wage es zu hoffen, dass Sie mehr als einmal im
Laufe des Jahres über den Helle-spont
fahren und den alten Einsiedler in der Dagoberts Burg
freundlich überraschen und mit der gewohnten altväterischen Hausmannskost vorlieb
nehmen werden.
"At mihi seu longum post tempus venerat hospes,
Sive operum vacuo gratus conviva per imbrem
Vicinus, bene erat, non piscibus urbe petistis,
Sed pullo, atque hoedo etc." - und dann:
Aliquando dextrae conjungere dextram
Fas erit et notas audire ac reddere voces.
Sie sehen, ich kann noch immer, wie ein alter Magister, das Zitieren nicht lassen.
Aber ohe! Jam satis! Ich lese heute in der Constanzer Zeitung, dass am elften Mai die alte Makulatur des ehemaligen Provincial Archives im alten Schlosse zu Meersburg
versteigert wird. Wie wäre es, wenn Sie am 10. früh mit mir dahin gingen, um am Nachmittag
noch Einsicht von dem Vorhandenen zu nehmen, und den folgenden Tag selbst zu kaufen,
was Sie glauben brauchen zu können. Angeblich sollen es einige 30 Zentner sein, und
ich glaube nicht, dass der Zentner über 20 Pf. Zustand kommen wird. Sie würden dann
am Abend des 9. hierher kommen, damit wir den folgenden Tag recht früh aufbrechen
könnten. Ob ich aber Sie auch wieder nach Hause begleiten könnte? Kann ich freilich
nicht für gewiss versichern. Vielleicht würde Freund Imhoff
sich entschließen die kleine Reise bei dem schönen Wetter mitzumachen, wenn Sie die
Güte hätten, mit ihm davon zu sprechen. Die Bücher werde ich in Stokach
besten besorgen; wenn Sie aber ein paar der aufgeschriebenen nicht erhalten sollten,
so denken Sie nur, ich habe sie als mir mangelnd, für mich behalten. Zum Beispiel
Waser
's Jahrzeitenbuch und vielleicht Goldast
's Catholicon. Manessen Minnesänger wird Ihnen wahrscheinlich Decan Eytenbenz
zu Bietingen
wegschnappen, welcher schon lange darauf gespannt hat. Dass Sie das sonst so allgemein
brauchbare Chronicon Gotwicense, welches eigentlich keine Chronik, sondern eine geschätzte Sammlung diplomatischer
Abhandlungen ist, welche als Prodromus zu dem nicht erschienenen Chronikon dienen sollten, nicht aufgeschrieben haben, wundert mich. Durch Wakernagel
habe ich sehr angenehme Geschenke aus Berlin
und Göttingen
erhalten. Wilh. Grimm
schickt mir sein Rolandslied mit den dazu gehörigen Bildern aus dem cod. palat. Lachmann
2 in der Akademie der Wissenschaften vorgelesene Abhandlungen, seine Anmerkungen zum Nibelungenlied und einen neuen Gregorius von dem Steine
, vor welchem freilich Greuth
zurücktreten muss. Man kann nicht alles sein und machen! Hätte ich gewusst, dass
Lachmann
Lust zur Herausgabe habe; ich würde Greuth
nicht dazu angetrieben haben; allein mir lag daran, dass das schönste Gedicht Hartmanns v. A.
einmal herauskomme, und wäre es nicht herausgekommen, so würde Lachmann
vielleicht noch lange damit gezögert haben: so hängt im menschlichen Leben so vieles
vom Zufall ab. Zugleich mit den Berlin
er und Göttinger Büchern erhielt ich 2 Schriften von Jacob Grimm
und Dahlmann
, worin sie die Geschichte ihrer Landesverweisung erzählen. Beide konnten weder in
Leipzig
, noch in Stuttgart
das Imprimatur erhalten, wurden daher in Basel
gedruckt. Also ist die Schweizer Freiheit doch noch zu etwas gut. Die eine Schrift
lässt mich einen Blick in meines so lieben Freundes Jacob Gr.
Herz tun, welches tief betrübt zu sein scheint, und das tut mir sehr leid; denn ein
solcher Mann sollte über äußere Begebenheiten in soweit erhaben bleiben, dass er den
inneren Gleichmut darüber nicht verliert: auch ohne Haus und Heimat hat er am Felde
der Wissenschaften einen reichen Acker und an seiner Feder einen wackern Pflug; aber
mit bekümmertem Herzen ist nicht gut ackern. Leben Sie wohl und geben Sie mir gute
Antwort wegen Meersburg
; sonst kaufe ich den ganzen Plunder, dann müssen Sie doch kommen und auslesen; den
Überrest aber muss ich der Dea cloacina opfern. Viele Grüße von uns allen an die Ihrigen
von
Ihrem J. Laßberg
.