Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Hochverehrtester Herr Baron!
Ihre so freundliche Einladung, mit Ihnen nach Meersburg zu reisen, hätte ich sogleich beantworten sollen; allein nachdem ich am Montag hier,
am Dienstag in Utwyl
, am Mittwoch in Arbon
weitläufigen Schulprüfungen beigewohnt und den Donnerstag Morgen in Romanshorn
bei meinem Schwager im Gasthause zum Schiffe verplempert hatte, hatte ich in den
heißen Mittagsstunden, in die Winterkleider eingehüllt, so mühselig mich nach Hause
geschleppt, daß ich bald gesotten, bald gebraten zu sein glaubte, und durchaus nicht
im Stande war, etwas anderes zu thun, als den Bierkrug an den Mund zu setzen. Unterdessen
reiste aber die Eppishauser Post wieder ab, und gestern hatte ich wieder Examen in
Gottshaus
, so daß ich Ihnen auch keine mündliche Antwort bringen konnte. Ungeachtet ich nun
am Montag der gemeinnützigen Gesellschaft und am Dienstag und Mittwoch dem Erziehungsrathe
beiwohnen muß, mache ich mir dennoch zum Vergnügen und zur Pflicht, Ihr Anerbieten
anzunehmen. Ich werde also am Mittwoch Abend bei Ihnen in Eppishausen
eintreffen und mir den Donnerstag und Freitag frei erhalten, um der vaterländischen
Geschichte den Dienst zu leisten, welchen ihr die weisen Landesväter verweigert haben,
mich glücklich schätzend, wenn ich auch nur einige Protokolle dem zermalmenden Holländer
des Papierers entreißen kann, gesetzt auch, daß dafür einige Romane oder Zeitungen
weniger gedruckt werden könnten. Sind die Staatsverhältnisse des Bisthums Konstanz
zu den Thurg
. Besitzungen auch nicht von welthistorischer Bedeutung, so denke ich: naptys' sλaxes
tautavxos ust. In Bezug auf das Chronicon Gottwicense müssen Sie sich nicht verwundern, daß ich dasselbe nicht in die Reihe der von mir
gewünschten Schriften setzte; ich kenne nämlich den speciellen Inhalt nicht. Hambergers
Direktorium hätte mir wohl Auskunft geben können; allein ich besitze dasselbe nicht.
Sehr lieb wird es daher mir sein, wenn Sie jenes Buch auch noch auf meine Rechnung
bestellen wollen. Bis eine solche Gelegenheit für mich wieder erscheint, können Jahrzende
vergehen; daher will ich nicht knausern. Dîs pietas mea et musa cordi est. Herrn von Imhof
werde ich morgen von der Reise sprechen und ihn zur Theilnahme zu bewegen suchen.
Wenigstens soll er Ihnen spätestens am Dienstage wissen lassen, ob er sich dazu entschließen
könne. Die schönen Tage werden ihn ohne Zweifel bewegen, Ihnen persönlich Auskunft
über seinen Entschluß zu geben. Zu Ihren Novitäten von Basel
und Berlin
meine Glückwünsche! Mir fließen solche Sachen spärlich und spät zu, und was sollte
ich auch damit anfangen? Ich habe so wenig Zeit dafür, daß ich sie nur flüchtig ansehen,
nicht lesen könnte. Übrigens ist es doch mit der Freiheit des Wortes seit 1813 sehr
zurückgegangen, wenn ein Jacob Grimm
das Imprimatur nicht mehr erlangen mag. In meinem Innersten erfreut über Ihre freundschaftlichen
Zusicherungen, werde ich lebenslänglich im Andenken bewahren, was Sie gewesen sind
und fürder sein werden
Ihrem Ergebensten Diac. Pupikofer.
Bischofzell
, 5. Mai 1838.
Normalisierter Text
Hochverehrtester Herr Baron!
Ihre so freundliche Einladung, mit Ihnen nach Meersburg zu reisen, hätte ich sogleich beantworten sollen; allein nachdem ich am Montag hier,
am Dienstag in Utwyl
, am Mittwoch in Arbon
weitläufigen Schulprüfungen beigewohnt und den Donnerstag Morgen in Romanshorn
bei meinem Schwager im Gasthaus zum Schiffe verplempert hatte, hatte ich in den heißen
Mittagsstunden, in die Winterkleider eingehüllt, so mühselig mich nach Hause geschleppt,
dass ich bald gesotten, bald gebraten zu sein glaubte, und durchaus nicht im Stande
war, etwas anderes zu tun, als den Bierkrug an den Mund zu setzen. Unterdessen reiste
aber die Eppishauser Post wieder ab, und gestern hatte ich wieder Examen in Gottshaus
, so dass ich Ihnen auch keine mündliche Antwort bringen konnte. Ungeachtet ich nun
am Montag der gemeinnützigen Gesellschaft und am Dienstag und Mittwoch dem Erziehungsrat
beiwohnen muss, mache ich mir dennoch zum Vergnügen und zur Pflicht, Ihr Angebot anzunehmen.
Ich werde also am Mittwoch Abend bei Ihnen in Eppishausen
eintreffen und mir den Donnerstag und Freitag frei halten, um der vaterländischen
Geschichte den Dienst zu leisten, welchen ihr die weisen Landesväter verweigert haben,
mich glücklich schätzend, wenn ich auch nur einige Protokolle dem zermalmenden Holländer
des Papiers entreißen kann, gesetzt auch, dass dafür einige Romane oder Zeitungen
weniger gedruckt werden könnten. Sind die Staatsverhältnisse des Bisthums Konstanz
zu den Thurgauer Besitzungen auch nicht von welthistorischer Bedeutung, so denke
ich: "naptys' sλaxes tautavxos ust". In Bezug auf das Chronicon Gottwicense müssen Sie sich nicht wundern, dass ich dasselbe nicht in die Reihe der von mir gewünschten
Schriften setzte; ich kenne nämlich den speziellen Inhalt nicht. Hambergers
Direktorium hätte mir wohl Auskunft geben können; allein ich besitze dasselbe nicht.
Sehr lieb wird es daher mir sein, wenn Sie jenes Buch auch noch auf meine Rechnung
bestellen wollen. Bis eine solche Gelegenheit für mich wieder erscheint, können Jahrzehnte
vergehen; daher will ich nicht knausern. Dîs pietas mea et musa cordi est. Herrn von Imhof
werde ich morgen von der Reise sprechen und ihn zur Teilnahme zu bewegen suchen.
Wenigstens soll er Ihnen spätestens am Dienstag wissen lassen, ob er sich dazu entschließen
könne. Die schönen Tage werden ihn ohne Zweifel bewegen, Ihnen persönlich Auskunft
über seinen Entschluss zu geben. Zu Ihren Novitäten von Basel
und Berlin
meine Glückwünsche! Mir fließen solche Sachen spärlich und spät zu, und was sollte
ich auch damit anfangen? Ich habe so wenig Zeit dafür, dass ich sie nur flüchtig ansehen,
nicht lesen könnte. Übrigens ist es doch mit der Freiheit des Wortes seit 1813 sehr
zurückgegangen, wenn ein Jacob Grimm
das Imprimatur nicht mehr erlangen mag. In meinem Innersten erfreut über Ihre freundschaftlichen
Zusicherungen, werde ich lebenslänglich im Andenken bewahren, was Sie gewesen sind
und fürder sein werden.
Ihrem Ergebensten Diac. Pupikofer.
Bischofzell
, 5. Mai 1838.