Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Meersburg am 3 September 1839.
Vererter Herr und Freund!
„er lúgt wie ein bott!" ist bei uns Schwaben eine allgemeine spruchwortliche redensart:
sollte sie wol unsern nachbarn im Thurgau
ganz unbekannt sein? wir erwarten die entbindung meiner lieben frau nicht vor Weihnachten;
aber Iren glúkwunsch zu einem iungen sone nemen wir, lieber freund! als ein glúkbringendes
Augurium an, da auch alle übrigen warzeichen bei der gesegneten darauf deuten. In
Überlingen
musste ich mich mit 14 statt 21 bádern begnügen; weil mein schwager Werner Droste
frúher als wir in erwarteten, ankam. nach einem aufenthalte von 14 tagen verließ
er uns am lezten mitwoche wieder und ist nun wol zu hause angelangt. In Überlingen
fand ich eine 10 fuß lange und 13 zoll breite, auf beiden Seiten beschriebene pergamentrolle
des XIII iarh., welche die áltesten Sazungen dieser ehemaligen Reichsstadt enthált.
ich nam sie mit hieher und hatte bereits den achten teil derselben abgeschrieben,
als mir aus einem schweizerischen kloster eine ganze schachtel voll 36 urkunden, meist
aus dem XIII. iarh. mit vielen herrlich erhaltenen siegeln, zukam, die ich nur kurze
zeit behalten darf und folglich mit unterbrechung jeder andern arbeit, alle tage hindurch
abschreiben muß. dies soll mich aber nicht verhindern auf den 17 diesen in Frauenfeld
, wohin Sie mich citiren, einzufinden; wenn ich námlich gesund und die witterung zu
solcher reise gúnstig genug sein sollte, denn non sum qualis eram, bonae sub regno
Cynarae
! Mit vergnúgen hatten Jenny
und ich gelesen, daß Sie alle glüklich und wol und mit irer kurzen reise zufrieden,
noch am námlichen tage da Sie mich verliessen, wieder bei iren Penaten angekommen
sind: danken Sie in meinem namen Iren lieben kindern für die gute meinung, welche
Sie von den alten Schwaben gewonnen haben: ich habe das mit warer freude gehort; obschon
man auch hier sagen kann: fuimus Troës! Sagen Sie im Scherb'schen hause, nebst vielen
grúßen von uns, daß, wenn sie iren besuch aufsparen wollen, bis Jenny
aus den Wochen ist, wir dann keine hofnung hátten sie in diesem iare mer zu sehen
und wir uns noch immer schmeicheln, daß sie den herbst nicht vorüber gehen lassen
werden, one die schwäbischen trauben zu verkosten. ebendasselbe bitte ich auch unserm
guten Imhof, mit nicht weniger herzlichen grúßen auszurichten! Gottlob! sind wir alle
wol und gesund, abgerechnet die gewónlichen gefarlosen úblichkeiten, welche den zustand
meiner lieben frau zu begleiten pflegen. wir alle grúßen Sie und die Irigen viele
male, und hoffen, wenn Scherbs ie kommen sollten, daß es in gesellschaft Irer frau
pfarrerin und kámerin geschehen werde. Nun kere ich wieder zu meinen urkunden. Leben
Sie wol! gott befolen! von Irem
ergebensten Joseph v. Laßberg
.
Recht gerne móchte ich noch vor eintritt des winters 5-10 fåßer wetterkalk von Herren
von Muralt
beziehen, den betrag dafür wurde ich im bei meinem mandatarius H. Kamênisch
in Guggenbúhl
anweisen. der transport konnte úber Utwil
, Gúttingen
oder Bottigkofen
geschehen. Sie würden mich verertester freund! durch besorgung dieser angelegenheit
ungemein verbinden; aber es múßte noch binnen wenigen wochen zu stande kommen; spáter
fürchte ich, móchte der aufguß nicht mer gehörig vertroknen.
Normalisierter Text
Meersburg am 3. September 1839.
Verehrter Herr und Freund!
"Er lügt wie ein Bote!" ist bei uns Schwaben eine allgemeine sprichwörtliche Redensart.
Sollte sie wohl unseren Nachbarn im Thurgau
ganz unbekannt sein? Wir erwarten die Entbindung meiner lieben Frau nicht vor Weihnachten,
aber Ihren Glückwunsch zu einem jungen Sohn nehmen wir, lieber Freund, als ein glücksbringendes
Omen an, da auch alle übrigen Wahrzeichen bei der gesegneten darauf hindeuten. In
Überlingen
musste ich mich mit 14 statt 21 Bädern begnügen, weil mein Schwager Werner Droste
früher als wir erwartet ankam. Nach einem Aufenthalt von 14 Tagen verließ er uns
am letzten Mittwoch wieder und ist nun wohl zu Hause angelangt. In Überlingen
fand ich eine 10 Fuß lange und 13 Zoll breite, auf beiden Seiten beschriebene Pergamentrolle
des 13. Jahrhunderts, welche die ältesten Satzungen dieser ehemaligen Reichsstadt
enthält. Ich nahm sie mit hierher und hatte bereits den achten Teil derselben abgeschrieben,
als mir aus einem schweizerischen Kloster eine ganze Schachtel voll 36 Urkunden, meistens
aus dem 13. Jahrhundert mit vielen herrlich erhaltenen Siegeln, zukam. Diese darf
ich nur kurze Zeit behalten und folglich mit Unterbrechung jeder anderen Arbeit alle
Tage hindurch abschreiben. Dies soll mich aber nicht hindern, am 17. dieses Monats
in Frauenfeld
, wohin Sie mich zitieren, einzufinden, wenn ich nämlich gesund bin und das Wetter
für solch eine Reise günstig genug ist, denn non sum qualis eram, bonae sub regno
Cynarae! Mit Vergnügen hatten Jenny
und ich gelesen, dass Sie alle glücklich und wohl und mit ihrer kurzen Reise zufrieden,
noch am selben Tag, an dem Sie mich verlassen haben, wieder bei ihren Penaten angekommen
sind. Danken Sie in meinem Namen Ihren lieben Kindern für die gute Meinung, die Sie
von den alten Schwaben gewonnen haben. Ich habe das mit wahrer Freude gehört, obschon
man auch hier sagen kann: fuimus Troës! Sagen Sie im Scherb'schen Hause, nebst vielen
Grüßen von uns, dass, wenn sie ihren Besuch aufsparen wollen, bis Jenny
aus den Wochen ist, wir dann keine Hoffnung hätten, sie in diesem Jahr noch zu sehen,
und wir uns immer noch schmeicheln, dass sie den Herbst nicht vorübergehen lassen
werden, ohne die schwäbischen Trauben zu verkosten. Ebendasselbe bitte ich auch unserem
guten Imhof auszurichten, mit nicht weniger herzlichen Grüßen! Gottlob, sind wir alle
wohl und gesund, abgerechnet die gewöhnlichen, gefahrlosen Üblichkeiten, welche den
Zustand meiner lieben Frau zu begleiten pflegen. Wir alle grüßen Sie und Ihre Lieben
viele Male und hoffen, wenn Schergs kommen sollten, dass es in Gesellschaft Ihrer
Frau Pfarrerin und Kammerin geschehen wird. Nun kehre ich wieder zu meinen Urkunden
zurück. Leben Sie wohl! Gott befohlen! Von Ihrem ergebensten Joseph v. Laßberg
.
Recht gerne möchte ich noch vor Eintritt des Winters 5-10 Fässer Wetterkalk von Herrn
von Muralt
beziehen, den Betrag dafür würde ich bei meinem Mandatarius H. Kamênisch
in Guggenbühl
anweisen. Der Transport könnte über Utwil
, Güttingen
oder Bottighofen
geschehen. Sie würden mich, verehrtester Freund, durch Besorgung dieser Angelegenheit
ungemein verbinden. Aber es müsste noch innerhalb weniger Wochen zustande kommen,
später fürchte ich, könnte der Aufguss nicht mehr richtig vertrocknen.