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Sr. Hochwohlgeboren Herrn Baron v. Laßberg in Meersburg
.
Mein hochverehrter Herr und Freund!
Ihren Auftrag in Betreff des Kästchens der alten Müllerin habe ich nicht vergessen;
aber ich hätte Ihnen den Bericht darüber lieber selbst überbracht. Da das nun nicht
sein kann, so nehme ich die Feder zu Hülfe, um Ihnen zu sagen, was mein in Kunstwerken
unerfahrenes Auge an dem Dinge beobachtet habe: das Kästchen ist c. 1% Fuß hoch, 11⁄2
breit und 1% lang, von leichtem Holze, ähnlich dem Feigenholze, fein geglättet, schwarz.
Die andere Seite des Kästchens ist so eingerichtet, daß sie nach auswärts sich öffnet,
wie die Klappe eines Schreibtisches; sie läuft dabei in feinen Fischbändern, mit denen
sie an die Bodenseite des Kästchens befestigt ist. Das Schloß ist in die Klappe eingelassen
und wird durch einen Haken, der an der obern Seite des Kästchens festgemacht ist,
zum Schlusse eingelegt. Das Innere besteht aus drei übereinander geordneten Abtheilungen.
In der obersten und untersten Abtheilung ist eine ganze Schublade. Die mittlere Abtheilung
ist in zwei Hälften geschieden, von denen jede eine eigene Schublade hat. Fünf Seiten
des Kästchens sind mit Perlmutterblumen, die durch goldfarbene Blätter und Stiele
verbunden sind, verziert; doch die obere Seite, welche zudem am meisten in's Auge
fällt, scheint Beschädigungen erlitten zu haben; denn in einer Ecke ist die Perlmutter
gleichsam massenhaft, so daß der Charakter der Blätterbildung verwischt ist. Die Vorderseiten
der Schubladen innerhalb sind ebenfalls mit Blumenranken verziert. Zur Befestigung
und Sicherung sind endlich die Ecken des Kästchens mit messingenen Beschlägen versehen,
welche ehemals vergoldet sein mochten. Dies ist alles, was ich Ihnen von der antiquarischen
Merkwürdigkeit schreiben kann. Um 2 Louisd'or könnte man jetzt das Ding haben, obgleich Sie selbst, nach den Angaben der Besitzerin,
dasselbe 40 Gulden gewerthet haben sollen. Geben Sie mir den Auftrag, es zu kaufen, so stehe ich ganz
zu Ihrem Befehle. Unser Freund Imhof
ist zwar noch am Leben, aber nicht besser. Er wird in dieser Woche zum dritten Male
durch Abzapfung der Wasseransammluug wieder etwas Erleichterung finden, aber leider
nur auf Kosten seiner wenigen noch übrigen Kräfte. Ein Glück für ihn, daß er keine
acuten Schmerzen und freien Kopf hat. Die Lectüre hilft ihm immer noch den bleiernen
Gang der Zeit vergessen. Wenn das Laub fällt, wird wohl auch seine müde Hülle sich
zum ewigen Schlummer legen. Gedenken Sie seiner im Gebete, daß er nicht zu lange harren
müsse. Er seufzt nach dem letzten Stündlein und kann doch nicht vergessen, daß die
alte Herrlichkeit des deutschen Reiches zu seiner Zeit zerfallen sei. Auch Zellweger
habe ich vor einigen Wochen gesehen. Eine der ersten Neuigkeiten, die er mir mittheilte,
war die, daß er aus einem Wassertrinker wieder ein Weintrinker geworden sei und sich
dabei ungemein wohl befinde. Bei dieser Nachricht steigt in Ihnen gewiß der Wunsch
auf, einen Humpen mit ihm zu leeren. Allein er treibt es noch nicht weiter als auf
drei Löffel Johannisberger täglich, steht also kaum in Gefahr, des Ordens der Mäßigkeitsvereine verlustig erklärt
zu werden. Dagegen arbeitet er immer noch rüstig an seiner Geschichte der französischen
Gesandtschaft in der Schweiz
und ihrer Intriguen im XVIII. Jahrhundert. Ich habe einige Bruchstücke davon gesehen,
die wirklich ungemein interessant sind. Gerne möchte auch ich mich rühmen, fleißig
zu sein. Allein die administrativen Arbeiten, die ich zu verrichten habe, gleichen
den Frohnen, die im freien Reiche der Wissenschaft auf keine Stimme Anspruch haben.
Wohl gibt es einzelne Erholungsstunden, in denen ich geschichtliche Notizen sammle;
was ist aber das im Vergleiche zu dem, was erfordert würde, um Schritt zu halten mit
Fachmännern? Ich werde ein GroBes geleistet zu haben glauben, wenn ich diesen Herbst
noch die Regesta des Stiftes Fischingen
zu Stande bringe, Die Besteigung der alten Toggenburg
hat mich sehr dazu aufgemuntert. Es war ein gar herrlicher Tag, als ich, auf den
noch wenigen Trümmern stehend, nach Heiligenberg
hinüber schaute und wiewohl vergeblich, auch die Thürme von Meersburg
suchte. Wären Sie bei mir gewesen, gewiß, sie hätten ebenfalls mit großem Interesse
die kühnen Nagelfluhwände, auf denen die alten Grafen ihre Veste gebaut, bestiegen,
und nicht mit weniger Interesse in den Bruderwald
hinunter geblickt, in welchen die Legende den Sturz der frommen Idda
verlegt hat. Wir Schweiz
er müssen wirklich unpoetische Naturen sein; sonst hätte jene Stelle bessere Schildereien
geweckt als wir z. B. in Bornhausers
Idda
finden. Ohne Zweifel haben Sie das Haus voll Gäste, und solcher Gäste, die Ihnen
besseres bieten, als ich vermag. Ich erlaube mir daher nur noch die Bitte, der gnädigen
Frau und den kleinen Fräulein mich in empfehlende Erinnerung zu bringen und Ihre freundschaftliche
Gesinnung ferner zu erhalten
Ihrem Ergebensten Pupikofer.
Bischofzell
, 15. August 1843.
Normalisierter Text
Sehr geehrter Herr Baron von Laßberg in Meersburg
,
Mein hochverehrter Herr und Freund!
Ihren Auftrag in Bezug auf das Kästchen der alten Müllerin habe ich nicht vergessen;
aber ich hätte Ihnen den Bericht darüber lieber persönlich überbracht. Da das nun
nicht möglich ist, nehme ich die Feder zur Hilfe, um Ihnen zu sagen, was mein unerfahrenes
Auge in Kunstwerken an dem Gegenstand beobachtet hat: das Kästchen ist ca. 1% Fuß
hoch, 1 ½ breit und 1% lang, aus leichtem Holz, ähnlich dem Feigenholz, fein geglättet,
schwarz. Die andere Seite des Kästchens ist so eingerichtet, dass sie nach außen aufgeklappt
wird, ähnlich der Klappe eines Schreibtisches; sie läuft dabei in feinen Fischbändern,
mit denen sie an die Bodenseite des Kästchens befestigt ist. Das Schloss ist in die
Klappe eingelassen und wird durch einen Haken, der an der oberen Seite des Kästchens
befestigt ist, geschlossen. Das Innere besteht aus drei übereinander angeordneten
Abteilen. In der obersten und untersten Abteilung befindet sich jeweils eine ganze
Schublade. Die mittlere Abteilung ist in zwei Hälften geteilt, von denen jede eine
eigene Schublade hat. Fünf Seiten des Kästchens sind mit Perlmutterblumen verziert,
die durch goldfarbene Blätter und Stiele verbunden sind; jedoch scheint die obere
Seite, die zudem am meisten auffällt, Beschädigungen erlitten zu haben; denn in einer
Ecke ist die Perlmutter sozusagen massenhaft, sodass der Charakter der Blätterbildung
verwischt ist. Die Vorderseiten der Schubladen im Inneren sind ebenfalls mit Blumenranken
verziert. Zur Befestigung und Sicherung sind schließlich die Ecken des Kästchens mit
messingenen Beschlägen versehen, die früher vergoldet gewesen sein mögen. Das ist
alles, was ich Ihnen von der antiquarischen Merkwürdigkeit berichten kann. Für 2 Louisd'or könnte man das Stück jetzt haben, obwohl Sie selbst, laut Angaben der Besitzerin,
es mit 40 Gulden bewertet haben sollen. Wenn Sie mir den Auftrag geben, es zu kaufen, stehe ich Ihnen
voll zur Verfügung. Unser Freund Imhof
ist zwar noch am Leben, aber nicht besser. Diese Woche wird er zum dritten Mal das
Wasser ablassen lassen, um etwas Erleichterung zu finden, leider jedoch auf Kosten
seiner immer weniger werdenden Kräfte. Glücklicherweise hat er keine akuten Schmerzen
und einen klaren Kopf. Das Lesen hilft ihm immer noch, die langsame Zeit zu vergessen.
Wenn das Laub fällt, wird auch seine müde Hülle in den ewigen Schlaf fallen. Denken
Sie in Ihrem Gebet an ihn, dass er nicht zu lange warten muss. Er sehnt sich nach
der letzten Stunde und kann doch nicht vergessen, dass die alte Größe des deutschen
Reiches zu seiner Zeit zerfallen ist. Auch Zellweger
habe ich vor einigen Wochen gesehen. Eine der ersten Neuigkeiten, die er mir mitteilte,
war, dass er wieder vom Wassertrinken zum Weintrinken übergegangen ist und sich dabei
sehr wohl fühlt. Bei dieser Nachricht werden Sie sicherlich den Wunsch verspüren,
mit ihm anzustoßen. Allerdings beschränkt er sich noch auf drei Löffel Johannisberger täglich und läuft daher kaum Gefahr, den Orden der Mäßigkeitsvereine zu verlieren.
Dagegen arbeitet er immer noch fleißig an seiner Geschichte der französischen Gesandtschaft
in der Schweiz
und ihren Intrigen im 18. Jahrhundert. Ich habe einige Bruchstücke davon gesehen,
die wirklich äußerst interessant sind. Gerne würde auch ich behaupten, fleißig zu
sein. Aber die administrativen Arbeiten, die ich erledigen muss, gleichen den Frondiensten,
die in der freien Welt der Wissenschaft nicht geschätzt werden. Es gibt zwar vereinzelt
Erholungsstunden, in denen ich geschichtliche Notizen sammle; was ist das aber im
Vergleich dazu, was nötig wäre, um mit Fachleuten Schritt zu halten? Ich werde mich
schon ziemlich glücklich schätzen, wenn ich diesen Herbst noch die Regesten des Stiftes
Fischingen
fertigstellen kann. Die Besteigung der alten Toggenburg
hat mich sehr dazu ermutigt. Es war ein wunderschöner Tag, als ich auf den wenigen
noch stehenden Ruinen stand und nach Heiligenberg
hinüberschaute und erfolglos nach den Türmen von Meersburg
suchte. Wären Sie bei mir gewesen, hätten Sie sicherlich ebenfalls mit großem Interesse
die steilen Nagelfluhwände erklimmt, auf denen die alten Grafen ihre Burg erbauten,
und nicht weniger interessiert in den Bruderwald
hinuntergeblickt, wo die Legende den Sturz der frommen Idda
verortet. Wir Schweiz
er müssen wirklich unpoetische Naturen sein; sonst hätte dieser Ort bessere Beschreibungen
geweckt, als wir sie zum Beispiel in Bornhausers
Idda
finden. Zweifellos haben Sie das Haus voller Gäste, und solcher Gäste, die Ihnen
besseres bieten als ich es kann. Deshalb erlaube ich mir nur noch die Bitte, die gnädige
Frau und die kleinen Fräulein in freundlicher Erinnerung an mich zu grüßen und Ihre
freundschaftliche Gesinnung weiterhin zu bewahren.
Ihr Ergebenster Pupikofer.
Bischofzell
, 15. August 1843.