Original Text Transcribed from the printed edition (OCR)
Auf der alten Meersburg am tage aller Selen 1843.
Lieber freund!
anbei folgt eine urkunde, deren inhalt wie ich glaube, Sie interessiren móchte; besonders
wegen der zeugen, von welchen ich die von Bottenhusen
, Ernsberge
, Saeldenhofen
, Waltstaige
, deren wonorten ich diesseits des Bodensee
's vergeblich nachspúrte und demnach auf der Schweizer seite vermuten muß. koennen
Sie mir über einen oder andern dieser namen auskunft geben, so verbinden Sie mich.
Nach gemachtem gebrauche bitte ich die abschrift an Herrn Lyceumsdirector Lender
nach Constanz
zu senden. mir ist die urkunde wegen der graven von Heiligenberg
wichtig, da der in derselben handelnde gr. Berchtold
der vorlezte seines geschlechtes war, welches 1306 mit seinem áltesten sone Berchtold
erlosch. der ursprung dieses alten gravengeschlechtes das schon im elften Jarh. die
advocatie über das hochstift Constanz
besaß, liegt noch immer im dunkeln; mir ist warscheinlich, daß sie ein zweig der
alten Linzgauer graven gewesen sein múßen, da diese Gaugravschaft, nach dem erlöschen
der graven von Buchhorn
, in der ersten haelfte des XII. iarhunderts an sie überging. meine urkunden abschriften
wachsen nachgerade zu einem beträchtlichen Volumen an, und der gedanke, sie nach und
nach in einzelnen bogen gedrukt erscheinen zu lassen, und sie so meinen freunden mit
zu teilen, beschaeftigt mich fortwaerend; sed vitae summa brevis spem vetat inchoare
longam. In einer urkunde bischof Heinrichs
[:von Klingenberg
:], zu Constanz
kommt als Datum: der vnbehugte Sonntag, vor: vergebens suchte ich darúber auskunft
in meinem diplomatischen aparate. unbehugt heisst: unbeschúzt, unbesorgt; denn aus
hugen, huegen in acht nemen, ist unser heutiges hegen entstanden; sollte wol dieser
Sonntag eine historische Beziehung haben? und ein dem Bistume Constanz
eigentúmliches fest sein? die urkunde ist von 1303. si quid novisti rectius istis,
affer! Diesen herbst sind wir mit besuchen aus Wien
, Prag
, Carlsruhe
, Heidelberg
, Zúrich
, Stuttgart
, und aus dem Norden Teutschlands
úberhaúft worden, meistens prophetenjúnger, wie meine schwiegermutter sie nennt,
welche dem alten meister Sepp
iren literarischen gruß brachten und in seinem búchersaale arbeiteten. binnen 24
stunden kamen Mone
aus Carlsruhe
, Archivar Baumgartner
und Bibliothecar gr. von Karajan
aus Wien
, und der gute Schmeller
aus München
in der alten Meersburg
an. Sie koennen denken mein vererter freund! daß bei solchem andrange mir gar keine
zeit etwas für mich zu arbeiten gewaeret wurde. ich troeste mich nun damit, daß wenigstens
der winter mir so viel muße bringen werde, um einige laengst begonnene arbeiten zu
vollenden. bei uns hat vor ein par tagen die weinlese angefangen; aber man weiß noch
nicht, ob die trauben sich werden druken lassen, das heißt: ob sie irgend eine brühe
geben werden; indessen hat man schon von rotem gewachse zu 12 fl. den Ohm verkauft.
wol bekomms denen, die den sauren saft trinken mússen! Wir sind jezt zahlreicher als
gewónlich bei tische. mein son ist aus Prag
zu uns in urlaub gekommen, meine Schwiegermutter mit irer tochter Nette
aus Westphalen
, leztere bleiben úber den winter bei uns. Sonst ist alles wol und grúßet mit mir
Sie und die Irigen auf das freundschaftlichste, wir bitten auch unsere grúße bei H.
Dr. Scherbs
und in Hauptwil
auszurichten. Sehen Sie J. C. Zellweger
, Rector Marikofer
; so richten Sie auch da meine grúße aus. und hiemit gott befolen!
von Irem Jv.Laßberg
.
Normalisierter Text
Auf der alten Meersburg am Tage aller Seelen 1843.
Lieber Freund!
Anbei folgt eine Urkunde, deren Inhalt, wie ich glaube, Sie interessieren möchte;
besonders wegen der Zeugen, von welchen ich die von Bottenhusen
, Ernsberge
, Säldenhofen
, Waltstaige
, deren Wohnorte ich diesseits des Bodensees vergeblich nachspürte und demnach auf
der Schweizer Seite vermuten muss. Können Sie mir über einen oder anderen dieser Namen
Auskunft geben, so verbinden Sie mich. Nach gemachtem Gebrauche bitte ich die Abschrift
an Herrn Lyzeumsdirektor Lender
nach Konstanz
zu senden. Mir ist die Urkunde wegen der Grafen von Heiligenberg
wichtig, da der in derselben handelnde Graf Berchtold
der Vorletzte seines Geschlechts war, welches 1306 mit seinem ältesten Sohn Berchtold
erlosch. Der Ursprung dieses alten Grafengeschlechts, das schon im elften Jahrhundert
die Advocatie über das Hochstift Konstanz
besaß, liegt noch immer im Dunkeln; mir ist wahrscheinlich, dass sie ein Zweig der
alten Linzgauer Grafen gewesen sein müssen, da diese Gaugrafenschaft, nach dem Erlöschen
der Grafen von Buchhorn
, in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts an sie überging. Meine Urkundenabschriften
wachsen nach und nach zu einem beträchtlichen Volumen an, und der Gedanke, sie nach
und nach in einzelnen Bogen gedruckt erscheinen zu lassen und sie so meinen Freunden
mitzuteilen, beschäftigt mich fortwährend; sed vitae summa brevis spem vetat inchoare
longam. In einer Urkunde Bischof Heinrichs
[:von Klingenberg
:], zu Konstanz
kommt als Datum: der unbehütete Sonntag, vor: vergebens suchte ich darüber Auskunft
in meinem diplomatischen Apparat. Unbehütet heißt: unbeschützt, unbesorgt; denn aus
"hugen", "huegen" in Acht nehmen, ist unser heutiges "hegen" entstanden; sollte wohl
dieser Sonntag eine historische Beziehung haben? Und ein dem Bistum Konstanz
eigentümliches Fest sein? Die Urkunde ist von 1303. Si quid novisti rectius istis,
affer! Diesen Herbst sind wir mit Besuchen aus Wien
, Prag
, Karlsruhe
, Heidelberg
, Zürich
, Stuttgart
und aus dem Norden Deutschlands
überhäuft worden, meistens Prophetenjünger, wie meine Schwiegermutter sie nennt,
welche dem alten Meister Sepp
ihren literarischen Gruß brachten und in seinem Büchersaal arbeiteten. Binnen 24
Stunden kamen Mone
aus Karlsruhe
, Archivar Baumgartner
und Bibliothekar Graf von Karajan
aus Wien
und der gute Schmeller
aus München
in der alten Meersburg
an. Sie können denken, mein verehrter Freund! dass bei solchem Andrang mir gar keine
Zeit etwas für mich zu arbeiten gewährt wurde. Ich tröste mich nun damit, dass wenigstens
der Winter mir so viel Muße bringen werde, um einige längst begonnene Arbeiten zu
vollenden. Bei uns hat vor ein paar Tagen die Weinlese angefangen; aber man weiß noch
nicht, ob die Trauben sich werden trunken lassen, das heißt: ob sie irgend eine Brühe
geben werden; indessen hat man schon von rotem Gewächse zu 12 fl. den Ohm verkauft.
Wohl bekomms denen, die den sauren Saft trinken müssen! Wir sind jetzt zahlreicher
als gewöhnlich bei Tische. Mein Sohn ist aus Prag
zu uns in Urlaub gekommen, meine Schwiegermutter mit ihrer Tochter Nette
aus Westfalen
, letztere bleiben über den Winter bei uns. Sonst ist alles wohl und grüßt mit mir
Sie und die Ihren auf das freundschaftlichste, wir bitten auch unsere Grüße bei Herrn
Dr. Scherbs
und in Hauptwil
auszurichten. Sehen Sie J. C. Zellweger
, Rektor Marikofer
; so richten Sie auch da meine Grüße aus. Und hiemit Gott befohlen!
von Irem Jv.Laßberg
.