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Hochverehrtester Herr und Freund! Die vorgerückte Frühlingszeit hat schon oft die Mahnung an mich gethan, meinen unvergeßlichen Gönner und Freund auf der alten MeersburgWIKIDATA Icon heimzusuchen; allein neuerdings hat sich tiefer Schnee über den GauWIKIDATA Icon gelagert, und alles scheint im Winterfroste erstarren zu sollen. Ich selbst trage eine tiefe Schmerzenswunde in meiner Seele; denn vor wenigen Wochen hat mir der Tod eines meiner Kinder entrissen. Wenn ich daher auch nicht über das Wasser steure, das uns von Ihnen trennt, kann ich doch nicht anders, als Ihnen wenigstens brieflich von dem Verluste, der uns betroffen hat, Anzeige zu geben. Unsere liebe, sinnige und kenntnißreiche WilhelmineGND Icon, die als Kind so freundliche Herberge in EppishausenWIKIDATA Icon zu finden gewohnt war, lebt nicht mehr. Schon einige Jahre litt sie an einer scruphulösen Halsgeschwulst, welche allen angewandten Arzneimitteln zum Trotze stets zunahm, doch bei einer im übrigen guten Gesundheit auf dem Wege der Operation Heilung hoffen ließ. Das gute Kind unterzog sich der Operation auch mit wahrem Heldenmuthe; denn sie hatte sich für Übernahme einer Lehrstelle in der französischen SchweizWIKIDATA Icon vorbereitet und dachte, sogleich nach geschehener Heilung dahin zu verreisen. Die Operation wurde in HeidenWIKIDATA Icon im Kanton AppenzellWIKIDATA Icon von einem Arzte vorgenommen, der schon mehrere Personen glücklich von demselben Übel befreit hatte. Auch giengen nach der Operation drei Wochen vorüber, ohne zu Besorgnissen Veranlaßung zu geben, als ein Fieber dazu kam, das am 26. März unerwartet zum Tode führte. Die Vereiterung soll bei der zellenartigen Beschaffenheit der Geschwulst durch den Hals durchgedrungen sein und in die Brusthöhle sich ergossen haben. Die Selige erwartet auf dem Friedhof in HeidenWIKIDATA Icon ihren Auferstehungstag. Wie sehr dieser Verlust uns Eltern und besonders auch JulchenGND Icon schmerze, darf ich Ihnen nicht erst sagen. WilhelmineGND Icon war ja eine so gute und wohlgesinnte Tochter und Schwester und gegen alle Menschen so freundlich und theilnehmend, daß man sie schätzen und lieben mußte. Vor wenigen Tagen ist auch Botschaft gekommen, daß General von ImhofGND Icon zu StuttgartWIKIDATA Icon zu den Vätern heimgegangen sei. Die drei Geschwister haben einander bald folgen müssen. Und unser Freund VögeliGND Icon in ZürichWIKIDATA Icon lebt zwar, sieht aber fast nichts mehr; denn seine Augennerven haben eine Art Lähmung erlitten, und dadurch ist auch zugleich seine geistige Kraft fast zur Unvermögenheit reduzirt. Alles traurige Berichte! Indessen, so war der Welt Lauf von jeher: das wußten die, welche der Macht des Schicksals unterlegen sind, und werden wir auch selbst erfahren, wenn wirs nicht sonst glauben möchten. Um so mehr wundert es mich aber, wie es Ihnen gehe und wünschte ich zu vernehmen, daß Sie noch munter und frisch sind. Wenn sie mir nicht schreiben, so werde ich persönlich Bericht holen, sobald ich einmal für einige Tage loskomme, was freilich vor Ablauf eines Monats schwer halten wird. Ihre lieblichen Kinder sind gewiß wieder um ein gutes Stück gewachsen, und in allen Geschicklichkeiten und Tugenden recht vorgeschritten; denn man sagte, daß die Mamma nun auch in der Fräulein TanteGND Icon eine Gehülfin gwonnen habe, das Erziehungsgeschäft zu fördern. Auch die Poesie wird bei Fräulein NetteGND Icon den Winter über sprossen und Blüthen getrieben haben; denn der Herbst war ja so gut und ergiebig, daß seine Wärme dem Frost keinen Zugang gestattet haben kann, der Geist des Frühlings also nicht gestört worden ist. Bis ich näheres darüber erfahre, denke ich es mir so und ver gnüge mich an diesen Gedanken. Auch für mich war sanitarisch der Winter gut; allein die Studien giengen schlecht. Wohl half ich wacker mit, das Projekt der Kantonsschule zu zimmern, und wir erlangten dazu auch die Beistimmung der Souverain Representanten: Aber ob die vier Jahre keine Störung in die Ausführung bringen werden, ist noch eine unbeantwortete Frage. Von neuen Büchern erhielt ich StähelinsGND Icon Wirtembergische Geschichte, las sie aber noch nicht; der Ballast, der mitgegeben wurde. ist auch gar zu groß, wenngleich interessant. EdlibachsGND Icon Chronik, die ich früher in Ihrem Manuscripte gelesen und benutzt habe, brachte mir dagegen einige angenehme Stunden, vielleicht aus dem Grunde, weil ich dabei immer Herrn VögeliGND Icon als Mitherausgeber im Sinne hatte. Doch auch in der BischofzellWIKIDATA Iconischen arca obsoleta, wie Sie das Stiftsarchiv oft zu bezeichnen pflegten, fand ich noch einige schätzenswerthe Sachen und anderes hoffe ich noch zu finden. Ich bedaure nur, daß ich in 6 Wochen die Registratur vollendet haben soll und doch noch ein so großes Stück Arbeit vor mir sehe. Es will mir bald scheinen, es sei wirklich wahr, daß man, je älter man werde, mit den Geschäften immer schwerer fertig mache. Auch das wird so sein müssen. Es wäre auch gar zu traurig, wenn man mit der Arbeit am Ende wäre und doch noch sich arbeitskräftig fühlte. Um über der Vorwelt die Gegenwart nicht zu vergessen, füge ich bei, daß Herr Dr. ScherbGND Icon den Winter gut überstanden und gleichsam neue Lebenskräfte gewonnen hat. Die Rückkehr seines Sohnes AugustGND Icon von der Universität scheint namentlich dazu beigetragen zu haben; denn er hat in demselben einen hoffnungsvollen Gehülfen und Kunstjünger gewonnen. Unsere Familien haben auch, was im früheren Winter nicht mehr regelmäßig geschehen konnte, die Sonntagsabende wieder gemeinschaftlich zugebracht. Manchmal haben wir uns auch recht lebhaft an Sie erinnert, besonders am Berchtoldstage. Ach, das war noch eine schöne, goldene Zeit! Wie manchen herrlichen Genuß gewährten Sie mir! Die Erinnerung daran wird lebenslang dankbar in meiner Seele haften. Möge Ihnen auch dafür GottGND Icon noch lange Ihr theures Leben fristen und mir Gelegenheit gewähren, Ihnen fortwährend zu beweisen, daß ich bin Ihr hochachtungsvoll ergebener Pupikofer. BischofzellWIKIDATA Icon, 18. April 1847.

Normalisierter Text

Hochverehrtester Herr und Freund! Die vorgerückte Frühlingszeit hat schon oft die Mahnung an mich getan, meinen unvergesslichen Gönner und Freund auf der alten MeersburgWIKIDATA Icon heimzusuchen; allein neuerdings hat sich tiefer Schnee über den GauWIKIDATA Icon gelagert, und alles scheint im Winterfrost erstarren zu sollen. Ich selbst trage eine tiefe Schmerzenswunde in meiner Seele; denn vor wenigen Wochen hat mir der Tod eines meiner Kinder entrissen. Wenn ich daher auch nicht über das Wasser steure, das uns von Ihnen trennt, kann ich doch nicht anders, als Ihnen wenigstens brieflich von dem Verluste, der uns betroffen hat, Anzeige zu geben. Unsere liebe, sinnige und kenntnisreiche WilhelmineGND Icon, die als Kind so freundliche Herberge in EppishausenWIKIDATA Icon zu finden gewohnt war, lebt nicht mehr. Schon einige Jahre litt sie an einer skrupulösen Halsgeschwulst, welche allen angewandten Arzneimitteln zum Trotze stets zunahm, doch bei einer im Übrigen guten Gesundheit auf dem Wege der Operation Heilung hoffen ließ. Das gute Kind unterzog sich der Operation auch mit wahrem Heldenmut; denn sie hatte sich für Übernahme einer Lehrstelle in der französischen SchweizWIKIDATA Icon vorbereitet und dachte, sogleich nach geschehener Heilung dahin zu verreisen. Die Operation wurde in HeidenWIKIDATA Icon im Kanton AppenzellWIKIDATA Icon von einem Arzt vorgenommen, der schon mehrere Personen glücklich von demselben Übel befreit hatte. Auch gingen nach der Operation drei Wochen vorüber, ohne zu Besorgnissen Veranlassung zu geben, als ein Fieber dazu kam, das am 26. März unerwartet zum Tode führte. Die Vereiterung soll bei der zellenartigen Beschaffenheit der Geschwulst durch den Hals durchgedrungen sein und in die Brusthöhle sich ergossen haben. Die Selige erwartet auf dem Friedhof in HeidenWIKIDATA Icon ihren Auferstehungstag. Wie sehr dieser Verlust uns Eltern und besonders auch JulchenGND Icon schmerze, darf ich Ihnen nicht erst sagen. WilhelmineGND Icon war ja eine so gute und wohlgesinnte Tochter und Schwester und gegen alle Menschen so freundlich und teilnehmend, dass man sie schätzen und lieben musste. Vor wenigen Tagen ist auch Botschaft gekommen, dass General von ImhofGND Icon zu StuttgartWIKIDATA Icon zu den Vätern heimgegangen sei. Die drei Geschwister haben einander bald folgen müssen. Und unser Freund VögeliGND Icon in ZürichWIKIDATA Icon lebt zwar, sieht aber fast nichts mehr; denn seine Augennerven haben eine Art Lähmung erlitten, und dadurch ist auch zugleich seine geistige Kraft fast zur Unfähigkeit reduziert. Alles traurige Berichte! Indessen, so war der Welt Lauf von jeher: das wussten die, welche der Macht des Schicksals unterlegen sind, und werden wir auch selbst erfahren, wenn wir es nicht sonst glauben möchten. Um so mehr wundert es mich aber, wie es Ihnen gehe und wünschte ich zu vernehmen, dass Sie noch munter und frisch sind. Wenn sie mir nicht schreiben, so werde ich persönlich Bericht holen, sobald ich einmal für einige Tage loskomme, was freilich vor Ablauf eines Monats schwerhalten wird. Ihre lieblichen Kinder sind gewiss wieder um ein gutes Stück gewachsen, und in allen Geschicklichkeiten und Tugenden recht vorgeschritten; denn man sagte, dass die Mamma nun auch in der Fräulein TanteGND Icon eine Gehilfin gewonnen habe, das Erziehungsgeschäft zu fördern. Auch die Poesie wird bei Fräulein NetteGND Icon den Winter über sprießen und blühen getrieben haben; denn der Herbst war ja so gut und ergiebig, dass seine Wärme dem Frost keinen Zugang gestattet haben kann, der Geist des Frühlings also nicht gestört worden ist. Bis ich Näheres darüber erfahre, denke ich es mir so und vergnüge mich an diesen Gedanken. Auch für mich war sanitarisch der Winter gut; allein die Studien gingen schlecht. Wohl half ich wacker mit, das Projekt der Kantonsschule zu zimmern, und wir erlangten dazu auch die Zustimmung der Souveränrepresentanten: Aber ob die vier Jahre keine Störung in die Ausführung bringen werden, ist noch eine unbeantwortete Frage. Von neuen Büchern erhielt ich StähelinsGND Icon Wirtembergische Geschichte, las sie aber noch nicht; der Ballast, der mitgegeben wurde, ist auch gar zu groß, wenngleich interessant. EdlibachsGND Icon Chronik, die ich früher in Ihrem Manuskript gelesen und benutzt habe, brachte mir dagegen einige angenehme Stunden, vielleicht aus dem Grunde, weil ich dabei immer Herrn VögeliGND Icon als Mitherausgeber im Sinne hatte. Doch auch in der BischofzellWIKIDATA Iconischen arca obsoleta, wie Sie das Stiftsarchiv oft zu bezeichnen pflegten, fand ich noch einige schätzenswerte Sachen und anderes hoffe ich noch zu finden. Ich bedaure nur, dass ich in 6 Wochen die Registratur vollendet haben soll und doch noch ein so großes Stück Arbeit vor mir sehe. Es will mir bald scheinen, es sei wirklich wahr, dass man, je älter man werde, mit den Geschäften immer schwerer fertig mache. Auch das wird so sein müssen. Es wäre auch gar zu traurig, wenn man mit der Arbeit am Ende wäre und doch noch sich arbeitskräftig fühlte. Um über der Vorwelt die Gegenwart nicht zu vergessen, füge ich bei, dass Herr Dr. ScherbGND Icon den Winter gut überstanden und gleichsam neue Lebenskräfte gewonnen hat. Die Rückkehr seines Sohnes AugustGND Icon von der Universität scheint namentlich dazu beigetragen zu haben; denn er hat in demselben einen hoffnungsvollen Gehilfen und Kunstjünger gewonnen. Unsere Familien haben auch, was im früheren Winter nicht mehr regelmäßig geschehen konnte, die Sonntagsabende wieder gemeinschaftlich zugebracht. Manchmal haben wir uns auch recht lebhaft an Sie erinnert, besonders am Berchtoldstage. Ach, das war noch eine schöne, goldene Zeit! Wie manchen herrlichen Genuss gewährten Sie mir! Die Erinnerung daran wird lebenslang dankbar in meiner Seele haften. Möge Ihnen auch dafür Gott noch lange Ihr teures Leben fristen und mir Gelegenheit gewähren, Ihnen fortwährend zu beweisen, dass ich bin Ihr hochachtungsvoll ergebener Pupikofer. BischofzellWIKIDATA Icon, 18. April 1847.